Raf Simons | A Man´s Life | Interview
Oktober 6, 2008 · Print This Article

Vor drei Jahren übernahm der Belgier Raf Simons die Kreativdirektion bei Jil Sander, und spätestens seit diesem Move ist er als einer der unberechenbarsten, schillerndsten und gleichzeitig bodenständigsten Designer im Focus des Interesses. In seinem Ostpariser Showroom empfängt uns der Designer, komplett in Marineblau vom Polohemd zur Hose, mit einem Tupfer Schwarz in Form eleganter Lederschuhe, die ‚klick klick klick’ machen wenn Simons aufsteht, um einen neuen Fruchtsmoothie zu ordern. Eine Schachtel Zigaretten in der einen, das Getränk in der anderen Hand, beginnt das Interview. Der Fortysomething spricht ruhig, ernst und ohne Anstrengung. In ein paar Stunden wird er nach Mailand fliegen, wo ihn das Team erwartet, mit dem er seit 2005 für Jil Sander arbeitet. Es ist ein Treffen mit einem der führenden Köpfe der Gegenwartsmode. Ein anspruchsvoller Designer, ein Purist der außerhalb der Normen arbeitet.

Outfit > Jil Sander
Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie eine Kollektion präsentiert haben?
Glücklich und leer. Glücklicherweise habe ich zuletzt exzellentes Feedback auf meine Kollektionen erhalten, das gibt mir Kraft. Früher bin ich direkt nach der Show an die Küste gefahren und habe mich ausgeruht. Aber mir fiel bald auf, dass das keine so gute Idee ist. Aus einer Umgebung der Aufregung und des Kollektivs, ja, fast so etwas wie einer Familie, direkt in die Einsamkeit – das war zu radikal. Seitdem tauche ich nicht mehr ab, dazu fehlt mir auch die Zeit, Ich versenke mich in meine Kollektionen und die, die ich für Jil Sander (Männer und Frauen) entwerfe.

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Was können Sie uns über den kommenden Winter sagen?
Die Herrenkollektion für Wintersaison 08/09 spiegelt eine Periode im Leben eines Mannes wider, vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Für jede Phase habe ich einen Dresscode entwickelt, der jeweils mit seinem Lifestyle korrespondiert, seinen Interessen. Skaten, Musik, politische Haltung – jedes dieser Gebiete hat seine Codes, die dann im Alter von 50, 60 Jahren allmählich ruhiger werden.
Aber Sie werden sich wohl immer von der Straße inspirieren lassen?
Ja, denn dort spielt sich das alles ab. Die Codes sind sehr präsent und sehr inspirierend. Sie verwischen etwas. Wir haben all diese Perioden erlebt – New Wave, New Romantics, Punk, Grunge … Heute gibt es wieder Rock, er ist wiederauferstanden, aber auf dem Podium neben Hedi Slimane, nicht auf der Straße. Ich hatte immer eine starke Verbindung zur Straße. Bei dieser Show war meine Rolle anders, die eines Inspirateurs, der verschiedene Dresscodes anbietet.
In Ihrer neuen Kollektion kommt es sehr auf das Material an?
Als ich 1995 anfing, habe ich immer zuerst die Formen entworfen und dann nach den Materialien gesucht, die damit korrespondieren. Heute gehe ich andersherum vor. Das hat eine Menge mit meiner Arbeit bei Jil Sander zu tun. Bei dieser großen Firma habe ich ein größeres Budget und kann neue Materialien erfinden. Außerdem hat meine Kundschaft sich geändert. Sie ist erwachsener geworden, ihr Geschmack hat sich entwickelt. Sie trägt meine T-Shirts, aber auch meine Anzüge. Das macht mich sehr glücklich, denn ich wollte immer ein „New Tailoring“ für die junge Generation kreieren.

