Karl Heinz Müller | “14 oz.”

July 15, 2008 · Print This Article

mag_heinz-muller_portrait.jpg

Karl Heinz Müller (Bread&Butter) und sein neuer Laden “14 oz.”

Die Bread & Butter hat Berlin verlassen, seitdem ist die Welt zu Gast in Barcelona. In Berlin verwirklicht B&B-Erfinder Karl Heinz Müller derweil einen Traum: Er eröffnet einen alten Jeansladen neu… oder: auch einen neuen Jeansladen mit alten Werten.

Wann wird 14 oz. In Berlin eröffnen?
Am 17.Juli. Der alte Laden war vor ungefähr 10 Jahren in Köln, so 1999 haben wir aufgemacht. Die Zeiten haben sich auch ein bisschen geändert, ich denke auch das Niveau der so genannten „Urban-wear“ hat sich geändert. Wir wollen das jetzt natürlich entsprechend berücksichtigen, also ’ne Kopie von damals zu machen, macht wenig Sinn. Das ist der eine Punkt, der andere Punkt ist, dass dieses Gebäude und das Ladenlokal ein Juwel sind. Wir haben das ja sowieso gerne: in Spandau in den historischen Hallen, die waren damals denkmalgeschützt. Das gleiche hatten wir schon davor in Köln, wo die ersten Bread & Butters waren und jetzt in Barcelona haben wir wieder mit denkmalgeschützten Sachen zu tun. Das Messegelände ist ja auch historisch von 1929 und wir haben ja da auch sehr heikle Geschichten wie den Mies van der Rohe Pavillon, da darfst du nicht mal ’nen Nagel reinschlagen, aber wir sehen es eben als Aufgabe, den Laden dann auch entsprechend schön zu machen. Das Haus war ja ein Frühwerk von Alfred Messel, der später die Wertheim-Kaufhäuser aufgebaut hat. Wir haben einen wunderschönen Innenhof und den Garten und die Terrasse…

Aber warum denn überhaupt einen Denim-Multibrand-Store?
Das ist kein Denim-Multibrand-Store. Denim spielt eine große Rolle, das ist im Prinzip die Basis der gesamten, zeitgemäßen Bekleidung.

Warum machst du überhaupt einen Laden? Du hast doch die Messe!
Erstens mal war es so, dass ich in einem Laden mal angefangen habe zu arbeiten. Ich habe eine Ausbildung gemacht als Lebensmittelhändler an der Saar. So eine richtig schöne Feinkostabteilung war das, und die Saarländer essen gerne, so dicht an der französichen Grenze. Das Haus ist dort nicht so wichtig, die Möbel sind nicht so wichtig, das Auto ist auch nicht so wichtig, aber was auf dem Tisch steht, das ist dort wichtig.

Sehr sympathisch.
Auch dass die Gäste entsprechend bewirtet werden. Da kommst du nicht hin und kriegst eine Tasse Kaffee sondern da wird immer gegessen und man kommt immer wieder an den Tisch. Das hat eine gewisse Gastfreundlichkeit. Ich bin dann meinen Weg gegangen, war dann in großen Filialunternehmen, habe selber eine große Feinkostabteilung geleitet in Kaiserlautern, ging dann schon bisschen mehr in Richtung Industrie, und habe dann eigentlich den Jump gemacht zu Levi’s. Das war eigentlich meine erste textile Erfahrung, die ich gemacht habe, ich habe insgesamt 17 Jahre in der Textilindustrie gearbeitet.
Ich war bei Levi’s im Außendienst, bin dann später zu Bigstar. Das war eine ganz interessante Gruppe in der Schweiz, irgendwann ist mein Chef nach USA gefahren, und kam dann mit Carhartt zurück. „Kennst du Carhartt“, meinte er, das war so Mitte der 80er. Er hat eine Brownduck Jacke aus dem Kofferraum geholt und in die Ecke gestellt, so steif war die. Wir hatten ja damals schon Fabriken, eine eigene Wäscherei und haben dann so gewaschen, dass es tragbar war.

Also dein Interesse kommt eher von der Materialseite.
Ich habe durch Edwin Fay, sehr viel gelernt über Authentizität und Bigstar hatte auch immer ein sehr gutes Produkt. Man hat in Frankreich produziert und ich wurde sehr früh miteinbezogen, welche Denims man wählt und wie es gewaschen wird. Also er war schon ein ziemlicher Qualitäts-Fetischist. Dann war ich noch vier Jahre bei Marco Polo, da war ich auch Geschäftsführer und bin dann zu Pepe gekommen, auch vier Jahre.

Und danach hast du dich selbständig gemacht mit…
14 oz., das war schon immer so ein Traum! Vom Charakter her bin ich eher Unternehmer als Angestellter. 1999 habe ich dann in Köln einen Laden aufgemacht in einer Zeit, als Denim wirklich kein Hoch hatte und man das Wort Premiumdenim noch überhaupt nicht in den Mund genommen hat. Die Spitze waren damals Diesel, Replay, bis 200 Mark war da die Preisgeschichte.

