Brian Atwood | Willkommen in Ballywood

July 26, 2008 · Print This Article

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Auf den ersten Blick wirkt die Kombination Bally und Brian Atwood wie eine Vermählung von Taschenmesser und iPhone. Die Schweizer Firma Bally, die soeben von der Labelux Group übernommen wurde, ist seit 157 Jahren im Geschäft, ihre Produkte sind qualitätsbewusst, funktionsorientiert und irgendwie in Ehrwürdigkeit erstarrt. Dagegen startete Sunnyboy Brian Atwood, 39, ältester Sohn einer Upper-Class-Familie aus Chicago, mit seiner eigenen Schuhlinie gerade erst richtig durch. Seine Markenzeichen: unvernünftig hohe Hacken und extrem modisches Design.
Trotzdem heuerte er vor einem Jahr als Kreativchef bei Bally an, und was nach Mesalliance aussah, scheint zu funktionieren: Das Repertoire – Schuhe, Taschen, Damen- und Herrenkleidung – wurde auf den neuesten Stand gebracht, ohne den zeitlosen Chic und die Hochwertigkeit, für die die Marke immer noch steht, über Bord zu werfen. Atwood griff dafür auf wenige, geschickt gewählte Effekte zurück: Hier ein Keilabsatz im angesagten 40er-Jahre-Stil, da eine große Tasche in glänzendem Pythonleder, feine, fließende Stoffe in schmeichelnden Farben für die elegante Cruise-Kollektion oder mit Ethno-Mustern und Troddeln verzierte Seidentunikas für die hippieske Konfektionsware der Sommersaison.

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Soviel Feingefühl traut man Brian Atwood, einem fast schon zu gut aussehenden Mann, der mit seinem Freund, dem Innenarchitekten Nate Berkus, zum jungen Jet-Set-Klüngel der USA gehört und gerne „great“, „sexy“ und „big“ sagt, nicht unbedingt zu. Aber vielleicht ist dieser Hang zum schönen Schein auch schlicht das beste Mittel, um das Label wieder zum Strahlen zu bringen.

Wenn Sie einer Frau begegnen, worauf achten Sie zuerst?

Auf die Schuhe!

Tatsächlich?
Na ja, das Gesicht und die ganze Erscheinung sind natürlich auch wichtig. Aber die Schuhe fallen sofort ins Auge. Sie runden das Bild ab.

Welche Art von Schuhen trage ich denn heute?

Oh, was für eine gemeine Frage! Dieses Mal habe ich nicht darauf geachtet – ausnahmsweise!

Warum sind Schuhe eigentlich so aussagekräftig?

Nun, sie erzählen sehr viel über eine Frau. Die Beziehung zwischen einer Frau und ihren Schuhen ist beinahe magisch: Denken Sie nur an das Märchen von Aschenputtel! Sie beeinflussen aber auch das echte Leben, verändern das Aussehen, die Art zu gehen. Schuhe können sogar die Laune heben.

Ist das der Grund, warum Frauen bereit sind, für Schuhe zu leiden? Ganz im Gegensatz zu Männern.

Sicher. Schuhe geben einer Frau das Gefühl von Unabhängigkeit. Das gilt besonders für High Heels: Sie verleihen einer Frau Macht, machen sie zur Superwoman! Damit muss sie sich von niemandem mehr etwas sagen lassen.

Schade nur, dass Modefaktor und Komfort immer noch unvereinbar scheinen.
Immerhin gibt es einige Techniken, die zu mehr Bequemlichkeit führen: besser ausbalancierte Absätze oder zusätzliche Polsterungen. Bei uns und einigen anderen Herstellern laufen sogar Studien, wie High Heels bequemer werden können, schließlich wollen Frauen damit nicht mehr nur vom Auto zum Sofa laufen. Bally hat sich übrigens schon vor Jahren eine weiche, biegsame Sohle patentieren lassen, diese Sohle habe ich jetzt auch bei den Damenschuhen eingeführt.

