Nicht mehr lange… | Hiroshi Sugimoto

Oktober 3, 2008 · Print This Article

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Der Meister redet gern und viel. Ganz im Gegensatz zu seinen Bildern, die stets eine so transzendentale Ruhe ausstrahlen, dass schnell von Zen die Rede ist. Schließlich kommt Hiroshi Sugimoto aus Japan, lebt aber schon seit den 1970er-Jahren in New York. In der Retrospektive, die ihm die Berliner Neue Nationalgalerie noch bis zum 5. Oktober widmet, kommt Sugimoto ausführlich zu Wort. „Ich führe gewöhnlich Selbstgespräche“, führt Sugimoto zu seiner Serie „Theaters“ aus, „eine innere Frage-Antwort-Sitzung.“ Die Bilder sind Resultate komplexer Versuchsanordnungen. Theoretisches Gedankenspiel und praktisches Experiment. Am Ende bleibt eine Reihe von dunklen, opulent ausgestatteten Kinosälen. Die strenge Zentralperspektive setzt den Fokus auf eine blendend weiße Leinwand, die ihre eigene rechteckige Begrenzung auratisch überstrahlt.
Sugimoto hat hier einen ganzen Film auf einem Foto fixiert, vom Anfang bis zum Abspann, sodass die Überlagerung der Lichtbilder nur mehr ein blendend reines Weiß hinterlässt und das Kino in ein unwirkliches Halbdunkel taucht, in dem die Zuschauer verschwinden. Alle Bewegung wird getilgt. Oder wie Sugimoto es ausdrückt: „Zu viele Informationen führen ins Nichts.“ Das ist nicht zwangsläufig zen-buddhistisch zu verstehen, sondern auch als ironische Frage danach, was bleibt. Er sucht nach essenziellen Informationen, welche die Zeit überdauern, und reiht sich damit ein in eine ganz westliche Kunstgeschichte des Sublimen.

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„Marmara Sea“, Silivri, 1991

Erhabener Überwältigung durch die Natur gibt sich Sugimoto in der Serie „Seascapes“ hin. Auf der Suche nach Urzeitlichkeit ist er mehrmals rund um die Erde geflogen, zu den antiken Meeren der Welt. Antik kann ihm freilich jedes Meer werden, selbst der Bodensee. Ausschlaggebend ist nur die Idee, dass das Meer im Unterschied zum Land, welches ständig seine Form wechselt, unveränderlich bleibt. Das Pathos dieser Vorstellung setzt er rein formal um. Die Querformate sind immer von einem hohen Punkt aus aufgenommen. Die Kamera hat er so justiert, dass der Horizont genau mit der bildhalbierenden Waagerechten zusammenfällt. Eine Variation über Grauwerte dargestellt an der kristallenen Kälte des Japanischen Meers oder der Ägäis im Dunst.

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„Mediterranean Sea“, Cassis, 1989 

Eine seiner interessantesten und gleichzeitig sprödesten Serien setzt sich mit mathematischen Formen auseinander: Rotationskörpern, Helikoiden und Hypersphären. Nach geometrischen Formeln gefertigte Gipsskulpturen, die den Abstraktionen der Mathematik Gestalt verleihen. Den plastischen Nachbildungen der Perfektion schlechthin haften jedoch auch Hinterlassenschaften einer persönlichen Künstlerhandschrift an und Spuren der Zeit. Die für jede Skulptur notierten Funktionen stimmen nicht mehr wirklich. Für ihre Ungenauigkeiten und abgesplitterten Kanten bietet die idealisierte und in ihrer unbedingten Korrektheit erhabene Formel keinen Raum.
Sugimotos Wunsch, in der oberen Halle auszustellen, wurde zwar nicht entsprochen. Doch die Schauräume im Untergeschoss bieten ihm einerseits die Möglichkeit, seine Leuchtkästen „Lightning Fields“ spektakulär zu inszenieren, andererseits auf den sonst hinter Vorhängen verborgenen Skulpturengarten zu reagieren. In der seltenen Einheit von Garten und Raum offenbart der Mies-van-der-Rohe-Bau wahrhaft buddhistische Qualität. (Der Text ist in längerer Version bereits in der Tageszeitung veröffentlicht worden.)

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„Ohio Theater“, Ohio, 1980

Erstes Bild > „Tri-City Drive-In“, San Bernardino, 1993  

Hiroshi Sugimoto – Retrospektive, nur noch bis zum 05.10.2008

Neue Nationalgalerie Berlin

www.sugimotoinberlin.de 
www.smb.museum.de

Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen.

www.hatjecantz.de

 Text > Marcus Woeller

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Comments

One Response to “Nicht mehr lange… | Hiroshi Sugimoto”

  1. Chan TheJunction on Oktober 3rd, 2008 16:39

    Tolle Ausstellung, kann ich jedem wärmstens empfehlen. Wir haben auf unserer Seite übrigens auch über Herrn Sugimoto berichtet, schau doch einfach mal vorbei und lass uns wissen was du davon hälst.

    lg

    [Reply]

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