Glaubst du denn, dass diese Premiumlinien überhaupt gut verkauft werden? Glaubst du nicht, dass das von den großen Brands nur eine Legitimation ist, ihr Image aufzupolieren, um nachher die Standardware massenweise zu verkaufen?
Man kann das sehen wie man will. In den letzten fünf bis sechs Jahren hat sich das Preislevel von Denim sehr erhöht. So manche Celebrityjeans… Also heute eine Jeans zu kaufen für 250 euro ist nicht mehr ungewöhnlich

Sag mir, was Premium ist.
Es ist so, dass eine kleine Zielgruppe von Menschen sehr viel konsumiert: diese Fashionvictims, die einfach exorbitant viel Geld ausgeben für Mode. Die berühmten double-income-no-kids-Leute. Warum man das aber trägt, ist immer unterschiedlich. Für mich persönlich, macht sich Premium an der Ware fest. Ich hatte seinerzeit in Köln Levi’s Vintage als erste große Order. Die dachten, der spinnt komplett. Auf den Originalwebstühlen in den USA produziert, unter den gleichen Voraussetzungen, wie sie früher gemacht wurden. Das ist für mich wirklich Premium -– hoher Wareneinsatz und man hat sich mit den Schnitten auch was Tolles überlegt.

Was für eine Jeans trägst du?
Ich trage Levi’s und, aus meiner alten Zeit, ein Produkt, das ich selber mitentwickelt habe, die habe ich jetzt an. Eine Pepe aus den Jahren 1996/97, das war damals ein ganz besonderer Denim, der hieß true size Denim, sehr tight constructed mit einer sehr tiefen Färbung. Von denen habe ich, ich weiß nicht, 20 Stück, und die trage ich reihum. Ich trage auch Atelier La Durance, das ist seit neuerem eine Jeans, die mir persönlich gut gefällt. Ich trage persönlich keine gewaschenen Jeans, aber das ist natürlich ein unvorstellbares Produkt, wovon ich eine ganz ganz hohe Meinung habe. Gilded Age aus New York z. B., das ist ein völlig fanatischer Typ, von dem was er macht, wie er es philosophiert. Oder Kohzo Jeans, das ist nichts für mich persönlich, aber er macht das wirklich super, auch die Schnitte. Man muss die Jeans regelrecht eintragen, damit sie gut ist, nichts aber auch gar nichts wird chemikalisch gemacht, ist alles organic. Er ist sogar so wahnsinnig, dass er nicht Denim bei den Webern kauft, sondern seinen eigenen Denim. Da hat das dann auch für mich Sinn, wenn so ’ne Jeans dann 550 Euro kostet.

War dir klar, dass über kulturelle Aspekte wie die Geschichte der Marke und wie die Sachen produziert werden, auch eine preisliche Aufwertung funktionieren wird?
Das war damals schwierig, das war damals eine Idee oder es war eine Begeisterung von mir persönlich. Die Levi’s 501 hatte damals in den Kaufhäusern 99 Mark gekostet. Meine billigste Vintage hat damals 298 Mark gekostet, die sah aber genauso aus. Da war das Big E dran, von dem viele gar nicht wussten, was das überhaupt ist. Aber wir haben das den Leuten dann erklärt. Es gibt halt viele Strömungen, einmal diese authentischen Geschichten, dann die Celebrity Geschichten, warum soll nicht G-Star mit seiner zehn Jahre alten Elwood, die nach der 501 die meistverkaufteste Jeans ever ist, nicht mal einen Klassiker oder ’ne handcraftet machen?

Was macht denn den Klassiker aus? Was macht so eine Brand wie G-Star oder Acne aus Schweden so besonders?
Alleinstellungsmerkmale! Und das ist G-Star meines Erachtens gelungen, indem sie die Elwood gemacht haben, die erste wirklich ergonomische Jeans. Die sah schon sehr maskulin aus mit dem breiten Hosenlatz, also ein Mann war ein Mann.

Workwear eben…
…ein Mix aus Workwear und einer Jeans, das war das Alleinstellungsmerkmal. Dann ihr Konzept raw denim…

Darf sich jeder Designer oder jede Marke an Denim versuchen oder gibt es No Go’s diesbezüglich?
Ich finde das ein oder andere Stück persönlich nicht so gut, manche Jeans kann ich nicht verstehen. Aber ich bin sehr liberal. Wenn es funktioniert, warum nicht? Es gibt Sachen, die ich nicht tragen würde, die ich nicht im Laden führen würde, auch wenn es super geht…

Was führst du denn im Laden? Was ist denn da das Konzept? Wie geht das von einem offenen Konzept der Messe zu einem selektiven Konzept mit einem Laden, der jetzt hier, in der Neuen Schönhauser Straße, umgeben ist von Mono Brand Stores aus dem ähnlichen Segment?
Jetzt hab ich einen Laden der 450 qm hat, da kann ich nicht so offen sein, wie ich das bei der Messe sein muss und kann. Insofern heisst der auch nicht Bread & Butter, sondern 14 oz. Das was ich jetzt mache ist das 14 oz. Konzept, aber auf die heutige Zeit umgesetzt, einerseits mit der Spitze der Urbanwear aber auch mit kommerziellen Marken, wie es bei der B&B auch ist. Da ist gar nicht so viel Unterschied…

Zum Beispiel?
Ich habe G-Star drin als durchaus kommerzielles Label, da kannst du PRPS dagegen setzen und Kohzo, die dann jenseits von 500 Euro liegen. Ich glaube, dass sich das durchaus im Laden verträgt. Wir haben Converse drin als Marke, die im Moment eine ziemlich große Rolle spielt, ich habe auf der anderen Seite aber auch einen Alden drin. Das tut sich nicht weh.

mag_georg-roske_heinz-mueller-04.jpg

Ist das ein Laden nur für Männer?
Nein. Er ist für Frauen und Männer. Ich habe Workwear wie Dunderdon, aber es wird auch ein Sakko von Kiton drin sein.