Manolo Blahnik war der erste Schuhdesigner, der Berühmtheit erlangte, danach folgte Jimmy Choo, dann Christian Louboutin, und jetzt werden Sie gehyped. Auch Sarah Jessica Parker trägt im „Sex and the City“ Film, der Ende Mai in die Kinos kommt, Schuhe von Brian Atwood.
Natürlich schmeichelt es mir, in dieser Liga genannt zu werden, aber ich muss sagen, ich habe auch hart dafür gearbeitet (lacht)!

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War „Sex and the City“ nicht insgeheim sowieso ein genialer Schachzug der Schuhindustrie?
Was die Serie für Schuhe getan hat, ist sicher absolut unbezahlbar! Immerhin wird seither akzeptiert, dass Frauen sogar ein Paar Schuhe kaufen, wenn das Geld danach nicht mehr für die Miete reicht.

Es kann aber auch zur Obsession ausarten wie bei Imelda Marcos.
Obsession halte ich für zu weit gegriffen: Ich würde sie eher als Sammlerin bezeichnen.

Sie finden also selbst diesen Auswuchs von Schuhtick legitim?

Wenn jemand genug Platz hat, ist nichts dagegen zu sagen. Menschen sammeln Kunst, Schmuck, warum nicht auch Schuhe?

Gibt es überhaupt noch Unterschiede zwischen dem Designer, der Kleidung kreiert und dem, der Schuhe entwirft? Früher waren die Disziplinen streng getrennt, heute avancieren, gerade bei den großen Luxusmarken, immer häufiger die Accessoire-Designer zu Chefkreativen. Bestimmt auch, weil mit Accessoires längst ein Großteil des Umsatzes gemacht wird. Sie sind bei Bally ja auch für alles – Schuhe, Taschen und Konfektionskollektionen – zuständig.
Ich denke, die verschiedenen Bereiche fließen immer mehr ineinander. Die jeweilige Ästhetik ist nicht mehr so isoliert und kann somit leicht von Schuhen auf Handtaschen und die Kleidung übersetzt werden. Ich habe übrigens nach dem Studium zunächst in der Konfektion gearbeitet, aber von Anfang an die passenden Schuhe mit skizziert. Es ging mir immer um den kompletten Look.

Angeblich ist es schwieriger, einen Schuh zu entwerfen als ein Kleidungsstück.

In der Tat: Es ist, als baue man ein Haus. Wenn beim Fundament geschlampt wurde, bricht alles zusammen. Es müssen viel mehr Prototypen angefertigt werden. Außerdem muss man sich wirklich gut mit Füßen auskennen, muss wissen, welche Teile man zeigen und welche man verstecken will. Für mich lautet das ultimative Ziel: den Fuß so attraktiv wie nur irgend möglich aussehen zu lassen.

Im Vergleich zu Ihrer Philosophie wirkten die Werte von Bally bisher eher old school. Warum wurden Sie eingestellt?

Anfangs dachte ich: Die wollen mich nur, damit die Marke sexy wird! Doch gleich zu Beginn habe ich das Firmenarchiv in diesem kleinen Dorf, in dem einst alles begann, besucht und war überwältigt. Zwei Tage habe ich dort verbracht und mich wie ein Kind in einer Schokofabrik gefühlt. Ich habe jede Kiste geöffnet, völlig die Zeit vergessen. Für mich war es ein Aha-Erlebnis zu sehen, dass Bally, was die Qualität und Kreativität der Entwürfe angeht, an Ferragamo heranreicht. Die Marke hat wirklich Trends gesetzt. Seither denke ich, Bally und Brian Atwood sind eine perfekte Kombination.

Gerade kam die erste von Ihnen verantwortete Kollektion in die Läden. Wie sind die Reaktionen?

