
Es ist eine schöne Szene, die sich da im Sommer auf dem Vordach der Galeries Lafayette in Berlin abspielte: Patrick Blanc, grünhaariger Shooting Star der Gartenkunstszene in großgemustertem Blätterhemd und schwarzer Glattlederhose, hatte eben noch kess für die Kameras der Lokalpresse posiert, doch noch bevor sich das Blitzlichtgewitter eingestellt hat, wandte er sich seinem jüngsten Kunstbiotop hinter sich zu, fuhr mit seinen langen, spitz zugefeilten Fingernägeln durch die Blätter seiner Sprösslinge und sah nach dem Rechten. Ja, Blanc wirkt exzentrisch, wie es sich für einen Künstler gehört. Gemeinsam mit seinem Partner, dem französischen Bollywood-Sänger Pascal Héni (a.k.a. Pascal of Bollywood), bewohnt er einen dschungelartigen Bungalow am Stadtrand von Paris und lackiert sich seinen Daumennagel mit Vorliebe dunkelgrün „mit Glitzer“. Doch in erster Linie – und das spiegelt dieser Moment wunderbar wider – ist Patrick Blanc Doktor der Botanik und Wissenschaftler am Centre national de la recherche scientifique. Oder wie er auf charmant französisch eingefärbtem Englisch beteuert: „Yes, yes. I am totally a botanist, of course!“

Sein Markenzeichen sind Pflanzenwände, so genannte horizontale Gärten, eine Idee, die er sich 1988 patentieren ließ. Hierfür installiert er Kunststoffplatten an Wände und Fassaden, bespannt sie mit einem Acrylfilz und schlitzt Taschen hinein, um darin Pflanzen einzusetzen. Was dann mit der Zeit entsteht, ist eine Art botanisches Gemälde, das Ausmaße von kleinen Einzelwänden in Privatwohnungen bis hin zu Gebäude umhüllenden Rieseninstallationen annehmen kann. Mal entstehen hübsche, akkurat angeordnete Muster, dann wieder lässt er üppige Pflanzen scheinbar wild wuchern, mystisch-düster anmutend, als würde sich eine unheimliche Parallelwelt dahinter verbergen.
Das ausgeklügelte System basiert auf dem Prinzip der in den Tropen typischen vertikalen Staffelung und bietet der Flora einen zeitlich nahezu unbegrenzten Lebensraum, vorausgesetzt es wird mittels einer einfachen Schlauchvorrichtung regelmäßig gedüngt und bewässert. Blanc selber gibt in Interviews gerne zu Protokoll, dass er das Wasser übrigens den Pflanzen überlässt und sorgt während des Gesprächs lieber für eine regelmäßige Champagnerzufuhr. „Mit den Murs Végétaux versuche ich, ein Stück Natur in die von Beton dominierten Städte zurückzubringen“, so der Botaniker. „Ich möchte zeigen, dass Mensch und Natur sehr wohl harmonisch auf kleinem Raum koexistieren können.“ Der Vorteil von vertikalen Gärten gegenüber horizontalen ist, dass sie weniger Platz benötigen. Sie beanspruchen lediglich ungenutzte Fläche, nehmen in dicht besiedelten Gebieten dem Menschen also keinen Raum weg. Durch die Auswahl der Gewächsarten und die senkrechte Ausrichtung breiten sich die Pflanzen in einem steilen Winkel nach unten aus, statt wie auf dem Boden nach oben und in die Breite gleichzeitig. Dadurch kann doppelt soviel angepflanzt werden. „Mir ist es bei meiner Arbeit vor allem wichtig, eine besonders große Artenvielfalt zu schaffen.“ Auf der etwa 15 Quadratmeter großen Fläche, die nun bis auf weiteres die Fassade der Galeries Lafayette ziert, wachsen 250 verschieden Pflanzenarten.

