Saâdane Afif | Le Demon Répétitif

August 19, 2008 · Print This Article

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Saâdane Afif ist so etwas wie ein Filter, der unendlich viele Antworten liefert, hochgradig rekursiv, eindeutig formal definiert, Hall erzeugend in dem Sinn, dass seine Arbeiten in ihrer Konzeption fast instabil wirken und ephemer werden, sobald man sich zu sehr eingeredet hat, sie zu verstehen. Der französische Künstler mit Sitz in Berlin hat kein Atelier – außer seinem Kopf und dem Ort der nächsten Ausstellung. Dennoch kann man seine Arbeit nicht sitespezifisch nennen. Wie auch besagte Filter analog sind, existiert Afifs Arbeit in einem Referenznetz aus Analogien, aus verschiedenen Darstellungen ein und derselben Sache, sowohl in Zeit und Raum, als auch in der Verschaltung von Wahrnehmungstechniken.

Für seine Ausstellung im Rotterdamer Witte de With konfiguriert Afifs aktuelle Arbeit die zwei absolut symmetrisch gespiegelten Raumteile des Museums wie ein Maxwellscher Dämon und fungiert so als Perpetuum Mobile seines Werks selbst: 1871 ersann der Physiker und Vater der Elektrizitätslehre und des Magnetismus James Clerk Maxwell ein Gedankenexperiment, um den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auszuhebeln. Ein molekülgroßes Wesen, der Dämon, sollte in der Lage sein, die Wärmeverteilung zwischen zwei Räumen zu regulieren und so eine Wärmekraftmaschine betreiben zu können, was dem von Max Planck formulierten Satz, es gebe keine periodisch arbeitende Maschine, die nichts weiteres leiste, als die Abkühlung eines Körpers und das Erhöhen einer Last, widerspräche. Afifs Arbeit jedoch hält sich in genau diesem Sinne selbst in der Schwebe.

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Saâdane Afif, Untitled (This the Way You & I Measure the World), 2004

Die Ausstellung besteht aus drei Grundelementen: In vielen früheren Arbeiten, wie etwa „Melancholic Beat“ im Essener Museum Folkwang, Saâdane Afif gelingt es, auch oder gerade mit optimal ruiniertem Hirn Entscheidungsprozesse umzukehren und zu thematisieren. Tokyo oder „Black Chords“ auf der documenta 12 in Kassel, hat Afif befreundete Autoren kommissioniert, Texte nach seinen Vorgaben zu schreiben, die dann wiederum von ebenfalls von ihm ausgewählten Musikern zu Songs umgearbeitet wurden. So bestehen die Ausstellungen stets aus einerseits aufeinander verweisenden, aber ohne einander unmöglichen und andererseits aus autonomen Produktionen. Im Produktionsprozess, so beschreibt Afif, werden von allen Akteuren Entscheidungen getroffen und bestimmte Wege verfolgt, andere dadurch nicht nur nicht eingeschlagen, sondern in ihrer Existenz unmöglich gemacht. In der Künstlichen Intelligenz nennt man diese Technik wunderbarerweise Optimal Brain Damage, die Vereinfachung von vernetzten Prozessen durch gezieltes Zurechtstutzen des Neuronenhirns. Saâdane Afif tut genau das. Allerdings gelingt es ihm, auch oder gerade mit optimal ruiniertem Hirn Entscheidungsprozesse umzukehren und zu thematisieren. Der Künstler gibt ein bestimmtes Set von Regeln und Impulsen an die Autoren, diese wiederum an die Musiker, und das Ergebnis entsteht letztlich erst in der Rezeption der Ausstellung. In einigen Fällen verlegte Afif Teile der Produktion in die Ausstellung, ließ ein Aufnahmestudio aufbauen und die entstandene Musik dann live performen.

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Saâdane Afif, Untitled (Montana Blues), 2005, detail

Für die Schau im Witte de With geht er einen Schritt weiter… oder zurück: Ausgehend von einer selbst produzierten Radiosendung, in der er seine Arbeiten aus Objekten, Texten und Songs präsentiert, deassembliert er alle vorhandenen Teile, geht die verzweigten Entscheidungsbäume zurück und schlägt mit denselben Grundvoraussetzungen neue Wege ein. Basismaterial sind die Labels, die in vergangenen Ausstellungen neben seinen Werken klebten. Anhand des minimalen Sets an Information darauf – Titel, Jahr, Materialien – produziert Afif aus denselben Vorgaben neue Objekte, die das gemeinsame Element der beiden Raumteile bilden. Während dann im einen Raum auf verteilten Kofferradios besagte Radiosendung nur die Substanz der anwesenden Kunstwerke diskutiert, durchmessen im gespiegelten anderen Raum einzig die Etiketten die sonst leeren Wände. Saâdane Afif appropriiert sich selbst, dennoch stellt er keine Remakes her und arbeitet nicht entlang exklusiver Diskurssysteme, die nur eine immer gleiche Petrischale an Publikum augenzwinkernd verstehen kann, sondern wohnt bewundernd einer Wiederkehr des niemals Gleichen bei. Ihm geht es um „répétition“, also die Wiederholung (auch der Differenz), aber auch um den zweiten französischen Wortsinn: die Probe, das Üben.

Das ist ein ungemein moderner, medientechnischer Ansatz, der sowohl in doppelter Hinsicht das aus Renaissance und Barock übernommene Prinzip einer „theoria cum praxi“ als auch die distribuierte Herangehensweise an Kunstproduktion realisiert. Denn viele Künstler lassen von ihrer Assistentenwerkstatt produzieren. Afif hingegen legt alle diese Prozesse offen, die gesamte Ausstellung wird zum eigenen Etikett, deren Teile auf Mikround Makroebene ineinander verschachtelt sind, bis hin zu den Besuchern selbst, deren Position und Positionierung innerhalb des so aufgefalteten Raums ebenso konkret und konstituierend ist, wie sie verschwindet. Die Treppe, die in den Ausstellungsraum führt, erreicht diesen genau an seiner Mittelachse, dort, wo der akustische und der optische Raum, die so strikt voneinander getrennt sind, aufeinander treffen. So wird der Besucher im selben Maße wie Afif, die Autoren und Musiker agieren, selbst zu jenem Dämon, der mit seinen Aktionen die Energieverteilung zwischen den Räumen reguliert.

Saâdane Afif,
„Technical Specifications“,
nur noch bis zum 24.08.2008,
Witte de With Center for Contemporary Art,
Rotterdam

www.wdw.nl


Erstes Bild > Saâdane Afif, Untitled (This the Way You & I Measure the World), 2004

Text > Paul Feigelfeld

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