Martha Rosler | Library

July 29, 2008 · Print This Article

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Eine private Bibliothek verrät etwas Wesentliches über ihren Besitzer: Sie gibt Auskunft über die Eckpfeiler seines geistigen Kosmos. Dabei hat niemand alle Bücher, die er besitzt, tatsächlich gelesen, und es gibt vielleicht hunderte, die man las und nicht sein Eigen nennt. Das eigene Bücherregal erzählt also von geistigen Heimaten, Interessen, Angeboten, Verirrungen, Abwesenheiten und nicht verfolgten Fluchtlinien. Es lässt die Frage offen, wie wichtig welche der vorhandenen Lektüren tatsächlich für seinen Besitzer war, welche der abwesenden Bücher dennoch prägend blieb. Eine private Bibliothek zu lesen ist also mindestens so spannend, wie die Lektüre mancher guten Bücher selbst. Das unitednationsplaza in Berlin stellte im Juni 2007 die private Bibliothek der US-amerikanischen Künstlerin Martha Rosler zur freien Lektüre aus. Nun ist sie bei „Stills“ in Edinburgh zu sehen.

Nach Station in New York und auf dem Weg nach Paris, bietet sich damit in Berlin die einmalige Gelegenheit, intime Einblicke in die Lektüreheimaten von Rosler zu erlangen. Das eklektische Ensemble von Büchern zu Wirtschaft, politischer Theorie, Krieg, Kolonialismus, Poesie, Feminismus, Science Fiction, Kunstgeschichte, aus Kinderbüchern, Wörterbüchern, Karten und Reiseliteratur, sowie Fotoalben, Postern, Postkarten und Zeitungsausschnitten steht zu jedermanns Recherche zur Verfügung. Egal, ob die sich auf eigene Interessen oder das Werk von Rosler bezieht – die Bibliothek ist mindestens offenes Lesezimmer und Kommentar zugleich. Dabei gehört Rosler zu den wichtigsten amerikanischen Künstlern der Gegenwart. Sie arbeitet mit Video, Foto-Text, Installation, Skulptur und Performance. Ihre Arbeiten konzentrieren sich auf das Alltagsleben und den öffentlichen Raum, häufig mit Blick auf die spezifischen Erfahrungen von Frauen. Wiederkehrende Anliegen sind die Medien und der Krieg, ebenso wie Architektur und die städtische Umwelt, vom Wohnraum und Obdachlosigkeit bis zu Transportsystemen. Rosler war unter anderem auf der Venedig Biennale 2003 vertreten, der Biennale in Liverpool und Taipei 2004. Zurzeit nimmt sie an der documenta 12 teil sowie den Skulptur Projekten Münster. Nebenbei hat die auch als Dozentin tätige Rosler knapp ein Dutzend Bücher über Kunst und Kultur veröffentlicht, unter ihnen: „Decoys and Disruptions: Selected Essays 1975-2001“ (MIT Press, 2004) und die Fotobücher „Passionate Signals“ (Hatje Cantz, 2005), „In the Place of the Public: Airport Series“ (Hatje Cantz, 1997) und „Rites of Passage“ (NYFA, 1995). 2005 wurde Rosler mit dem Spectrum Preis für Fotografie ausgezeichnet. Und so wie die Künstlerin ist ihre Bibliothek: Klug und entschieden politisch in der Auswahl, häufig witzig und vielseitig interessiert, ist sie voll gepackt mit wesentlichen Büchern und Titeln, die jedem besser sortierten Buchladen zu Ehre gereichen würden. Dabei wirft die Ausstellung der Bibliothek einmal mehr generelle Fragen Fragen aktueller Kunst auf: Ist dies nun eine Installation, also Kunst, ein Kommentar, ein reflexives Auto-Seminar, ein Studierzimmer oder alles in einem?

Martha Rosler Library
1. August – 9. November 2008
Stills Edinburgh
23 Cockburn Street, Edinburgh
Eröffnung am 3. Juli um 19 Uhr

http://www.stills.org

Text > Christiane Hitzemann

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