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Und was sind das für Materialien?
Alpaka und Sackleinen (Jute) – ganz basale und natürliche Stoffe. Es war eine Herausforderung für mich, die modernen Materialien zu meiden und diese Stoffe so zu verarbeiten, dass sie wirklich futuristisch rüberkommen. Es ist dasselbe wie mit dem Design: Um die Modernität eines Objektes wiederzuentdecken, musst du dekontextualisieren. Ein Stuhl oder ein Schreibtisch von Prouvé sind zum Beispiel in meinen Augen sehr modern. Ich hasse alles was pseudo ist, eher techno als Design. Ich mag Objekte, die ein Herz haben, darin liegt für mich die Revolution. Es muss auf dem Boden bleiben, in einem Bezug zur Realität stehen. Kleidung ist dazu da, getragen, benutzt und geliebt zu werden und zu altern, nicht um in einem Museum zu hängen. Die dicken Schuhe, die meine Models tragen, sind eine Referenz an diesen Bodenkontakt.
Was sind die Raf Simons Dresscodes?
Kommunikation und Kollaboration zwischen verschiedenen Generationen, das ist mein Leitmotiv. Ich stelle Fragen, ich fordere meinen Geschmack und meine Ideen heraus, gemeinsam mit meinem Team, aber auch mit Außenstehenden. Ich habe für meine Shows immer wild herumgecastet, Leute mit extravagantem Look auf der Straße gesucht, ziemlich radikal. Wenn sich diese Leute in meinen Sachen nicht wohl gefühlt haben, habe ich auch nicht versucht, ihnen ein Image aufzudrücken. Stattdessen habe ich gefragt, warum es ihnen nicht gefällt. Es interessiert mich, herauszufinden, warum modebewusste Leute nicht auf meine Sachen stehen. Es ist sehr wichtig, den Leuten zuzuhören, ob sie nun loben oder kritisieren – beides hilft mir weiter. Ich bin sehr offen für einen Generationsdialog. Leute in meinem Alter können mich kaum noch überraschen, ich bin lieber mit Differenzen konfrontiert. Vor allem in der Mode ist es entscheidend, die Grenzen des Akzeptablen herauszufinden, was Leute aufregt. Heutzutage ist alles marktabhängig, und wenn du ein gut versorgtes Luxuslabel mit Finanziers im Rücken hast, ist es leicht, eine hübsche Garderobe zu verkaufen. Mit schönen Materialien nach Schema F etwas Schönes kreieren, das ist leicht. Aber da, wo es anstrengend wird, wo man den Weg des Konsenses verlässt, da wird es für mich interessant.

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Denken Sie, es gibt heutzutage viel Leichtigkeit in der Mode?
Als ich 16 war, musstest du in Bewegung bleiben, wenn du das Niveau eines Künstlers wie Helmut Lang erreichen wolltest. Heute steht dir alles per Mausklick zur Verfügung, und wenn du es nicht magst klickst du es weg. Ich denke, es ist wichtig, sich selbst infrage zustellen. Mag ich dieses oder jenes Kleidungsstück wirklich? Wie kann ich es reinterpretieren? Leute wie Miuccia Prada oder Nicolas Ghesquière sind gute Beispiele, denn sie regen uns zum Denken an. Bei Ghesquières Arbeit für Balenciaga gibt es keine Kompromisse. Es geht gar nicht darum, ob du es gut findest oder nicht, das ist gar nicht ihr Ziel. (Ihre Kollektion) ist so stark und persönlich, dass es schon fast keine Frage der Ästhetik mehr ist. Sie schützen ihre Identität durch Radikalität. Während der 50er, 60er und 70er Jahre, sogar noch in den 80ern, haben Designer eine Geschichte erzählt, und die Leute haben sich Zeit genommen, bevor sie sich ihnen anvertrauten. Heute ist alles vermarktet und alles sieht dementsprechend gleich aus. Es gehört aber zu meiner Natur, anders zu sein. Ich verfolge zwar die Trends, aber ich fände es zum Beispiel uninteressant, nächste Saison mit Blumenmustern zu arbeiten, nur weil Ghesquière das gerade getan hat.

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Was verbindet Sie mit Ihrem Heimatland Belgien?
Das Düstere und eine gewisse Bescheidenheit, hoffe ich. Belgische Designer spielen generell nicht gerne Superstars. Ich mache diesen Job nicht weil ich im Rampenlicht stehen will. Mehr als alles andere mag ich das Alltägliche. Mit meinem Team zusammen zu sein, zu arbeiten, Leute zum Nachdenken zu bringen. Auf einer Fashion Party wirst du mich nicht erwischen, da bevorzuge ich ein Abendessen unter Freunden. Aber natürlich versuche ich, ansprechbar zu bleiben und das Spiel mitzuspielen, auch um nicht hochmütig zu wirken.
Und Musik?
Ich stelle mir jede Show wie einen Trip vor, eine Erfahrung, bei der auch Musik eine bestimmte Rolle spielt. Dieses mal benutze ich erstmals Kompositionen eines Künstlers, den ich noch nicht kannte. Michel Gaubert, mit dem ich zusammenarbeite, hat mir die Musik von Burial empfohlen. Ich suchte etwas Düsteres – ein bisschen traurig, aber auch fragil und bewegend, also keine Gruft-Stimmung, sondern mehr im Sinne von Massive Attack. Ich habe mir zwei CDs von Burial angehört, und sie haben mich weggeblasen. Normalerweise benutze ich Musik mit dicken Beats, aber dieses mal war es etwas anderes als die amerikanische Musik, für die ich sonst empfänglich bin, so wie The Carpenters.