Wie erklärst du jemandem, dass er nicht dabei sein kann?
Es ist eben nicht B&B, es heißt 14 oz. Ich hab sowieso schon 60 Marken drin und wünschte, der Laden wär’ ein bisschen größer. Ich gucke mir viel an, ich hör mir viel an von Dingen, die ich persönlich nicht kenne. Da habe ich eine bestimmte Vorstellung. Ist es das Echte oder ist es eine Kopie von irgendwas oder eine starke Anlehnung an irgendwas? So erklär ich das…

Und warum machst du den Laden hier in Berlin und nicht wie inzwischen die B&B in Barcelona?
Also erstens mag ich Berlin und dass wir jetzt nicht mehr in Berlin sind, das ist mir schwerer gefallen als viele glauben. Es war irgendwann nicht mehr möglich, die B&B hier in Berlin zu machen. Wir hatten keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Aber Berlin ist eine interessante, tolle Metropole und Mitte sehe ich trotz der ganzen Monostores die hier sind, immer noch als ein richtiges und gutes Pflaster. Und was dazu kam, war eben dieses extraordinäre Haus zu finden! Ich bin da irgendwie so ein verkappter Architekt…

…du sieht gar nicht aus wie einer…
Nein, ich mag dieses Haus sehr und glaube auch, dass ich es deswegen gemacht habe.

Warum bist du aus Berlin raus?
Erstens ist die deutsche Messelandschaft Kraut und Rüben. Also in Düsseldorf haben sie jetzt zum fünften Mal probiert, ein junges Konzept aufzubauen. Das ist zum fünften Mal innerhalb von fünf Jahren misslungen und das bringt immer ziemlich viel Unruhe. Statt dass sich Düsseldorf mal konzentrieren würde und sagen würde, jetzt gehen wir mal den Damenbereich an, weil Düsseldorf ist einfach keine coole Stadt, ist keine Männerstadt, keine Street-Stadt, keine Szenestadt, keine Clubstadt – das kann nicht funktionieren. Was aber funktionieren kann mit der „Kö“ und mit allem was da so ist… Denn bei den Showrooms funktioniert’s. Wenn die sich jetzt mal wirklich Gedanken machen würden, wir haben den Mittelpreislevel für Damen, wir bauen jetzt aus nach oben und schauen dass wir die guten Agenturen unter einen Hut kriegen, die guten Marken, das würde für mich Sinn machen. Aber nicht dass wir jetzt sagen, jetzt machen wir Hip-Hop, das würde einfach nicht passen…
Wenn du in Frankreich bist, dann ist Paris die Stadt. Wenn du in England bist, ist London die Stadt. So ist es halt, wir haben aber eine andere Geschichte. München spielt eine Rolle, Frankfurt spielt eine kleine Rolle, jetzt kommt Köln wieder zurück. Und für Berlin muss ich sagen, es gab kein gutes Miteinander, das war unschön, wie eine schlechte Ehe. Man hätte sich hier auch einigen können auf bestimmt Bereiche, das hat alles nicht funktioniert und das war für mich das Problem. Es ist dermaßen zermürbend immer wieder. Es war sehr schwierig und dazu kommt, das Deutschland in der Frage, auch wenn es immer noch der größte Markt ist in Europa, sehr freudlos ist. Es macht nicht sehr viel Spaß, aber da kommen auch hard facts dazu, dass unser Gelände eine weitere Entwicklung nicht zugelassen hätte und nicht nur das. Wir hatten ja die schöne Halle gekauft, und die auf der anderen Seite vom Park hatten wir immer nur angemietet. Der ursprüngliche Vermieter von unserer Halle war Siemens und die Vermieter auf der anderen Seite war Pirelli. Irgendwann haben wir uns dann mit Siemens geeinigt auf einen Kaufpreis, den ich schaffen konnte, der fair war, insofern konnten wir uns auch als kleine Firma die Halle leisten. Siemens hat zuerst auch die Bank gespielt, weil wir zunächst gar keinen Kredit bekommen hätten. Ein Jahr später haben wir dann auch eine Bankfinanzierung bekommen und haben das dann auch wirklich bezahlt. Es war ein fairer Preis. Die Pirellihallen auf der anderen Seite waren in einem weitaus schlechteren Zustand.  Die Infrastruktur, alles was Sicherheit angeht, Dinge wie Klimaanlage oder im Winter Heizung, das war exorbitant teuer und die sind immer teurer geworden mit ihrem Mietzins.

mag_georg-roske_heinz-mueller-06.jpg

Also war es leichter wegzugehen, als hier den Standort Berlin weiter zu halten?
Irgendwann haben die gesagt, Herr Müller wir machen mit ihnen keinen Mietvertrag mehr. Sie müssen das Ding jetzt kaufen und haben mir einen exorbitant hohen Preis genannt, der für uns niemals zu schaffen war, den sie auch niemals erzielt haben. Sie haben ja dann verkauft, aber nur die Hälfte …

Warum hast du es nicht mit dem Messegelände gemacht?
Nein, das Messegelände… Ich hatte sehr engen Kontakt mit denen, aber die Vorstellung, die die Berlin Messe hatte, war preislich einfach nicht zu schaffen. Auch durch die Grüne Woche hätte ich den frühen Termin vergessen können, den ich einfach brauche, um international aufzumachen. In Barcelona habe ich den Termin jetzt nach der Pitti in Florenz. Ich hätte hier also meinen frühen Kick-Off verloren, und das ist für mich eins der schlagenden Argumente, warum die B&B so stark ist. Gelinde gesagt, war mit den Herrschaften nicht zu verhandeln. Ich hab gesagt, verschiebt eure Grüne Woche nach hinten, war nicht machbar…

