Bertie Marshall | Berlin Bromley
September 25, 2008 · Print This Article

„Berlin Bromley“ ist ein todtrauriges Buch. Der Anfang steht am Ende, als Bertie „Berlin“ Marshall im Winter 2001, etwas alt und etwas abgetakelt, in seinem Promised Land Berlin strandet. Christiane F. findet er nicht wieder, schlägt dafür im Friedrichshainer Fischladen auf und merkt, dass jene Stadt, nach der er sich als Teenager im Londoner Vorort Bromley benannt hat, nichts mit Cabaret zu tun hat.
Neukölln ist tatsächlich kein Bowie-Song, sondern urbanes Elend und der Ex-Strichjunge, der eben kein Junge mehr ist, findet weder im Kreuzberger „Roses“ noch am Zoo einen Freier. Im Tränenpalast schließlich, in einer stinkenden Westwood-Jacke, trifft er seinen alten Bekannten Jon Savage und dessen Übersetzerin, die nun auch „Berlin Bromley“ übersetzt hat. Marshall bildete unter dem Alias Berlin Bromley in den späten 1970ern zusammen mit Siouxsie Sioux und einigen anderen das berüchtigte „Bromley Contingent“, die pharmazeutisch und kosmetisch überkompensierende Entourage des Klüngels um Westwood, McLaren und die Sex-Pistols. Berlin ist 14, als sein hakenkreuz-und-quer verlaufender Weg beginnt. Für den Leser ist es, ähnlich wie bei Filmen wie „24 Hour Party People“, ein quasi voyeuristisches Vergnügen, Marshalls zynische Schilderungen seiner persönlichen Dauerkonfiguration aus verschiedenen Uppern und Downern, Make-up und unbezahlbaren, aber zwingenden und zwängenden Stücken aus der SEX Boutique zu verfolgen. Sie ermöglichen einen bestimmten Blick auf den Aufstieg und Fall von Punk, dessen Akteure wir durch übel geweitete Pupillen beobachten können. Wie immer bei Insiderbetrachtungen, beginnt der Fall mit dem, was wir als Anfang dachten, dem Moment, als Punk den Phänomenstatus verlässt und sich in Form von Platten und TV verbreitet. Auch Marshall wird immer breiter und landet schließlich, nach einem pseudoglamourösen Leben als androgyner Speedstricher, zuerst wieder im elterlichen Vorstadthaus und schließlich im Berlin seiner Seele, das zufällig mit dem echten korreliert. Von 2008 aus betrachtet ist dieses Berlin fast so verrucht und legendär, wie man es damals nicht erlebt hat.
Bertie Marshall
„Berlin Bromley“
Ventil Verlag
www.ventil-verlag.de
Text > Paul Feigelfeld



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