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Mittlerweile haben wir uns an Ihre wilden Locations gewöhnt (ein Parkdeck in Pigalle, ein Event im botanischen Garten in Vincennes), aber der Ort, den sie für ihre letzte Show gewählt haben, wirkt dagegen geradezu klassisch.
Ich wollte, dass sich die Zuschauer auf die Kleidung konzentrieren. Die Leute sind heutzutage blasiert, Shows sind gewaltige Maschinen, große Produktionen, die das Publikum von den eigenen Emotionen abschneiden. Ich wollte diese Verbindung wieder herstellen. Deswegen habe ich einen eher neutralen Platz wie das Palais de la Porte Dorée gewählt, wo die Nähe wichtiger ist. Die Models bewegen sich auf der selben Höhe und inmitten der Zuschauer, die auf diese Weise das Material wirklich spüren können.
Wie gewichten Sie Ihr Verhältnis zwischen Ihrem eigenen Label Raf Simons und dem von Jil Sander?
Ich bin ununterbrochen am Reisen. Eine Woche in Mailand für Jil Sander, die nächste für mein Label in Antwerpen – mein Zuhause, wo ich die Wochenenden verbringe. Jil Sander ist ein Label auf meiner Wellenlänge. Ein sehr reiner Stil, distanziert. Intellektuell und kulturell finde ich mich darin wieder. Es geht nicht nur ums Ausdenken von Kleidung, mehr um ein Lebensgefühl. Auf der wirtschaftlichen Seite weiß ich zu würdigen, dass lange Zeit rund 90% des Umsatzes aus den Verkäufen der Prêt-à-porter-Kollektionen kamen. Nicht von Taschen oder Schuhen. Selbst wenn ich heute nicht mehr gezwungen bin, zu tun was mich nicht interessiert, spricht das für die Integrität des Unternehmens.

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Was denken Sie über Kollaborationen mit anderen Labels?
Ich habe früher meistens abgelehnt, aber heutzutage finde ich es interessant, auf diese Weise in Kontakt mit dem jungen Markt zu bleiben. Deswegen habe ich auch meine zweite Linie „Raf by Raf Simons“ kreiert – Jeans, T-Shirts, Blazer und Jacken. Raf Simons ist luxuriöser geworden, teurer, und vielleicht auch elitärer, aber ich will um keinen Preis diejenigen ausschließen, die mich von Anfang an unterstützt haben. Gleichzeitig reizt mich zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Eastpak – einem großen Taschen- und Gepäck-Label, das wirklich in der Lage ist, den Teenage-Look zu prägen. Deswegen habe ich diese großen Rucksäcke ultratechnisch gestaltet, und weniger teuer als die Taschen meiner Hauptkollektion, bin mir aber trotzdem treu geblieben. Dasselbe gilt für die Pullover, Poloshirts und Hosen, die ich für Fred Perrys aktuelle Winterkollektion entworfen habe. Wir teilen den Wunsch, den Geschmack dieser Ära weiter zu entwickeln, indem wir uns und unseren Kunden und Produkten treu bleiben. Von daher war es nur natürlich, dass ich zusagte.
Befinden Sie sich an einem Wendepunkt?
Man befindet sich immer am Wendepunkt. Weiterentwicklung ist für mich ein konstanter Job. Am Ende des Tages musst du dich in jeder Karriere für einen von zwei Pfaden entscheiden. Halte an deinem Erfolg fest, ohne dich zu verbiegen und stelle dabei dir, deinem Team und deinem Publikum ständig neue Herausforderungen. Diese zweite Hypothese ist von mir. Es liegt in meinen Genen, anders zu sein und zu versuchen, Originalität zu konservieren.
Wann wird es endlich Raf für Frauen geben?
Ich will nichts ausschließen. Vielleicht eines Tages in der Zukunft. Aber ich kann es nicht besser als bei den Frauenkollektionen, die ich heute für Jil Sander mache. Es mag paradox erscheinen, aber das beste von Raf Simons – für Frauen! – erscheint unter dem Namen Jil Sander. Wenn unsere Kollaboration eines Tages endet, sehen wir weiter.

Raf Simons Redux, erschienen bei Fondazione Pitti Discovery / Charta By Peter de Potta and Raf Simons Edited by Maria Luisa Frisa
Text > Adrienne Tiphaine
Die französische Fassung des Interviews erschien bereits im Rendez-vous Magazine #11.



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