Ich denke, wir haben es geschafft, die Leute neugierig zu machen. Gerade im Laden in Mailand kann ich gut beobachten, dass viel mehr junge, modeinteressierte Kunden herein kommen. Das Image der Marke ändert sich. Die letzten beiden Werbekampagnen haben sicher auch schon dazu beigetragen. Aber das war nur der Anfang! Warten Sie erstmal auf die nächste, die wir gerade mit dem Fotografen Mario Sorrenti und der Stylistin Lori Goldstein in New York geschossen haben.

Beide Namen sind in der Fashion-Branche sehr bekannt. Sie umgeben sich gern mit Prominenten, sind mit vielen befreundet. Wie wichtig sind diese Connections?

Extrem wichtig – unsere Gesellschaft ist so promiverrückt geworden. Man braucht nur im Internet die Blogs anzuschauen, in denen es nur darum geht, wer was trägt, und das Interesse daran nimmt auch noch ständig zu. Damit will ich nicht sagen, dass ich mit den Celebrities nur aus Geschäftssinn zu tun habe, obwohl es natürlich schön ist, dass ich Eva Mendes anrufen und fragen kann, ob sie nicht Lust hat, meine Schuhe zu tragen!

Da war es sicher kein Problem, sie auch für Bally zu begeistern.
Allerdings. Aber wir haben bereits eine ganze Reihe von neuen Fans: Brad Pitt trägt schon seit einem Monat eine Tasche von uns, und gestern rief Kate Bosworth wegen eines Kleids an. Das allein sagt mehr über die Marke als alles andere.

Das heißt, sie müssen ihnen die Sachen nicht, wie sonst üblich, aufschwatzen?
Nein, sie fragen von alleine danach. Mir ist das lieber, als mit dem Zeug hausieren zu gehen.

Brad Pitt hat sich also wirklich direkt bei ihnen gemeldet?
Nein, er hat unsere PR-Agentur in New York angerufen. Aber viele andere rufen mich selbst an.

Sie haben am Fashion Institute in New York Mode studiert, zunächst aber als Model gearbeitet. Ihre eigentliche Karriere begann dann 1996 bei Gianni Versace.
Es ging alles ganz schnell. Ich hatte gerade meinem Agenten erzählt, dass ich keine Lust mehr aufs Modeln habe und ihm einen handschriftlichen Lebenslauf geschickt, da war auch schon eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter: Versace bat mich zum Vorstellungsgespräch. Als ich dann vor ihm saß, fühlte ich mich wie ein Maler, der Picasso trifft.

Sie sind bald zum Chefdesigner für Damenaccessoires aufgestiegen.
Gianni hatte schon damals die Idee, den Bereich Accessoires stärker auszubauen. Erst gab es zehn Schuhe, dann Taschen, dann eine Kollektion, dann Gruppen. Damals waren Accessoires nicht mal ansatzweise so wichtig wie heute. Aber er hatte die Vision, dass sich dieser Bereich entwickeln würde. Er wusste auch, dass das Branding mindestens so viel zählt wie die Mode selbst.

Fünf Jahre später haben Sie ein eigenes Label gegründet. Wie wichtig waren die Jahre bei Versace für Ihren Erfolg?

Keine Schule hätte mir beibringen können, was ich dort gelernt habe. Ich war wirklich im Zentrum der Modewelt, noch dazu an der Spitze. Der Druck, der dort herrscht ist enorm, und er nimmt nie ab. Alle drei, vier Monate kommt die nächste Hürde. Das ist unglaublich anstrengend, hält dich aber auch auf Zack!

Text & Interview > Susanne Haase

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Comments

One Response to “Brian Atwood | Willkommen in Ballywood”

  1. Trunk Show bei Bally: Herbst/Winter 2008/09 | Tschilp on September 18th, 2008 23:50

    [...] empfehlenswertes Interview mit Brian Atwood habe ich hier gefunden. Ähnliche [...]

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