Also es war festgefahren in Berlin und in Barcelona war’s offener?
Wir hatten ein schönes Gelände da draußen. Es war nicht wirklich praktisch, aber das haben wir immer sehr gut verheimlichen können. Doch dann gab es Zeiten, wo wir niemanden mehr in die Siemenshalle reinlassen durften. Also da war der Betrieb am laufen und dann standen vorne Leute von den Behörden mit ihren Clickern und haben gesagt: Jetzt geht da keiner mehr rein! Es war nicht mehr zu machen…

mag_georg-roske_heinz-mueller-01.jpg

Es war aber auch nicht mehr wirklich selected…
Doch, doch, es ist schon selected! Ich kann dir sagen, wir könnten das Doppelte verkaufen. Das einzige was wir nicht sind und das haben wir auch nie gesagt: Wir sind keine exklusive Messe. Und wenn man sich mal hier die Kollegen bei der Messe Premium anschaut, das ist auch nicht Premium, mal ganz ehrlich, also für ein Premiumsortiment, müsstest du jetzt mal Paris und Mailand hierhin bringen, was nicht der Fall ist. Also ich würde schon sagen, dass wir nach wie vor selected sind.

Was ist ein guter Geschäftsmann, Karl Heinz?
Oh Gott, ein guter ist wohl einer der die Bedürfnisse und Anforderungen der Zeit erkennt und dann aber nicht nur reagiert, sondern auch agiert und tatsächlich noch mal einen draufsetzt. Ich glaube, auch der Überraschungsmoment ist wichtig. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich ein guter Geschäftsmann bin, aber wir waren einfach unkonventionell. Wir gehen von Köln weg und gehen nach Berlin!

Sehr mutiger Schritt…
Kannst du heute noch nachlesen! Da gab’s die Fachpresse, die großen tollen Leute, die Wissenden, die Belesenen haben gesagt: Berlin funktioniert nie. Und ich hab gesagt: Es funktioniert!

Die Entscheidung hat den Erfolg gebracht…
Ein anderes Beispiel, wo ich mit meinen Partnern richtig Probleme bekommen habe. Ich habe gesagt, eine Messe ist ein Marktplatz und ein Marktplatz besteht immer aus Käufern und Verkäufern, das ist ein ganz einfaches Spiel. Alle Messen, wie sie auch immer heißen, sind wie verrückt hinter den Verkäufern her, also hinter den Ausstellern. Bei Fachmessen machen die eben 95% des Umsatzes aus, also trägt man die auf der goldenen Sänfte dahin und macht Zugeständnisse und was auch immer… Und ich hab gefragt, wo bleibt der Besucher? Wo bleibt der Käufer und habe dann vor vier Jahren dieses Active Guest Management eingeführt. Warum in Gottes Namen soll der Einkäufer Eintritt zahlen, wenn er seine Geschäfte machen will. Also hab’ ich das gestrichen. Oder, dass sich der kleine Händler aus Italien oder aus Polen oder Russland oder wo auch immer, hier durchwurschteln muss auf englisch. Also hab’ ich 30 Leute eingestellt, die mittlerweile im Haus über 20 Sprachen sprechen. Du kannst hier anrufen und auf japanisch dein Ticket bestellen. Polnisch, russisch, die Hauptsprachen italienisch, französisch, spanisch, englisch, portugiesisch sind sowieso obligatorisch da. Und wir sind in Kontakt zu den Einkäufern respektive den Besuchern und wir schicken denen im Voraus das Ticket mit einer Broschüre zu, die einfach informiert, wenn du über die Messe gehst. Das ist ein Paket von über sechs Millionen, was es kostet. Die Leute, der Umsatzausfall und so ’ne Broschüre rauszuballern per Kurier weltweit an über tausend Leute das kostet mal richtig Geld! Und ich hab damals zu meinen Ausstellern gesagt: Hört mal zu, das ist in euerem Interesse. Wir sind euer PR-Büro dafür und ihr müsst die Zeche zahlen, und von der einen auf die andere Saison hab ich den Preis um 30 Prozent erhöht, um das finanzieren zu können.

Die haben begeistert 30 Prozent mehr bezahlt?
Das war kein Thema, ich hab das gut ausgarbeitet.  Von tausend Ausstellern gab es einen großen Aussteller der sich geweigert hat das mitzuspielen und dann war er halt beim letzten Mal nicht mehr da wo er sein sollte. Aber mittlerweile sieht auch er es ein. Also es war gar kein Thema, es wurde durchgesetzt! Das sind für mich mutige Entscheidungen!

Hast du ein Vorbild persönlich oder business-wise? Leute, die du wirklich bewunderst?
Na gut man könnte jetzt bei den ganz Großen gucken (lacht). Also ein Vorbild, aber ich habe jetzt nicht den Anspruch dass ich so sein will, wie er… Wo ich einfach hingucke, ist sicherlich ein Karl Lagerfeld, den ich eigentlich für den Designer des Jahrhunderts halte.

Ehrlich?
Ja weil er auch einfach sehr sehr unkonventionell ist

mag_georg-roske_heinz-mueller_01.jpg

Der neue oder der alte Karl?
Der Designer der 2000er und davor. Ich finde einfach komplett zeitgemäß, was er tut. Wie er Chanel führt, finde ich fantastisch. Er war aber auch der erste, der gesagt hat, er macht was für H&M. Der erste Namhafte, aus der High Fashion der sagt: Hey ich mache was fürs Volk! Aber ich hab auch in meiner Zeit, als ich selber im Beruf war,  so ein paar Mentoren gehabt, wie den Edwin Faye, vor dem ich immer noch ’ne Riesenachtung habe. Oder so ein Fred Gering der Chef von Pepe und Hilfiger. Das sind Leute, die ich wirklich und von denen ich auch wirklich viel gelernt habe.

