Wassermusik
June 19, 2008 · Print This Article

Joan Wasser war die coolste Sau, der ich je begegnet bin. Damals, 1994 im Hinterzimmer eines Clubs in Boston. Sie versenkte gerade mit konzentriertem Blick Billardkugeln. Klack, klack, there goes another one… Sie trug tiefschwarze Dreadlocks mit blondierten Strähnen, enge schwarze Klamotten, tonnenweise Silberschmuck und einen herrlich herablassenden Gesichtsaudruck. Wenn sie lachte, was selten vorkam, tat sie es laut und dreckig. Alle Anwesenden waren ihr rettungslos verfallen.
Wasser spielte damals in einer Band, die heute längst vergessen ist: The Dambuilders machten Indie-Rock mit Ich-allein-gegen-den-Rest-der-Welt-Texten. Nichts Außergewöhnliches, wäre da nicht Wasser gewesen. Sie spielte Geige, als wolle sie jemanden damit umbringen. Kritiker feierten ihren Stil als zornig, wild und aggressiv. Wenn Wasser die Geige in den Nacken klemmte, hatte man immer ein bisschen Angst. Es war so vollkommen anders, als alles, was man gemeinhin mit Geigenspiel assoziierte: Blasse Damen mit Kaschmirpulli, biederem Rock und Perlenkette, „schöner Musik“ eben.
„Ich war ein knallharter Typ“, sagt Joan Wasser 14 Jahre, viele Bands und Haarschnitte später. Sie sitzt in einer eleganten Suite des 5-Sterne-Hotels Park Hyatt in Hamburg. Für Billardtische haben sie hier ganze Etagen. Sie ist immer noch höllisch attraktiv, wenn auch auf weniger einschüchternde Weise. Ihre Haare trägt sie braun und gestuft, der Pullover stammt unübersehbar aus dem Second-Hand-Laden, die Ringe sind allesamt gold und filigran geschwungen. „Damals konnte mir keiner was“, sagt sie, „das war natürlich lächerlich.“ Sie habe einfach nicht gewusst, wohin mit der Wut und den Gefühlen, die sie nicht einzuordnen wusste. „Wenn Du jung bist, hast Du keine Ahnung, wie Du Dich mit der Tatsache auseinandersetzen sollst, dass Du absolut in Panik bist. Heute bin ich froh, sagen zu können: Ich habe Angst. Die meiste Zeit stelle ich mich meinen Ängsten, indem ich Songs über sie schreibe.“
Es dauerte aber, bis die Öffentlichkeit diese Songs auch zu hören bekam. Zwar spielte Wasser weiter in Bands (u.a. Those Bastard Souls, Black Beetle), stand dabei jedoch meistens in der zweiten Reihe. Als Studiomusikerin arbeitete sie für Sheryl Crow, die Scissor Sisters, Lou Reed, Nick Cave und Dave Gahan. 1999 stieg die Multi-Instrumentalistin (neben Geige spielt sie Klavier und Gitarre) als Bandmitglied bei Antony and the Johnsons ein, seit 2004 spielt sie in der Band von Rufus Wainwright. Er war es auch, der sie ermutigte, es allein zu versuchen und ihre außergewöhnliche Stimme nicht mehr zu verstecken. 2004 erschien die erste EP unter dem Namen Joan As Police Woman. Der Name stammt aus einer Phase, in der eine vollerblondete Wasser mit Vorliebe in hautengen 70s-Einteilern herumlief. Dies bewegte einen Freund zu der Aussage, sie sähe aus wie Angie Dickinson in der TV-Serie „Police Woman“.
