Roots Manuva | Vom Nagen an der Wurzel

Oktober 1, 2008 · Print This Article

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Der große Mann schaut traurig hinter neuen Brillengläsern hervor. Er redet langsam, mit langen Pausen, und immer wieder scheint sein Blick in die Ferne zu schweifen. Dabei könnte Roots Manuva alias Rodney Smith bester Dinge sein. Er ist ein gefragter Feature-Gast, seine eigenen, allesamt auf Big Dada erschienenen Alben gelten mit einigem Recht als Instant Classics, „Witness (1 Hope)“ wurde von den Lesern des UK-Mags Hip Hop Conection als beste britische Hip-Hop-Single ever gekürt. Das vierte Album „Reason & Slime“ ist im Kasten. Was also nagt da an ihm?
Tiefer Seufzer: „Ich stehe vor einem Zeitraum von 18 Monaten, in denen ich Dinge tun muss: Shows, Auftritte, Proben, mich für das nächste Level bereit machen. Mein Vertrag läuft aus, es gibt Angebote für die Zukunft. Und mittendrin sitze ich und frage mich: Was bedeutet das alles? Wo gehen wir hin?“ Und auf die Frage, wo er denn hin will: „Dahin, wo ich frei bin, die Dinge zu tun, die zählen. Dinge, für die ich gemacht bin, statt der Dinge, die ich machen muss.“ Nun, Roots Manuva war schon immer ein seltsamer Rapper. Seine Stimme, sein Flow, und nicht zuletzt die meistens selbst entwickelten Beats waren von Beginn an so eigen, dass es kaum auffiel, dass er fast die ganz über sich selbst rappte. Weniger von Testosteron, Brandy und THC befeuerte Dauerhymne auf den eigenen Genius, sondern (durchaus Brandy- und THC-befeuertes) endloses, kunstvolles Zweifeln, Hadern, Reflektieren und Verhandeln mit sich selbst. Zum Teil lief das über Ersatzcharaktere, wie den einsamen Trinker in „Dreamy Days“, der trotzig rappt: „Whose house is this? This is my money, this is my pain, these are my drugs, this is my brain, and it’s never gonna bet he same.“ Aber es besteht kein Zweifel, dass Mr Manuva diese Gemütsverfassung kennt. „Look at the monster you made, look at the monster you pay,“ rappte er über dem Edeljazz von Cinematic Orchestra, „I’m too cold… I’m too old…, and it shows“, hieß es auf dem letzten Album „Awfully Deep“ und das ist rückblickend vielleicht auch ein Abschied von Stockwell, denn in seine alte Hood geht er kaum noch, weil er nicht gerne „nein“ sagt. Blöd, wenn einen von allen Seiten Schulfreunde um Tickets oder Auftritte für ihre singenden Töchter anhauen.

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So ambivalent sein mentales Verhältnis zu den namsstiftenden Wurzeln mittlerweile ist, so gefestigt ist es in seinen Beats – karibische Shuffles und tighten Kick-Snare-Kombinationen plus eigenwilligem Harmoniegesang. „Slime & Reason“ ist, musikalisch auf den Punkt gebracht, die Essenz seines Sounds: wurzelreich, leicht schwankend, mit reichlich Jahresringen und schroffen Formen, die die subtilen Verästelungen früherer Produktionen komplett abgelöst haben. Das ist beim eher geseufzten als gesungenen „Again and Again“ vor allem für jene, die Roots Manuvas Stimme in so unterschiedlichen Zusammenhängen wie Coldcut, Leftfield, Nightmares On Wax etc. schätzen gelernt haben, eine Enttäuschung. Die erst mit etwas Geduld der Feststellung weicht, dass auch auf „Slime & Reason“ wieder ein paar dieser Stücke schlummern, die man gemeinhin als „Grower“ bezeichnet. „Ich wollte, dass es klingt wie etwas, dass ein bisschen liegen gelassen wurde, um Staub anzusetzen,“ lächelt er, mittlerweile etwas aufgeheitert durch das Erzählen lustiger Geschichten von besoffen überstandenen Award-Zeremonien und frühen Sound System-Erfahrungen. Und ja, man könnte sich diese Tracks auch als aufgefundene Frühwerke vorstellen, denn was die alltagsnahen Reflektionen betrifft, bewegt sich das Album auf vertrautem Terrain.

So wie das Video zur neuen Single, dem vergleichsweise leichtherzigen double-time-Swing „Buff-Nuff“ die Reihe der an einem Nachmittag abgedrehten, gespielten Witze beerbt. Gerne erinnern wir uns an das „Witness“-Video, in dem er mit geliehenem Ferrari in seiner früheren Grundschule vorfährt um alte Rechnungen zu begleichen. Obwohl er drauf hinweist, dass er durchaus Dicke-Hosen-Texte in seinem Reimbuch hat, ist sein Verhältnis zum kommerziellen Erfolg von solcher Ironie geprägt, und der Demut eines Typen aus einfachen Verhältnissen. Die teure Armbanduhr muss er, wie er in dem (natürlich) grüblerischen „2 much 2 soon,“ rappt, vielleicht morgen wieder verkaufen. Denn nichts ist von Dauer, erst recht nicht der Erfolg.

http://www.myspace.com/rootsmanuva

Text > Eric Mandel

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