Was ist in der long term Pipeline für Karl Heinz Müller?
Beruflich ist es für mich so, dass ich mir natürlich Gedanken mache. Ich werde immer wieder Versuchungen ausgesetzt, in dem alle Nase lang irgendein Botschafter hier ankommt und sagt B&B in Singapur wär toll oder in Shanghai oder die Amerikaner machen mich verrückt. Wir haben mittlerweile 300 amerikanische Aussteller, ’ne B&B in L.A. wäre doch fantastisch oder in NYC oder Istanbul. Aber meiner Meinung nach kann man eine Institution wie die B&B nicht einfach multiplizieren. Das haben wir ganz bitter erfahren als wir Berlin gemacht haben und dann Barcelona. Wenn ich mir heute vorstelle, dass ich was in Asien und USA machen würde und ich hätte die ganzen Amerikaner und vor allem die Japaner nicht mehr in Barcelona. Es würde echt was fehlen. Warum sollten die dann reisen? Insofern ist mein long term Plan erstens, dass wir wirklich an einem Standort bleiben, und jetzt ist es Barcelona. Es ist für mich optimal, was da passiert, der Support ist optimal. Also würde ich gerne als Ziel Barcelona ausbauen.
Ein anderes Ding, an dem ich jetzt arbeite, ist die Stoffindustrie, respektive ihre Vorstufe. Dafür wird das erste Mal jetzt im Juli die Source stattfinden. Denn eigentlich ist es ja für jeden Designer so, dass die Stoffindustrie die Trends setzt.

Farblich vor allem…
Trendmenschen wie Willie Edelkraut, die fangen ja immer unten an und erzählen was von Trends. Also schieben wir die Source als Fundament drunter, zunächst mal zeitgleich. Die gesamten Produktmanager, Designer von allen Firmen sind auch immer da, weil sie einfach sehen wollen, wie reagieren die Kunden auf die Kollektionen. Das heißt, wir haben das Publikum schon da. Also das ist für mich ein ganz wichtiges Ziel, ich möchte die B&B qualitativ stärker ausbauen, denn das Gelände, das wir jetzt bespielen, ist voll. Das heißt, wenn jetzt neue Leute dazu kommen, dann muss immer einer weichen, der dann nicht so wichtig ist. Das gibt natürlich immer Ärger, aber dann hab ich halt keine andere Möglichkeit als zu sagen: Sorry, diese 100qm geb’ ich jetzt lieber denen. Das muss ich eben machen, wenn wir an der Qualität arbeiten. Mir ist dann noch dieser Socializing-Bereich sehr wichtig, also wir haben jetzt den Business Club gegründet. Das ist eigentlich ein Restaurant, das macht jetzt der Roland Mary vom Borchardts in Berlin.

Ein Klassiker also…
Ja, es ist ein Klassiker und das passt auch gut zur B&B, da laden wir dann unsere wichtigsten Partner ein. Ein paar Leute aus der Presse, ein paar wichtige Aussteller, ein paar Leute von wichtigen Firmen. Kann ich nicht nennen jetzt, aber eine ganz großartige Firma macht einen Relaunch im nächsten Sommer, die kommen jetzt um alles schon vorzubereiten. Die wollen das alles genau sehen. Und die kann ich dort schön empfangen und super arbeiten. Wir haben aber gleichzeitig ein Grand Restaurant. Da kommt das Pan Asia, wo man auch abends mal einen Tisch buchen kann. Wir haben den Lunapark super schön ausgebaut, wir haben jetzt das erste mal so einen kleinen Kindergarten da, den wir auch noch mal ausbauen, dass man den Leuten sagt, bringt eure Kinder mit und bringt eure Familien mit…

Also der Faktor Socializing ist dir sehr wichtig?
Ja, der ist ist mir sehr wichtig. Was ich dann möchte, ist das Ladenkonzept auszubauen, Das soll jetzt nicht ein Laden bleiben in Berlin. Sobald wir soweit sind, das ist alles eine Frage des richtigen Personals würde ich das Projekt gern in die Hauptmodestädte Europas setzen: Ich könnte mir vorstellen, in Kopenhagen, in Amsterdam, Paris, Mailand, Barcelona, Istanbul Läden aufzumachen.

Hast du einen Lieblingsshop?
Nee, eigentlich nicht. Es gibt Läden die ich gut finde, so ein Paul Smith Store in London. Einige Shops, in Tokio finde ich super. Aber manchmal sind so Läden so toll beschrieben und wenn ich dann reinkomme und mich frage: Oh mein Gott, wie kann das denn sein? Wenn ich einfach Sakkos kaufen will und dann höre, also für ihre Größe habe ich nichts, sie könne ja mal bei Kiton gucken, die haben Sachen, die sind ein bisschen erwachsener. Vielleicht gibt’s da noch ne 54 oder brauchen sie 56 ?

