Richard Milward | Apples
September 29, 2008 · Print This Article

Lippenstift von Urban Decay? Check. Trainingshose in diesem angesagten Himmelblau von Kappa? Check. Da ist es für Eve, 15, auch nicht mehr so schlimm, dass die letzte Ecstasy-Tablette nicht den Erwartungen entsprach und ihre Mutter an Lungenkrebs stirbt. Der 22jährige Richard Milward, Kunststudent am Londoner Central St. Martins College, schildert in seinem Debut-Roman „Apples“ überzeugend das Leben englischer Prekariats-Teenager. Was für Eve und ihre Clique zählt, sind Markenartikel und der schnelle Kick durch Pillen oder One-Night-Stands. Ziel ist es, schnell erwachsen zu werden und die Zeit bis zur Flucht aus ihrer öden Mitte-von-Nirgendwo Heimatstadt zu überbrücken mit Fischstäbchen-Brötchen, Satelliten-TV, Alkopops und Blowjobs. Da passt der von Zwangsneurosen geplagte Adam zunächst gar nicht in Eve’s Beuteschema. Der Beatles-Fan ist eher der sensible, schüchterne Typ, wenn er nicht gerade seinen Vater ins Koma prügelt. Dass die Jugendlichen trotz ihrer erschütternden Sicht aufs Leben nicht unsympathisch wirken, dass man sich trotzdem für die Liebesgeschichte von Adam und Eve interessiert (inszeniert zwischen Hochhaus-Ghettos und McDonald’s Filialen), das ist ein Verdienst des Autors. Effektiv lässt er das Geschehen in wechselnder Perspektive nicht nur von den Protagonisten erzählen, sondern auch mal von einem Schmetterling oder einer Straßenlaterne. Es entsteht das Portrait von amoralischen Jugendlichen, die zugleich naiv und weise sind, die abstoßen aber auch faszinieren in ihrer Suche nach ihrem Platz in einer höllisch-paradiesischen Gegenwart. Meist beschreiben Autoren die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens im Rückblick: Jerome David Salinger war 32, als der „Fänger im Roggen“ mit seinem 16-jährigen Helden Holden Caulfield erschien; Irvine Welsh Mitte 30, als sein Roman „Trainspotting“ über jugendliche Junkies die Würgereflexe reizte. Aber Milward, der seinen Roman mit 19 schrieb, vermittelt überzeugend die Perspektive: Jetzt! „Apples“ ist ein harter, komischer und abgeklärter Roman über das Leben der nächsten Generation: „Der Fänger im Roggen“ in der Version der Arctic Monkeys.
Richard Milward, „Apples“
Blumenbar Verlag
www.blumenbar.de
Text > Annette Leyssner



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