Nach „Real Life“ (2006) ist „To Survive“ das zweite Album von Wasser und ihren Bandkollegen Rainy Orteca (Bass) und Parker Kindred (Drums). An Höllengeigerinnen-Zeiten erinnert nichts mehr. „To Survive“ klingt zurückgenommen, sanft und harmonisch. Ihre Musik sei ein Hybrid aus Soul und Punk, sagt Wasser immer, wenn Journalisten die blöde Genrefrage stellen. Dieses Mal fehlt der Punk. Klänge Piano-Soul nicht so bekloppt, man würde es vielleicht so nennen. Doch zurück zum Titel, der auf Deutsch „Zu überleben“ heißt. Es liegt nahe, in der 37-Jährigen eine Überlebens-Expertin zu sehen. Ihre Teenager-Mutter gab sie zur Adoption frei. Ihr Freund, der großartige Jeff Buckley, verunglückte bei einer nächtlichen Schwimmpartie vor elf Jahren tödlich. Im vergangenen Frühling starb Wassers Pflegemutter an Krebs. Und das sind nur die Dinge, die bekannt sind. „Es gibt definitiv ein Thema auf diesem Album“, sagt Wasser. „Es ist etwas, mit dem ich mich immer wieder auseinandersetze und womit ich Frieden schließen will: Wie komme ich mit Einsamkeit klar, wie kann ich sie akzeptieren?“
Wasser wählt dafür fast immer die richtigen Worte. Sie meidet die unbrauchbaren, weil inflationär benutzten Sehnsuchtsvokabeln, die Liebe, Leid und Einsamkeit buchstabieren, und doch banal wirken, weil man ihnen die behauptete Tiefe nicht abnimmt (Beste Grüße, Herr Blunt!). Ihre Protagonisten verzehren sich nicht nach der einen Person, die sie rettet, sie wünschen sich lieber jemanden, der ihnen das Gerede von der eigenen Unabhängigkeit nicht mehr abkauft, wie in „Holiday“: „I feel this serene / When I let myself go / And give up all control / And my worn-out desire / to be free.“ Das größte Glück ist nicht, ein Herz und eine Seele zu sein. Das größte Glück ist, die Person zu finden, mit der man am liebsten seine Einsamkeit teilt: „This is the one / I will try / To be lonely with“, singt Wasser in „To be Lonely“. Diese Liebe ist aggressiv, voller Wut, Ungeduld und Unzulänglichkeiten. „Ganz oft denke ich: Oh mein Gott, das kannst Du nicht preisgeben, das lässt viel zu tief blicken“, sagt Joan Wasser und schüttelt dabei den Kopf, „und dann weiß ich: Okay, Joan – nun musst du es sagen! In dem Moment, wo man es raus lässt, erscheint es nicht mehr so bedrohlich.“
Die gute, alte Konfrontationstherapie. Da freut sich der Psychologe. Joan Wasser lacht sehr laut, als ich ihr sage, dass ich es hochgradig beängstigend finde, sich so mit seinen Schwächen auseinanderzusetzen. „Meistens akzeptiere ich meine Unzulänglichkeiten nicht, aber ich versuche es. Ich versuche auch zu akzeptieren, dass ich Fehler mache. Ich habe mir das Gitarrespielen selbst beigebracht und Mann, oh Mann, wie habe ich mich selbst erniedrigt. Aber du musst einfach weitermachen. Ich meine, ich werde nie, nie, nie an Jimi Hendrix heranreichen – aber das ist in Ordnung.“
Genauso, wie es in Ordnung ist, einem Wildfremden einen Song zu schreiben, in dem man ihm seine unsterbliche Liebe erklärt. Hat Joan Wasser alles schon gemacht. Der Mann reagierte verwirrt, um es freundlich auszudrücken. Er wusste nichts davon, dass er einer Frau begegnet war, die sich „zuerst und vor allem als Liebende“ begreift. Es hat etwas Anrührendes, das von sich zu sagen – in einer Welt, die sich vor allem über Status und Erfolg definiert und nicht darüber, wie viele Säcke voll Liebe jemand verteilt. Aber wie sollte sie denn sein, die Liebe, frage ich. Sie zögert nur kurz: „An erster Stelle steht für mich totale Ehrlichkeit, wobei es unglaublich schwierig ist, überhaupt zu sagen, was das bedeutet. Aber ich nähere mich meinen Vorstellungen immer mehr an (lacht). Die Fähigkeit, zuzuhören, ist ganz wichtig. Anteil zu nehmen und einfühlsam zu sein. Zärtlichkeit natürlich. Außerdem sollte man lernen, seine Wünsche dem anderen gegenüber zu artikulieren. Das ist wirklich schwer. Und man sollte auch bestimmte Grenzen wahren. Man braucht Zeit für sich selbst, die muss man schützen. All diese Dinge werden sich positiv auswirken.“
Ein „partner in crime“ ist Rufus Wainwright. Mit ihm singt sie auf „To Survive“ das grandiose Stück „To America“. Seit „This Mess We’re In“ von PJ Harvey und Thom Yorke hat es kein ergreifenderes Duett mehr gegeben. Dabei hat es Joan Wasser ihrem Duettpartner absichtlich schwer gemacht, wie sie gespielt schuldbewusst erzählt: „Ich habe seine Parts in einer hohen Stimmlage geschrieben, weil ich es liebe, wenn er sich anstrengen und aufrichten muss. Ich finde, es hört sich wundervoll an, wenn er aus seiner komfortablen Singstimme heraus muss.“ Sie lacht wieder. Das macht sie jetzt viel öfter als damals.
www.joanaspolicewoman.com
Text > Simone Deckner
Foto > Benne Ochs
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