mag_georg-roske_heinz-mueller-02.jpg

In deinem Konzept geht es doch auch um ökologisch korrekt? Wie achtest du auf die Herstellungsbedingungen oder was ist öko-friendly an deinem Laden?
Es ist so, dass ich da kein fanatischer Typ bin. Wir gucken jetzt nicht das alles alles alles richtig ist, das wir da also heilig sind. Ich finde, man muss darauf achten, dass man gewisse Dinge einfach richtig macht. Ich hab’ eben von Kohzo gesprochen, da ist das schon ein Argument für mich das Produkt zu kaufen. Gerade Denim-Beschichtungen werden sehr oft mit irgendwelchen Chemikalien gemacht. Kohzo macht das halt komplett klar und rein, mal abgesehen vom Style, der sowieso toll ist. Dann habe ich Marken drin wie Kuyichi, auch ein ehemaliger Pepe-Kollege, den ich lange kenne und von dem ich weiß, wie genau er darauf achtet. Solche Produkte sind drin, Nudie ist drin. Also ich glaube, ich war der erste Nudie-Kunde in Deutschland. Die produzieren z.B. nur in Europa, nicht in Asien, solche Leute sind schon wichtig. Aber ich hab’ keinen Ökoladen.
Das gleiche ist hier mit dem Denkmalschutz. Es werden halt nur mineralische Farben eingesetzt, keine Latexfarbe oder ähnliches. Erstens weil es sowieso nicht schön ist und auch nicht zum Gebäude passt. Zweitens dürften wir es auch gar nicht. Aber wie gesagt, aber es bräuchte uns da keiner ein Verbot auferlegen, wir würden es sowieso nicht machen. Ich glaube aber, man muss auch sehr gut aufpassen, da nicht mit dem großen Zeigefinger zu stehen. Man kennt ja die Story von American Apparel, denen man auch nachgewiesen hat, dass nicht alles ganz koscher ist. Also ich würde mich nicht gerne hinstellen mit ’nem Heiligenschein. Man muss das ordentlich machen.
Ich möchte einen Laden haben, der selbstverständlich ist. Wo die Leute reinkommen und das Gefühl haben, der Laden ist immer schon da. Und dann haben wir lange rumgemacht, ich war mit allem nicht zufrieden und das ging bis vor ein paar Wochen. Der Eröffnungstermin rückte immer näher und wir hatten noch überhaupt kein System. Ich bin völlig verrückt geworden, hatte aber nicht die schlagende Idee und hab dann gefragt: Hey, wer hat Zeit an Pfingsten? Ich geh nach Paris, wer geht mit? Marko, der Geschäftsführer meinte, er komme mit und dann noch Nadja, weil die gut französisch spricht. Und dann sind wir hin und haben da unglaubliche Sachen gefunden, also ich hab da einen Typen entdeckt…

Wo hast du das gemacht?
Auf dem Antikmarkt in Paris. Habe da also die wunderschönsten Art Deco Lampen gefunden, die du dir vorstellen kannst und bin dann an einen Typen geraten, der mir sagte, es gebe einen Laden im 1. Arrondissement in der Nähe von der Saint Honoré, da gibt’s Leute, die sind so um die siebzig und geben ein Stoffgeschäft auf, das führende Stoffgeschäft in der Stadt. Mit denen habe ich einen Termin machen können und habe dann tatsächlich den ganzen Shop kaufen können. Eigentlich den berühmtesten Stoffladen, wo Yves Saint Laurent und Coco Chanel noch selber Stoffe gekauft haben.

Das Interieur hast du gekauft?
Ja das Interieur und das ist wirklich wunderschön. Insofern bin ich jetzt sehr sehr glücklich. Dann war ich in so einem Restaurant. Ein Riesen-Tamtam. Eine Dame, so zwischen sechzig und siebzig, 1,60 groß und genauso breit, weiß geschminkt mit schwarzer Perücke. Die hat die ganzen Edith Piaf Songs gesungen, so unglaublich schön, mit einem Akkordeonspieler, also so ganz klassisch. Die haben wir eingeladen, am Eröffnungsabend wird sie da sein.

Also du gehst auf Klassik?
Ja, wir gehen komplett auf Klassik. Der andere Floh, den ich im Ohr hab war, ich möchte ein Aquarium. Also ich war mal im Berliner Aquarium und hab da diese Quallen gesehen…

Quallen?!?!
Und hab gesagt, ich möchte ein Quallenaquarium da drin haben. Habe dann mit den Architekten und mit den Leuten vom Aquarium gesprochen, ob die mit uns da kooperieren wollen. Aber die haben gesagt, nee, wollen wir nicht, denn das ist unser Know-How, wir sind berühmt dafür und das geben wir auch nicht raus. Jetzt haben wir aber jemanden gefunden, der weiß wie es geht. Jetzt kriegen wir ein 500-Liter-Aquarium hinter die Kasse als Blickfang. Mit Quallen!

Wer sind deine Architekten?
Ansgar Schmidt und Henning Ziepke. Ich glaube, es wird sehr gut, es gibt auch so eine Luxuskabine hinten drin…

Du machst eigentlich einen Laden für dich selbst, oder?
Ja eigentlich schon, kannst du so sagen.

Wir haben etwas gelacht über deine Pressemitteilung, „and women who appeal to this kind of men“, steht da über deine männliche Wunschkundschaft. Ist das wirklich so gemeint, wie es da steht, Karl Heinz? Ich als Frau muss dich das fragen! Ganz schön chauvie mein lieber…
Ja, ich weiß, ein bisschen chauviemäßig… Aber ich meine ‚pff’, also Adam war ja auch zuerst da!

