
Ein neues Format in der Runde der deutschen Printmagazine: vielversprechend unterbetitelt mit „Popkultur für Frauen“, ist seit dem 20. Oktober das Missy Magazin am Kiosk zu haben. Das Cover ist schon mal erschreckend unspektakulär – ein Porträt von Anja Plaschg alias Soap & Skin in Grün und Grau und Braun. Generell zeugt das Layout des Magazins eher nicht von ganz eigenem Stil.
Das Intro platzt vor weiblichem Tatendrang, und ein frisch gebügelter Feminismus soll uns das bessere Gefühl geben, wir seien vom Zwang befreit, nur noch mit den Brigittes, Tinas und Freundinnen dieser Welt über Frisuren, Rezepte und verbeulte Oberschenkel sinnieren zu müssen. Es stimmt, dass es tatsächlich zu viele laaaaangweilige Frauenzeitschriften gibt und das bisher einizige Gegenkonzept für die Lady mit Hang zur Latzhose in Form der „Emma“ zu kaufen war: ein bißchen eklig, ein bißchen wichtig, aber keinesfalls unterhaltsam. An dieser Stelle punktet die Missy, denn sie kommt mit einer gesunden Portion Entertainment daher, die der sonst so ernste Frauengleichstellungsgedanke kategorisch ausschließt. Von Redakteurinnen erprobte Kamasutrastellungen inklusive Fazit bezüglich der Tauglichkeit, ein Protokoll über den ersten Vibratoreinkauf und „Neues aus der Intimzone“ – viel Sex aber wenig sexy.

Es gibt eine sehr schöne Fotostrecke von Birgit Wudtke, die stimmungsvolle Mädelsmomente von wirklich coolen Frauen zeigt. Textlich bringt die Missy wirklich Spaß, die Artikel sind klug geschrieben und drehen sich um interessante Persönlichkeiten wie die Künstlerin und Erfinderin des Hamburger Skateboardlabels Sumo Nina Braun, die Rapperinnen von Yo Majesty!, ferner ein Aufruf gegen das Stillen, eine Anleitung zum Plattenauflegen und das „TV Dinner-Rezept zur Fernsehserie“. Ich stelle fest, dass ich die Artikel alle zu Ende lese. Obwohl ich mir sicher war, dass ich mich durch phrasendreschende und lila-laune-latzhosengeprägte Passagen quälen würde. Davon ausgehend, dass jede klassiche Zeitschriftenrubrik wie Plattenreviews, Buchtipps und insgesamt alles nur von Frauen handeln würde und deshalb zermürbend und sehr gewollt rüberkäme. Das Ziel des Magazins scheint der lesbare Ausdruck des ganz persönlichen Selbstverständnisses von Feminismus der ausschließlich weiblichen Redaktion der Missy zu sein. Und da gerät das Projekt „Sprachrohr einer modernen Feministin“ für mich ins Wanken – hat denn nicht jede selbstbewusste Lady von heute ihre ganz eigene Form von praktikablem Feminismus?

Ich finde es für ein weibliches Ego in dieser Männerwelt viel beeindruckender, wenn Bibiana Steinhaus mit ihrer rotznäsigen Selbstverständlichkeit die erste Schiedsrichterin in der deutschen Bundesliga wird. Oder Monika Lierhaus einfach mal die beste Sportschau-Fußball-Moderatorin des ARD Kaders ist. Oder eine Zeitschrift mit einer mehrheitlich männlichen Redaktion von einer Frau gesteuert wird. Oder Missy „Namensstifterin“ Elliott einige Jahre eines der erfolgreichsten produzierenden Alphatiere der US-Hip Hop Welt ist. Viel beeindruckender, als wenn sich der Frauenfußball etabliert und frau in ihrer eigenen Liga spielt. Im Gegenteil, ich kann Frauenfußball wenig leiden, obwohl ich es vermutlich müsste. Vielleicht ist es auch nur die Scheu, den eigenen, selbstgeführten Gender-Kampf institutionalisiert zu wissen. Und warum allein unter Männern? Weil es die reine Frauenwelt ja nicht gibt, außer samstagvormittags und mittwochsabends in der Frauensauna vielleicht. Und weil es einfach vielmehr der Realität entspricht, sich in der gemischten Sauna durchzuboxen.

Trotzdem: beim Missy Magazin werden endlich die Themen auf den Tisch gebracht, die man sonst ausschließlich auf dem Frauenklo führt/hört und deshalb funktioniert auch der Unterhaltungswert. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe.
Text > Lucy Wallraff