Vom Falschen Im Richtigen China

July 1, 2008 · Print This Article

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Konfuzius sagt, dass Nachahmung die höchste Form der Bewunderung darstellt. Das mag weise sein, bei den Herstellern von Luxusgütern jedoch eher kritisch gesehen werden. Schließlich müssen die großen Designhäuser der Welt mit ansehen, wie ihre Produkte gleich in tausendfacher Stückzahl nachgeahmt und unter demselben oder zumindest ähnlich klingenden Namen, aber zu einem Bruchteil des Originalpreises verkauft werden. Was in Europa unter der Hand auf kleinen schäbigen Straßenmärkten den Besitzer wechselt, wird beim Großmeister der Bewunderung durch Nachahmung, sprich: China, in riesigen Tempeln des Konsums an den Schnäppchenjäger gebracht. Ein Ortstermin.

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Lo Hou ist ein Grenzübergang knapp eine Stunde nördlich von Hongkong, außerhalb der Sonderzone, schon in China, aber auch wieder in einer Wirtschaftssonderzone. Ich bin schon fast versucht „Sonderbarzone“ zu sagen. Beim Verlassen des Grenzübergangs kommt ein eigenartiges Gefühl auf, vergleichbar mit der früheren Eigenartigkeit eines Grenzübertritts von West- nach Ostberlin. Der Unterschied: Heute ist der sozialistisch-riesige Platz, auf dem man plötzlich steht, mit Werbung gepflastert. Das ist alles sehr falsch. Der Mensch bleibt klein, die Architektur ist hässlich und groß, noch größer sind die Reklametafeln. Zur rechten Hand attackiert das Lo Hou Shopping Center in seiner Hässlichkeit die Grenzen der Vorstellungskraft. Der Bau kann wohl locker das KaDeWe in Berlin zweimal fassen und steht einem Harvey Nichols oder Harrod’s in London in nichts nach. Drinnen herrscht etwas, was in mitteleuropäischen Kreisen als totale Hysterie gelten würde, in China jedoch niemanden in Unruhe versetzt und eher als reges Treiben gewertet wird. Die Architektur innen ist auch immer noch ein totaler Horror, keine Überraschung! Ich warte, versuche mich zu Sammeln und herauszufinden, was hier vor sich geht. Dazu habe ich noch genau zweieinhalb Nanosekunden Zeit, denn von allen Seiten kommen Menschen mit aufgerissenen Augen auf mich zu. Geredet wird von Filmen, Uhren, Luxus, Elektroteilen, in sehr, sehr gebrochenem Englisch. Sätze, auswendig gelernt, an meinen Kopf geschleudert – ich muss mich zusammenreißen, damit ich nicht den Beklemmungen erliege und alle von mir wegstoße. Hände fassen mich an, zerren an meinen Ärmeln, der größte Mist wird mir angeboten. Nach einiger Zeit merkt die Horde, dass ich jetzt nichts kaufen werde. Ich bin in eine Art katatonischen Schockzustand gefallen, denn ich habe realisiert, wo ich mich befinde: Im Alptraum von allen Leuten, die je für ein Copyright © bezahlen mussten. Hier gibt es alles, alles, alles. Nur nichts von den Firmen, die es originär erfunden, entworfen, entwickelt haben. Alles. Es fängt mit Schuhen an: Street- und Sportswear von DC, Adidas, Nike, Puma und und und… Herrenschuhe von Boss, Prada, Gucci und was weiß ich noch. Damenschuhe, Heels ohne Ende, hier und da Stilblüten wie zum Beispiel Manolo Blohnick und auch gern mal Bass. Alles in einem Shop-im-Shop-System.

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Weiter oben die Abteilung für Damen, der Handtaschenhimmel: Exakte Fakes von Marc Jacobs, Louis Vuitton, Hermès, Bottega Veneta, Balenciaga, Prada, Gucci, Alexander McQueen. Alle Teile sind aus den aktuellen Kollektionen. Ich frage nach einer Tasche für meine Mutter. Absichtlich stehe ich in einem Laden, in dem es die Tasche offensichtlich nicht gibt. Mein chinesisch ist nicht-existent, mein kantonesisch ebenso wenig. Weil das alle hier wissen und ich nicht der erste Touridepp bin, zaubert die Verkäuferin aus einem Koffer voller Kataloge einen Wälzer mit schier unzählig vielen Taschen darin hervor. Finger drauf, jemand läuft los, kommt zehn Minuten später mit der gewünschten zurück. Für fünfzig Euro könnte der im Original knapp viertausend Euro teure „Bottega Veneta Shopper“ ein Lächeln auf Muttis Gesicht zaubern. Es könnte so einfach sein. Aber nein, Markenpiraterie ist nicht gut, gar nicht gut, das weiß ich. Vor allem, wenn man einen iPod mit 32 MB Speicher angeboten bekommt… Die Tatsache hingegen, dass Markenpiraterie illegal ist, interessiert hier nur am Rande. Eine Menge Leute im Shopping-Center reagieren zwar hektisch, als Vertreter der Zollbehörde auftauchen und das ganze Kaufhaus unter die Lupe nehmen.