(Lachen)
Das war im alten 14 oz ein bisschen das Problem, dass wir eigentlich sehr maskulin waren und die Frauen eigentlich gar nicht so im Sortiment hatten, also so die richtigen Sachen. Die haben vielleicht mal eine kleine Jeans getragen oder einen kleinen Turnschuh… Gegenseitig müssen sie sich gut finden. Es gibt Frauen, die eben so einen Typ Mann gut findet und es gibt einen Mann, der so eine Frau gut findet. Schon jemand der tough ist, eine toughe Frau, die down to earth ist. Und das macht sich ja dann auch breit in der Musik und alles was da dargeboten wird. Also wir wollen nicht modern sein, überhaupt gar nicht. Aber ich möchte alte Werte wie Service. Also wenn du da reinkommst, am Samstag mit deinen Taschen, dann wird man dich ansprechen Cathy. Hoffentlich Cathy, weil ich möchte auch, dass die Leute da mit Namen angesprochen werden, sie dir deinen nassen Mantel abnehmen, mit dem du gerade durch den Schnee gelaufen bist, den wird man aufhängen, man wird dir einen Locker geben, wo du deine Sachen reintun kannst und dann kannst du dich bewegen im Laden. Und wenn du meinst, du musst sonst wo noch hingehen, dann lässt du sie halt stehen, kommst in 3 Stunden wieder und holst es ab. Also ich finde, du musst dich wohl fühlen. Du lässt möglicherweise viel Geld da, also musst du auch einen Service erfahren. Ich möchte jetzt nicht nur eine Stange reinhängen und dann hängen da teure Kleider dran. Das finde ich nicht richtig, es muss auch ein schönes Interieur sein, das muss einfach sein.
Und die Beschreibung, die ich da gewählt habe… Ich denke einfach, dass Männer gewisse Erfahrungen haben, vielleicht auch ein gewisses Alter. Manche fangen auch früh an, bei mir fing das früh an. Du hast einfach ein Qualitätsbewusstsein, du willst einfach die richtigen Sachen haben. Frauen gehen sehr viel mehr shoppen…

Ich glaube bei Männern ist die Hemmschwelle auch größer in einen Laden reinzugehen, der von außen schon so posh aussieht…
So viel Geld gibt man eben schon bewusst aus, finde ich.

Ich finde interessant, dass es sich sich ja an Männer zu richten scheint, die seit 10-15 Jahren Streetwear kaufen und dann auch irgendwie älter werden. Wenn du also auf sowas klassisches setzt, sind heute ja die 45jährigen eine andere Zielgruppe als vor 20 Jahren.
Absolut.

Wird das denn ein Problem, wenn du die Sachen von Pepe, Acne, die Sachen von den Läden drum rum ja auch einkaufen musst? Die werden auch auswählen, welche Stücke sie an den Monostore, an ihre eigenen Läden geben.
Ich glaube das Problem ist, dass der Einzelhandel generell schwierig ist. Und so eine Marke hat ja auch ne doppelte Marge, aber das große Ziel von jeder Marke ist immer im besten Laden zu hängen. Zum Beispiel Converse…

Die haben hier auch einen Laden.
Meine ich ja, da habe ich auch mit der Geschäftsleitung gesprochen. Die geben mir dann schon das Beste vom Besten. Ich weiß auch was das Beste ist und würde jetzt nicht nur einen normalen Chuck in schwarz kaufen, das gehört zwar auch dazu…
Für mich ist die Ware ein Punkt, das zweite ist der Laden, das dritte ist das Personal und das vierte sind die Aktivitäten, die wir machen werden.

Du investierst natürlich wahnsinnig viel, wenn du sagst Interieur, Ware, du schreibst große Order, der Laden ist nicht klein, der steht an exponierter Stelle der kostet Geld, und irgendwann musst du ja ein Break Even erreichen oder ist es ein reines Abschreibungsprojekt? Das ist doch ein Herzensprojekt, oder ?
Ja, aber weißt du, ich habe alles. Als ich die B&B gegründet habe, habe ich nie an Geld verdienen gedacht und ich bin auch kein reicher Mann, davon abgesehen…

Es gibt aber ärmere als dich, Karl Heinz!
Ja natürlich, aber, was ich habe oder zur Verfügung habe, das habe ich mit der B&B verdient.

Es ist auch kein Vorwurf.
Für mich gibt es einfach Sachen, die mache ich gerne. Weißt du als ich die B&B angefangen habe, habe ich das gern gemacht und dann ist ein Geschäft daraus geworden, und auch der 14 oz. Da bin ich damals mit wenig Geld relativ hoch eingestiegen. Ich glaube, man muss Sachen einfach richtig machen. Ich glaube auch, dass der Laden finanziell sehr erfolgreich wird, da glaub ich wirklich dran. Also wenn ich ein Abschreibungsprojekt brauche dann kaufe ich einen Öltanker!
Also ich möchte jetzt einfach ein gutes Fundament bauen. Es gibt einfach Sachen, die sind unehrenhaft. Wenn man zu viel Geld verdient ist es unehrenhaft, egal mit was.

Das ist doch mal ein schönes Statement, da gibt es garantiert viele Leute, die dir das nicht glauben. Du bist ja Marktführer geworden und schon mit einer gewissen „Gigantomanie“ rangegangen.
Es ist ja schon irgendwie das Größte, das Beste, das Tollste und es gibt sicher Leute, die damit nicht umgehen können. Also auch mit dieser Corporate Identity, das war klar. Deswegen war auch die Selected Brands rauszunehmen ein sehr mutiger Schritt, der mutigste Schritt meiner Meinung nach war der Umzug von Köln nach Berlin, wo es echt auf der Kippe stand.

Also es gab ja einen Markt, aber du hast den Markt schon an dich gezogen und natürlich andere auch verdrängt. Und das hast du natürlich auch nicht nur mit Samthandschuhen gemacht, das ging ja schon auch massiv zur Sache.
Wie meinst du das?

Na ja also dezent war es wohl nicht. Du bist gekommen und hast gesagt „Bamm! Berlin! Puff! B&B, wir hier!“ Das ist schon diese CI. Die Brand Eins schreibt von Größenwahn und Selbst- und Detailverliebtheit.
Also detailverliebt bin ich, größenwahnsinnig nicht. Wenn ich jetzt hier noch mal bei Mann und Frau anfange: Welche Frau will einen Schwächling?

