Ornament ohne Verbrechen
Oktober 11, 2008 · Print This Article

Das Ornament ist wieder da! Anlässlich der Ausstellung „Ornament neu aufgelegt“ im Schweizer Architekturmuseum Basel ist Band 5 der Publikationsreihe S AM , herausgegeben von Oliver Domeisen, erschienen. Domeisen hat an der Architectural Association in London die Verwendung und Bedeutung des Ornaments durch die Jahrhunderte untersucht und zusammen mit SAM-Direktorin Francesca Ferguson die Ausstellung kuratiert.
Bis in die Renaissance hinein waren Ornament und Architektur untrennbar miteinander verbunden. Das Ornament entsprach der eigentlichen Schönheit eines Gebäudes und war in Maß und Proportion dem Menschen anzugleichen. Diese direkte Übersetzung wurde im Barock zunehmend aufgeweicht, und an die Stelle des Menschen trat die Natur als Ursprung aller Schönheit. Das Ornament löste sich zunehmend auf in „natürliche“ Linien. Verschlungene, der Pflanzenwelt entlehnte Strukturen wurden im Rokoko auf die Spitze getrieben. Die Urhütte, eine aus Baumstämmen zusammengezimmerte Konstruktion mit Stützen, Balken und Dach, ist Sinnbild dieser engen Verbindung von Natur und Architektur.

Patrick Blanc: The Vertical Garden, Musée des Arts Premiers Quai Branly, Paris, France (2004) © Roland Halbe
In der industrialisierten Welt des 19. Jahrhunderts sind auch die Architekten hin- und hergerissen zwischen der Faszination für die unendliche maschinelle Reproduzierbarkeit gleicher Formen und dem Ekel vor vermeintlich leicht und seelenlos herstellbarem Zierrat ohne jede Handwerkskunst. Während John Ruskin eine Rückwendung zum Handwerk und zur Natur als Ursprung aller Dekoration beschwört, versucht Gottfried Semper das Ornament mit der ursprünglichen Materialität der Gebäudeteile zu begründen. So sei beispielsweise die Wand, da sie in ihrem Urzustand geflochten war, entsprechend zu „bekleiden“.
Adolf Loos schließlich propagiert mit seinem Text „Ornament und Verbrechen“ von 1908 die Loslösung von jeglichem Dekor und den Aufbruch in eine Welt, in der „die Straßen der Städte wie weiße Mauern glänzen“. Dieser Aufruf wurde dankbar aufgenommen von den Protagonisten der Moderne und hat noch heute, vor dem Hintergrund von „Form Follows Function“, eine große Bedeutung. Die Einsicht in eine immer unzureichendere Fassadengestaltung in den 1950er bis 1970er Jahren bedingte die Postmoderne und ihre Lust an allerlei Zierrat in der Architektur. Heute scheint es, als hätten Architekten den enormen Informationsgehalt und die Gestaltungsvielfalt der Ornamentik wieder neu für sich entdeckt.
Abbildung 01-06
Installation Views, SAM Basel, Fotos > © Tom Bisig
Das Büro Barkow Leibinger Architekten etwa untersucht mit „Cut to Fit“ die Formenvielfalt dreidimensional geschnittener Stahlröhren, die als Vorhangfassade oder Sonnenblende eingesetzt werden können. An der ETH Zürich erforschen Fabio Gramazio und Matthias Kohler die Übersetzbarkeit digitaler Daten in Architektur. Zusammen mit den Architekten Bearth & Deplazes setzten sie für das Projekt eines Weingutes einen Computer als Maurergesellen ein.
Toyo Ito übersetzt die Tragstruktur von Bäumen in die Konstruktion und Fassade des Flagship-Stores von Tod’s in Japan oder Hitoshi Abe faltet in ein bestehendes Restaurant eine Binnenwand, perforiert mit Tausenden kleiner Löcher, die mit entsprechender Hintergrundbeleuchtung einen abstrakten Blätterwald suggerieren. Ganz anders geht das Büro R&Sie(n) mit der Natur um – für ihr Projekt „Water Flux“ wird Holz zerstückelt, um mit Gießharz wieder zu einem homogenen Material verschmolzen zu werden. Die Architekten formen daraus eine Art gestapelter Blobs, die mit ihrer Materialität die enorme Zerstörungskraft wandernder Gletscher aufzeigen sollen.

Thomas Heatherwick: East Beach Café, Littlehampton, West Sussex, England (2007), Exterior view © Andy Stagg
Jürgen Mayer H. gibt der Cafeteria und dem Curiosity Centre des Danfoss Universe in Dänemark eine gewellte Oberfläche, die aus dem ähnlich gestalteten Boden aufzusteigen scheint und dadurch die darunter liegenden Räume schafft. Das East Beach Cafe von Heatherwick Studio liegt wie eine Reihe glatt geschliffener Steine am Strand von Littlehampton / England. Evan Douglis Studio schließlich treibt die Rocaille, das typische Muschelornament des Rokoko, mit „Helioscopes“ auf die Spitze und löst sie gleichsam schwerelos als dreidimensionales, raumbildendes Objekt von der Wand ab.
Für den Citroën Flagship Showroom überträgt die Architektin Manuelle Gautrand das Markenzeichen des Autoherstellers auf die Fassade – das Gebäude ist also gleichzeitig Informations- und Brandträger. Ähnlich funktioniert auch die Fassade des Flagship Stores von Louis Vuitton in Tokio – Architekt Jun Aoki übersetzt die Zeichen der Marke Louis Vuitton in subtil verschachtelte, zarte Ornamente, die sich überall im und am Gebäude finden.

Office for Metropolitan Architecture (OMA) with 2×4: The Mc Cormick-Tribune Campus Center, Chicago, USA (2003), Entrance showing a portrait of Mies van der Rohe © floto + warner
Das Büro OMA um Rem Koolhaas schließlich benutzt Piktogramme verschiedenster studentischer Tätigkeiten als Informationsträger der Fassade des neu errichteten McCormick-Tribune Campus Center in Chicago. Die kleinen Piktogramme setzen sich aus der Entfernung wiederum zu neuen Bildern zusammen und geben dem Gebäude quasi wieder ein „Gesicht“.
Erstes Bild > Toyo Ito & Associates: Tod’s Omotesando Building, Architects, Tokyo, Japan (2004), Exterior view of Tod’s Omotesando Store © Nacaca & Partners
S AM Nº 05
„Ornament neu aufgelegt“, hg. Francesca Ferguson und Oliver Domeisen, Schweizerisches Architekturmuseum Basel, erschienen im Christoph Merian Verlag, 12 Euro
www.christoph-merian-verlag.ch
Text > Susanne Röllig
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Nix wirklich neues – diese superstylische Chick nervt allmälich!
Finde es muß von Grund auf neu gedacht werden.
Denke Ihr werdet noch viel von mir hören!
Best Wishes