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Man möchte meinen, dass in jedem Moment alles auf dem Platz vor dem Kaufhaus auf einen großen Haufen geworfen und dann verbrannt wird, aber falsch gedacht. Der Oberzollbeamte steckt seinen Kopf in diverse Läden, doch irgendwie scheint das für ihn alles seine Richtigkeit zu haben, schließlich ist hier die schier unendliche Masse an Fakes so dreist zur Schau gestellt, dass das alles bestimmt gar keine Fälschungen sein können… Es ist eben ganz natürlich, dass in kleinen schäbigen Läden Hermès gleich neben Louis Vuitton steht und Nike T-Shirts mit der Aufschrift I LIKE LIKEY mit seinem Swoosh versieht. Allmählich kommen mir die Zollbeamten selbst wie Fakes in diesem riesigen Disneyland für Labelwahnsinnige vor, in dem Diane von Fürstenberg-Kleider für umgerechnet dreißig Euro zu erstehen sind und die Verkäufer mir noch ihre Visitenkarte in die Hand drücken, bevor sie mich mit der Einladung ziehen lassen, doch bitte jederzeit wieder reinzuschauen, schließlich gebe es jeden Tag neue Ware.

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Je länger man im Center bleibt, desto mehr lassen einen die Nervensägen auch in Ruhe. Ich kann also langsam und ungehindert durch die Gänge schlendern, bis ich mich doch in einem kleinen Taschenladen wiederfinde. Ich schaue mich nur um, denke ich, doch der Mann im Laden weiß mehr als ich und offeriert mir ausgiebig sein gesamtes Angebot. Ich winke ab, gebe zu verstehen, dass ich eigentlich nichts brauche, doch vergebens. Wie viel ich denn ausgeben wolle, werde ich gefragt. Dem Mann gefällt scheinbar, was ich sage, und eine Sekunde später schließen sich automatisch die Türen mit einem klackenden Geräusch. Ein beklemmendes Gefühl überkommt mich. Eine weitere Sekunde später gehen plötzlich die Jalousien zu, jetzt wäre es vielleicht langsam angebracht zu schreien. Ich bin komplett angespannt, habe nicht die leiseste Ahnung, was hier geschieht, und durch meinen Kopf jagen jetzt sehr wirre Gedanken und Szenen aus Filmen, die ich lieber nicht gesehen hätte. Der freundliche Chinese drückt einen weiteren Knopf. Ich versichere mich, dass keine Klappe unter meinen Füßen aufgehen kann. Just in diesem Moment gleitet ein Teil der Regalwand nach oben und gibt einen kleinen, auch für chinesische Verhältnisse, sehr kleinen Raum frei. Hier stehen allerlei Jutesäcke, bedruckt mit den Logos namhafter Hersteller. Die Handtaschen sind von unglaublich guter Qualität, der Preis, der mir genannt wird, ein klein wenig höher als die der Taschen vorne im Laden. Ich frage irritiert nach, immer noch mit der Paranoia im Genick, dass irgendwo jemand lauern könnte, um mich niederzustrecken, sollte ich es wagen zu fotografieren. Die Antwort kommt recht direkt und in überraschend gutem Englisch: Die Sachen in diesem Raum sind so Original wie das Original, so die Auskunft des Verkäufers. Ohne Marketing, ohne Einzelhandelsaufpreis, praktisch Fabrikverkauf. Spontan frage ich mich, was „vom LKW gefallen“ eigentlich auf Chinesisch heißt… Dann kommen mir Meldungen in den Sinn, wie es in chinesischen Gefängnissen aussieht. Die Vision mag übertrieben sein, andererseits: Keine Experimente! Tut ja nicht Not. Ich verabschiede mich, mir wird noch eine Visitenkarte mit der Direktdurchwahl ins Geheimzimmer gegeben. Als ich das Kaufhaus endlich verlasse, bin ich gefühlte zehn Kilo leichter, mein Hemd ist angstschweißdurchtränkt. Beim Rausgehen sehe ich noch ein paar H&M Fakes, hört sich irre an, ist aber so.


Text > Henrik Kürschner
Fotos > Henrik Kürschner

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Comments

One Response to “Vom Falschen Im Richtigen China”

  1. miriam on July 3rd, 2008 10:34

    ganz toll geschrieben der artikel – habe ähnliche erfahrungen in HK gemacht. leider hatte ich platzprobleme – so viele tolle sachen dort. weiter so, macht spass euch im netz zu lesen : )

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