Lykke Li | Mut zur Lücke

September 26, 2008 · Print This Article

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Die Wortgewaltigste ist nicht gerade. Lykke Li, 22-jährige Schwedin, Sängerin mit auf eigenem Label erschienenem Debut, das weltweit über den Major Warner vertrieben wird, hat vermutlich schon einiges hinter sich und selbstredend noch einiges vor. Aber auf Nachfragen hält sie sich kurz, nahezu einsilbig, lässt nur die Worte „gebrochenes Herz“ oder „Einsamkeit“ fallen, bis sie wieder die fast üblichen Statements abgibt zu ihrer Popmusik, ihrer Geschichte und der Geschichte der Popmusik überhaupt.
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Fangen wir mit ihrer Geschichte an: Geboren wurde sie als Lykke Li Timotej Zachrisson in Stockholm. Als Tochter einer Fotografin und eines Musikers, der allerdings ganz andere, in 68er-Zusammenhängen stehende Musik gemacht hat (Rock) und auch nicht entfernt so erfolgreich wie seine Tochter. Der Name Lykke ist übrigens dänisch und bedeutet „Glück“ und nicht „Lücke“, aber das sind auch im Deutschen zwei Wörter, die nicht allzu weit voneinander entfernt sind. Ihr Name gibt Lykke Li etwas Besonderes, sie hat nicht wie Kollegin Sarah Assbring (El Perro Del Mar, wir berichteten) einen Künstlernamen gewählt, um sich besser dahinter verstecken zu können. Sie hat in den Jahren, die sie in New York verbracht hat, weil sie dort unbedingt groß rauskommen wollte, als Tänzerin, als Sängerin, und die sie rückblickend eher misslungen findet, an ihrem Namen festgehalten, obwohl niemand ihn verstanden oder gar behalten konnte. Aber da ist sie stolz. Ebenso stolz ist sie auf ihren Akzent, den sie auch beim Singen ausspielt. Das schwedische Pendant zu Björk? Jedenfalls wirkt ihre Stimme auf diese Weise nicht so glatt wie die von der Britta Persson, der Norwegerin Annie oder der beiden Frauen, die einmal beim schwedischen Insidertipp ABBA gesungen haben. Lykke Li ist etwas Besonderes und will sich auch so verkaufen. Als das was sie ist. Etwas verschlossen vielleicht, aber keineswegs schüchtern.

Nach New York kam wieder Stockholm. Lykke Li war ernüchtert, aber nicht resigniert. Im Interview sagt sie, sie verstehe sich im Gegensatz zu ihrem Vater nicht als Musikerin, sondern als „artist“, in echt komponiert sie auf dem Klavier. Aus den so entstandenen Songs schnitt sie ein Demoband zusammen und reichte es herum. Über einige Ecken gelangte es zu Björn Yttling, der sie daraufhin kontaktierte und schließlich zu ihrem Produzenten wurde. Für den Indierocker Yttling, der mit seiner Formation „Peter Bjorn And John“ für den 2006er Sommerhit „Young Folks“ sorgte, stellte Lykkes Musik eine Herausforderung dar. Umgekehrt verhielt es sich genauso: Lykke Li hatte mit Indierock nicht zu schaffen. „I don’t know much about music history“, „Ich weiß nicht viel über die Geschichte der Popmusik“, sagt sie, als ich sie auf die Hamburger Reeperbahn hinweise, auf der ja schließlich schon die Beatles gespielt haben. Reeperbahn deshalb, weil das schicke Büro von Warner am Rande der neuen Hafencity in Hamburg liegt, wo Lykke Li eben aus London angekommen ist und mit mir und einem namenlos bleibenden Begleiter in einem Saal voller Sofas dieses Interview führt.

Aber zurück zum Indierock: Es ist eben diesem Clash der Kulturen zu verdanken, dass „Youth Novels“eine so gute Platte ist. Vielleicht müssen Indierocker kommen, um die emphatische Superpopmusik zu retten. Mirwais und Madonna, Mark Ronson und Amy Winehouse und jetzt, schwedisch-charmante Variante, Bjorn und Lykke Li? Vermessener Vergleich, und doch: Lykke Li macht eingängige Popmusik, Tanzmusik, Happy-Go-Lucky-Musik mit Abgründen. Die Abgründe werden durch die dichte, fette Produktion gut ausgeleuchtet. Auf die Abgründe angesprochen, sagt Lykke Li: „It’s broken-hearted.“ Und dass Tanzen immer noch die beste Art sei, mit Liebeskummer fertig zu werden.

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„I’m Good, I’m Gone“ und „A Little Bit“ sind neben anderen die hervorstechenden Stücke auf der Platte. Mit „Mercy“ von Duffy oder ähnlich gestrickten Hits kann das Material locker mithalten. Dass Lykke Li ihr Debut trotz Yttling und Popappeal zunächst indie, also im eigenen, „LL Recordings“ getauften Label veröffentlicht hat, hat wohl auch eine Menge mit der veränderten Einkaufspolitik der Musikindustrie zu tun. „This way I could control it, I handed it out like it is“, erklärt Lykke Li. Die Plattenfirma ist erst aufgesprungen, als das Produkt schon fertig war. Somit spart die eine Seite Kosten, die andere Seite spart sich Ärger, weil niemand in die Arbeit quatscht. Kommerziell, so dieses Wort heutzutage in diesem Kontext noch Sinn hat, ist die Platte so oder so. Egal, ob Lykke Lis Musik über alte oder neue Medien transportiert wird. Aber eben kommerziell und trotzdem gut. Geht bekanntlich auch.

Kommen wir zu den schimmernden Abgründen zurück. Ob Lykke Lis Verhältnis zu ihrem Vater gut ist, kann nur vermutet werden. Wer der Depp war, der ihr zuletzt das Herz gebrochen hat, lässt sich ebenfalls nicht so leicht herausfinden. Ob es einen neuen Deppen, vielleicht den unscheinbaren jungen Mann da hinten auf dem Sofa?, in ihrem Leben gibt, lässt sie ebenfalls offen. Wie dem auch sei: Lykke Li zeigt bei allem Oberflächenglanz, der von ihrer Musik ausgeht, gerne mal auf die Brüche. Oder deutet sie zumindest an. In ihrer Persönlichkeit, Vergangenheit, in ihrer Musik. Ihre aktuelle Lieblingsplatte ist übrigens „For Emma, Forever Ago“ von Bon Iver. Klamme, aber gute Depressionsmusik.

Und die Reeperbahn schaut sie sich am Abend an. Sie möchte sich so eine Stripshow ansehen, für diese Stangentänzerin hat sie sehr viel Respekt. „It’s not easy. You have to practice a lot“, sagt sie. Lykke Li selbst wird man demnächst auf ganz anderen Bühnen sehen. Mit richtiger Begleitband statt Stange.

www.myspace.com/lykkeli


Text > René Hamann

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