Vielleicht eine starke Frau.
Ich bin ja sehr altmodisch. Ich glaube meine Freundin Tanja ist auch eine starke Frau. Dass eine starke Frau einen starken Mann will – das glaube ich einfach. Das zieht sich an. Und ich hatte nie schwache Frauen in meinem Leben. Ich hatte immer starke Frauen und bin mit denen auch zurecht gekommen, also ich wollte kein Heimchen am Herd, so bin ich nicht. Ich glaube einfach die Leute wollen sich auf etwas Starkes verlassen. Wenn man sich vorstellt, dass hier große Firmen wie G-Star oder Replay oder Adidas ihren Kick Off mit uns machen –  also die müssen sich auf einen starken Partner verlassen können.
Ich arbeite gerne mit starken Partnern und ich denke einfach, wenn man große Umsätze erreichen will, muss man auch was dagegen setzen. Uns ist es gelungen, wir sind nie ungesund gewesen. Ich konnte mir auch eine Sache leisten wie das Kraftwerk. War ein tolles Ding, hat uns aber am Ende des Tages 1 _ Millionen gekostet.

Warum hast du das eigentlich gemacht?
Ich hatte Berlin abgesagt, weil ich vier Monate vor dem Event eine gute Auslastung in Barcelona hatte mit 70 %. In Berlin war ich bei 15% von einem schon reduzierten Ziel. Da muss ich doch die Eier haben und sagen, passt auf Leute, das wird nichts, ich mach’s nicht mehr, ich möchte nicht sterben wie in Köln. Also ich glaube, ich habe mir nie selber in die Tasche gelogen und habe abgesagt. Da sind natürlich wieder Leute gekommen und haben gesagt, das geht doch nicht. Dann kam ein Freund zu mir, den ich schätze. Ein älterer Mann, der schon viel gesehen hat und ein Marketinggenie ist, für meine Begriffe. „Du bist das Arschloch der Nation“ hat er gesagt, alle schimpfen auf dich, nun mach doch irgendwas. Mach ’ne Party, mach irgendwas! Gib denen doch, was sie wollen und dann ging das halt… Ich habe der Presse gesagt, entweder es ist ein Neuanfang für etwas in Berlin, ein anderes Format, oder es war einfach eine gigantische Party und dann haben wir uns gut verabschiedet. Für mein Gewissen! Es war auch so, wenn ich ausging, haben die Leute mich angefallen auf der Straße…

Echt?
Ja klar, das war böse. Aber mit der Gigantomanie… Ich würde das nicht so sehen. Ich kann mir nur nicht vorstellen, so einen Salon zu machen. Jede Furzbude, die hier aufmacht, wird als Messe bezeichnet und das stimmt ja alles nicht. Entweder es ist ein Salon oder ein gesammelter Showroom. Früher hat man Börse gesagt, wo es darum geht, Klamotten zu verkaufen. Ich war lang genug im Marketing-Vertrieb, und für mich ist das allererste, eine Marke muss erstmal überzeugen.

Also das kommt auch noch dazu, wenn du von Zielen sprichst, was sind deine Ziele?
Also wie gesagt, die Source unten reinschieben, dass das richtig geht. Die B&B nicht vergrößern, einfach nur behalten wie sie ist und verbessern. In allem also, nicht weil sie schlecht ist, sondern um nie still zu stehen. Den social effect ganz nach vorne stellen. Und was ein großer Traum von mir ist, den ich vielleicht noch angehen werde, wäre ein europäischer Vertrieb. Also ein richtiges Vertriebmarketing. PR und Vertrieb für die Marken, die ich mag. Es gibt Marken, die ich mag, wie G-Star oder Levi’s oder Adidas. Die sind organisiert, das sind große Marken. Aber so ein Atelier La Durance kennst du bestimmt auch, eine Marke, die ich toll finde. Aber ich sehe wie der rumwurschtelt, sich jemand sucht in Spanien, noch jemand sucht und da geht’s und da geht’s nicht, ein Theater ist das ohne Ende. Wir haben doch heute eine komplette Vertriebsschwäche in unserem Land! Das sind so Sachen, aber wie gesagt, ich kann die Welt auch nicht verändern, wobei ich’s wirklich gerne würde.

14 oz
Neue Schönhauser Straße 13
10178 Berlin
www.14oz-berlin.com

Porträt KHM: Kristyan Geyr
Alle anderen Fotos >  Georg Roske
Interview > Cathy Boom

Keine verwandten Artikel

1. Diesen Artikel auf Twitter posten!

Comments

One Response to “Karl Heinz Müller | “14 oz.””

  1. geppetto on January 13th, 2009 22:58

    Hallo Modebewusstsein,

    sehr schönes Interview finde ich. Da sieht man wie der Hase läuft, aber wieso dann alle immer versuchen Hinterherlaufen zu müssen? – unerreichbar! Ich finds gut, da bleibt viel Raum übrig für Wenige und klar, 365 Tage Karneval muß nicht sein, aber wieso dann auch eigentlich nix wirklich Neues passiert und sich durchsetzt? Retro von 50er bis 90er hoch und runter hier, ein Hochzeitskeid schwarz mit weissen Punkten ganz trendy da, Bio für alle. Und wo bleiben dann die humanitären Arbeitsbedingungen und ordentlichen Gehälter? -”Nein ich, auf der einen Seite bin knausrig und wo anders schmeiss ich`s Geld raus wie Sau”- Man neigt dazu die Sachen irrsinnig zu bewerten und Dinge durcheinander zu bringen und trotzdem funktioniert`s komischer Weise… Jeder hat doch oder denkt zumindest seine eigene Identität zu haben und deswegen verstehe ich nicht warum eine starke etablierte Marke attraktiver ist, als der kleine feine unbekannte und seltene Hausname. Gigantomanie und Urlaub am Ballerman, ist das nicht stressig?

    schöne Grüsse vom
    geppetto

Got something to say?