Island | Feuer unterm Hintern

Juni 28, 2008 · Print This Article

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Die Erde atmet aus. Und es ist nicht zu ignorieren. Es riecht, als habe sie beim letzten Mal, als sie ihren gewaltigen Schlund aufriss, einen Berg fauler Eier verschlungen. Aus vielen kleinen Ritzen zieht weißer Dampf empor, von oben regnet es. Und plötzlich muss die Erde rülpsen: In dem kleinen Wasserbecken hebt und senkt sich der Spiegel unruhig. Eine riesige, eisblaue Blase steigt an die Oberfläche, spannt für den Bruchteil einer Sekunde eine hübsche Kuppel über die tiefe Grube, bis sie unter wildem Zischen und Rauschen von einer weißen, schäumenden, meterhohen Säule durchbrochen wird. Spitze Schreie unter den umstehenden Touristen in ihren bunten Regenjacken, die einige Minuten vorher von großen Reisebussen hier ausgespuckt wurden. Das heiße Wasser plumpst in großen Schlucken wieder herab, klatscht auf den Steinboden und auch auf ein paar unglücklich positionierte Touristen. Noch mehr spitze Schreie. Dann ist der Geysir verschwunden. Ja, es müssen definitiv Eier gewesen sein.

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Die Erde lebt – es gibt nicht viele Orte auf der Welt, an denen man das so deutlich zu spüren bekommt wie auf Island, kein anderes Land weist so viele geothermale Aktivitäten auf. Auf der Halbinsel Reykjanes im Südwesten bebt der Boden bis zu zwei Dutzend Mal täglich, kaum spürbar, aber eine permanente Erinnerung daran, dass diese dünne Haut in jedem Augenblick platzen und das glühende Innere hervorbrodeln kann. Unter der Oberfläche zieht sich die große, auseinanderklaffende Atlantische Bruchzone mitten durch das Land, die Eurasische und die Nordamerikanische Erdplatte bewegen sich voneinander weg und machen Platz für die gigantischen Energien aus dem Erdinneren. Manch einem könnte so etwas Angst machen, aber nicht den Isländern. Im Gegenteil, sie nutzen das Pulverfass, auf dem sie sitzen um zu entspannen und entwickelten daraus eine Open Air Badekultur, die ihresgleichen sucht. Etwa 600 größere Quellen bietet die Natur, aber auch 700 künstlich angelegte Bassins, so genannte Hot Pots, werden ausschließlich mit Erdwärme auf angenehme 38 Grad erwärmt und somit an den kalten Feierabenden gern auch zu Hotspots. Dazu kommen 125 geothermische Schwimmbäder, von denen viele mit Saunen und Dampfbädern ausgestattet sind. Die Palette reicht von einfachen Anlagen bis zum ultramodernen, 18.000 Quadratmeter großen Wellnesszentrum Laugar, dessen Pforten sich von Mitgliedern per Iris-Scan öffnen lassen. Wer auf seiner Islandreise seine Badehose vergessen hat, ist selber Schuld. Seit in den neunziger Jahren Island von mehreren Fluglinien als Destination angeboten wird, strömen immer mehr Besucher auf die größte Vulkaninsel der Welt. Im Gegensatz zu früher, als viele Passagiere lediglich ihren Zwischenstopp auf Transatlantikflügen nutzten, um die Gegend rund um den Flughafen zu erkunden, bleiben die meisten Urlauber nun mehrere Tage, vor allem in den Sommermonaten Juni bis August. Dabei bekommt man die Wellness, die hier aus dem Boden quillt, gerade an den in der Regel nur null bis drei Grad kalten, dunkleren Wintertagen viel deutlicher zu spüren. Die Blaue Lagune, nur 15 Autominuten vom Flughafen und 30 Minuten von Reykjavik entfernt, sollte man sich dabei nicht entgehen lassen. Dieser Ort hat nichts mit dem gleichnamigen Softporno mit Brooke Shields zu tun und klingt zugegeben eher disneyländisch als isländisch. Auch die Tatsache, dass es sich hierbei um den größten Touristenmagneten der Insel handelt, mag den ein oder anderen Natursuchenden abschrecken, tut dem Erlebnis aber überhaupt keinen Abbruch, vor allem nicht in der kälteren Jahreszeit, wenn man die Lagune fast für sich alleine hat. Als Abfallprodukt des angrenzenden geothermischen Kraftwerks entstanden, kamen erstmals in den achtziger Jahren Werksarbeiter auf die Idee, in dem mineral- und algenhaltigen Wasser zu baden und entdeckten dabei seine heilende Wirkung auf Hautkrankheiten. Hier fördert man aus 2000 Metern Tiefe etwa 240 Grad Celsius heißes Wasser nach oben, um mit dem Dampf Frischwasser zu erhitzen, Heizwärme und Strom zu produzieren. Hinterher fließt das abgekühlte Thermalwasser aus dem Erdinneren in die künstlich angelegte Lagune inmitten der anthrazitfarbenen, zum Teil moosbewachsenen Lavafelder.

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Hier und da dampft es aus Erdspalten. Es ist ein Grad über Null, der Himmel so knallblau, das man meinen könnte, Mutter Natur habe hier mit Photoshop nachgeholfen. Die Sonne blendet von oben und verwandelt die Wasseroberfläche in silbernes Glitzern. Irgendwo im Hintergrund, bei der Pumpe, die ständig neues Wasser in das Becken leitet, steigen dichte Nebelschwaden unter sanftem Zischen und Brodeln in die klare Luft. Und mittendrin schwebt man nun völlig entspannt, in mollig warmem, unglaublich weichem, milchig-blauem Wasser, lässt sich treiben, starrt ins Blaue. So muss es im Mutterleib gewesen sein. So wohlig und vollkommen. Und wenn in diesem Moment die Erdkruste unter einem aufreißen und glühendheiße Lava herausschleudern würde, die alles Leben unter sich begräbt, dann wäre das auch nicht weiter schlimm. Es gibt keinen besseren Ort, um zu sterben.
www.bluelagoon.com
www.visitreykjavik.is

Text > Kitty Bolhöfer
Fotos > Kitty Bolhöfer

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