No Country for Old Men | DVD
Oktober 6, 2008 · Print This Article

Die Frisur ist der absolute Hammer. Allein durch seine wunderbar komische Haarpracht, die an eine Mischung aus Mireille Matthieu und siebziger Jahre Kinder-Topfschnitte erinnert, dürfte Javier Bardem nach seinem Auftritt in „No Country For Old Men“ ein Ehrenplatz in der Filmgeschichte sicher sein.

Kaum weniger lässig ist allerdings die Wahl seiner Waffen: Als psychopathischer Mörder Anton Chigurh erledigt der Spanier im neuen Film von Joel und Ethan Coen seine Opfer mit Hilfe einer Sauerstoffflasche samt Schlauch und Druckventil. Mit irrem Blick, irritierend träger Stimme und einem eiskalten, fiesen Unterton ist dieser höchst spezielle Killer unterwegs durch Texas und hinter Llewelyn Moss (Josh Brolin) her. Der Wilderer aus dem Trailerpark ist bei einem Abstecher in die Wüste auf die Überreste eines gründlich schief gegangenen Drogendeals gestoßen und hat zwischen einigen übel zugerichteten Leichen einen Koffer mit zwei Millionen Dollar gefunden. Der Verlockung, sie einzustecken, kann der gewitztnaive Cowboy nicht widerstehen, doch schon bald muss er nicht nur seine Frau (Kelly MacDonald), sondern auch sich selbst in Sicherheit bringen. Denn nicht nur, weil im Koffer ein Sender versteckt ist, rückt ihm Chigurh immer näher.

Die Coen-Brüder schicken noch einen dritten Mann in diesen brutalen Wettlauf durch den amerikanischen Süden: den besonnenen Sheriff Bell (Tommy Lee Jones), der den anderen beiden zwar auf der Spur ist, aber trotzdem irgendwie im Dunkeln tappt und nebenbei vor dem wachsenden Übel der Welt resigniert. Die drei Männer haben kaum gemeinsame Szenen, und doch hat die Inszenierung ihrer Geschichten nichts wahllos Episodisches. Bei aller Unterschiedlichkeit ist den Protagonisten doch die gleiche, kaum greifbare Verzweiflung gemeinsam, sowie nicht zuletzt die bis zur Schweigsamkeit reichende Wortkargheit, die in „No Country For Old Men“ eine ganz besondere Eindringlichkeit gewinnt. Die Coens bringen den Figuren und der 1980 spielenden Geschichte, die sich übrigens sehr eng an die gleichnamige Romanvorlage von Cormac McCarthy hält, enormen Respekt entgegen. Das Augenzwinkern, die Schrulligkeiten und die ironische Gehässigkeit, die so viele ihrer bisherigen Filme auszeichnet, haben die Brüder für diese Betrachtung der verschiedenen Facetten von Gut und Böse gänzlich außen vor gelassen. Nach eher enttäuschenden Durchhängern wie „Ein (un)möglicher Härtefall“ und „Ladykillers“ gelingt den Ikonen des USIndependent-Kinos so ein direkter, lässiger und ausgesprochen gewalttätiger Thriller in der Tradition von „Blood Simple“ oder „Miller’s Crossing“ und ihr stärkster Film seit mindestens „The Big Lebowski“. Von den hervorragenden Schauspielern über die meisterlich inszenierte Spannung bis hin zu den rauen, poetischen Westernbildern des einzigartigen Kameramanns Roger Deakins (der zuletzt auch „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ veredelte) und der Musik des langjährigen Coen-Mitstreiters Carter Burwell ist „No Country For Old Men“ ein motivreiches, kraftvolles und im besten Sinne uramerikanisches Meisterwerk von beeindruckender Perfektion. Dass zwischendurch auch Platz für das ein oder andere Lachen bleibt, versteht sich von selbst, schließlich ist das hier ein Film der Coen-Brüder. Nur kommt der Humor eben dieses Mal so staubtrocken wie die texanische Landschaft daher – und manchmal auch in Form einer absurden Frisur.
„No Country for Old Men“ von Joel & Ethan Coen ab Donnerstag den 09.10 2009 auf DVD und BD Paramount Home Entertainment
Text > Patrick Heidmann



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