Patrick Blanc ist seit seiner Kindheit von Pflanzen fasziniert, genauer gesagt: von tropischen Gewächsen. Den Forschergeist entwickelte er bereits im Kinderzimmer, wo er in seinem Aquarium tropische Zierfische hielt. Mit der Zeit verlagerte sich das Interesse von Tieren auf Hydrokulturen, die er dann langsam aus dem Wasser heraus züchtete, nach dem Vorbild der Tropenpflanzen, die in ihrem heimischen Habitat auf feuchten Klippen, in Grotten oder auf Bäumen gänzlich ohne Erdboden auskommen. Inzwischen ist der Mittfünfziger seit über 30 Jahren auf der ganzen Welt unterwegs, um von der Natur zu lernen. Zum Beispiel, dass Urwaldpflanzen mit einem Minimum an zur Photosynthese unabdingbarer Lichtenergie auskommen können, weil sie äußerst interessante Lösungen finden, um sich der schattigen Umgebung anzupassen.
Selbst am Boden, wohin es lediglich zehn Prozent des Lichtes schaffen, sich durch das dichte Blätterdach den Weg zu bahnen, herrscht statt Überlebenskampf eine immense Artenvielfalt. Für Blanc ist dies ein Verhalten, an dem wir Menschen uns ein Vorbild nehmen sollten: Miteinander kreative Lösungen zu finden statt immer mehr Ressourcen und Energie zu verschwenden und uns gegenseitig zu bekriegen. Mit der Darwinschen Evolutionstheorie ist er deshalb so überhaupt nicht d’accord: „Ich verstehe gar nicht wo diese Idee, dass der Stärkste gewinnt, herkommt! Ein Beispiel: Vor zwei Jahren wurde bei einer Affengruppe eine DNA-Analyse durchgeführt. Das komplexe Sozialverhalten entsprach in diesem Fall der typischen Rollenverteilung, bei der ein Männchen viele Weibchen um sich schart und alle schwächeren Konkurrenten verscheucht. Die DNA-Analyse ergab aber, dass der gesamte Nachwuchs von anderen Männchen gezeugt worden war. Das Oberhaupt war viel zu sehr damit beschäftigt, durch den Urwald zu laufen und seine Stärke zu demonstrieren, sodass er keine Zeit für seine vielen Weibchen hatte. Am Ende hatten die Schwächeren den ganzen Spaß und konnten gleichzeitig für den Fortbestand ihres Genmaterials sorgen. Es ist also totaler Quatsch, dass immer der Stärkste überlebt! In der Botanik ist es oft ähnlich. Pflanzen mit sehr kleinen Samen haben bei der Auskeimung viel bessere Chancen, weil sich kleine Samen leichter auf Wachstumsgrundlagen, wie etwa in Plankton, niederlassen können. Größere Samen dagegen sind oft zu schwer und fallen durch.“

Überhaupt hasst Patrick Blanc Konkurrenz. Ein harmonisches Miteinander ist Grundgesetz in jedem Wandbiotop. Ganz genau achtet er darauf, dass die verwendeten Arten gleiche oder kompatible Lebensbedürfnisse haben. Oben werden Arten platziert, die wenig Wasser benötigen, denn das sickert bei der Bewässerung wie an einer Klippe im Regenwald durch den Filz nach unten. Kletter- und Schlingpflanzen sind tabu, denn sie verhalten sich wie die Axt im Walde – sie überwuchern alles. Blanc zieht eine handgezeichnete Skizze der Berliner Installation aus seiner Hosentasche, um zu zeigen, dass bei der Planung jeder Pflanzenart ihr wohldurchdachter, genauer Ort zugewiesen wird: Ein Meer von eng aneinander geschmiegten langen, schmalen Blasen mit Nomenklaturen, die sich auffällig diagonal von der unteren linken Ecke nach rechts oben ziehen. „Unterbewusst wirkt diese Ausrichtung natürlich sehr positiv. Es ist ein wenig stupide aber effektvoll. Mir ist besonders wichtig, Optimismus auszudrücken.“ Und so lässt er an der Friedrichstraße Helleborus foetidus und Thuja occidentalis im Verlauf eines gewinnversprechenden Aktienkurses sprießen. Blanc hat bereits zahlreiche öffentliche Gebäude wie Museen, Philharmonien und selbst Parkhäuser mit seinen vertikalen Gärten belebt. „Die Murs Végétaux können im Prinzip überall angebracht werden – selbst in Berlin, wo ein relativ kühles Klima herrscht, kann die richtige Auswahl an tropischen Pflanzen überleben. Als nächstes würde ich gerne Bahnhöfe begrünen. Mich interessieren dunkle, deprimierende Orte, an denen man überhaupt nicht damit rechnet, etwas Lebendigem zu begegnen.“
Zum Schluss sei noch eine Frage an den Mann gestattet, der schon vor Jahrzehnten seine eigenen Innenwände wuchern lässt und nichts dagegen hat, wenn Zebrafinken durchs Schlafzimmer fliegen und sonstiges Getier durch die Wohnräume kriecht: Können Mensch und Pflanze eine Beziehung zueinander aufbauen? „Wir können ihnen die besten Wachstumsbedingungen geben, sie gießen und pflegen. Wenn wir wollen können wir auch mit ihnen reden. Aber nein, sie verstehen uns nicht, sie kommunizieren nicht mit uns und es ist ihnen auch egal ob wir da sind. Pflanzen kommen sehr gut ohne uns Menschen aus.“ Ja, Patrick Blanc ist durch und durch Wissenschaftler.
Text > Kitty Bolhöfer
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