Jaybo aka Monk | Circleculture Gallery Berlin
December 26, 2008 · Print This Article

In unseren Redaktionsräumen sitzt ein kleines Mädchen. Zusammengekauert hängen ihr die Kordelhaare strähnig in die Stirn. Sie hockt auf einem überdimensionierten Barhocker, auf ihrem Kopf ein Vögelchen. Sie wurde sozusagen als Erstbezüglerin hierher gebracht und wacht seitdem über uns, ohne sich einzumischen. Wir haben uns mit ihrem Vater Jaybo aka Monk, Künstler und CD von Stylemag.net, über schwierige Charaktere, die Straßen von Berlin, den Nachhall der Kunstgeschichte, Mäuse, Mädchen und den Tod der Street Art unterhalten.

Erzähl mir über Hell Girl! Wer ist dieses Mädchen? Wo kommt es her und wo will es hin?
Wenn ich das nur wüsste. „Hell Girl“ ist ein Parasit von mir, die irgendwann mal aus Kreisen entstanden ist, aus dem Kreisen, dem Training der Hand. Dann hat sie Beine bekommen und sie ist ein Mädchen geworden – aber ich weiß nicht, woher sie kommt. Sie ist aus dem Experiment mit Kordeln heraus entstanden. Bei meiner ersten Battle war das. Hell Girl ist eine Figur, die in einer Parallelwelt lebt, die ich aus mir heraushole und in andere Situationen reinbringe. Ich bin dabei mehr spectator als actor.
Sie wirkt so traurig!
Hell Girl ist in sich gekehrt. Sie ist nicht unbedingt traurig, sie beobachtet, hat Konfrontationen mit dem aktuellen Weltgeschehen und das ist nicht unbedingt rosarot… Sie ist also in ihren Träumen geblieben, in einer Schutzhülle aus Linien und Kreisen, da ist alles safe.
Sind die Micky Maus Handschuhe auch eine Schutzhülle? Es ist ja eigenartig, dass Micky Maus erstens nur vier Finger hat und sich zweitens die Hände offenbar nicht schmutzig machen will und deshalb immer weiße Handschuhe trägt. Mit diesem Icon hast du jetzt sehr viel gearbeitet.
Die erste Sache, die ich als kleines Kind je gemalt habe, das war Micky Maus von Kopf bis Fuß. Und die Hände waren am schwersten. Bis ich es irgendwann fast mit geschlossenen Augen konnte. Immer mittwochs habe ich vor dem Kiosk gewartet bis er aufgemacht hat und dann Micky Maus Hefte gekauft. Ich habe sie verschlungen! Seit ich mich erinnern kann, habe ich sie akribisch nachgemalt.

In dem Bild, das du im Sommer auf den Berliner Dom projiziert hast, formen die Micky Maus Hände eine Welle, angelehnt an japanische Holzschnitte von Hokusai, da gibt es diese berühmte Welle.
Definitiv. Daraus ist die Idee entstanden. Es beruht auf einem Visual Reflex – ich probiere immer wieder Sachen aus, die Leute kennen, einfach um ihre Vorurteile zu ändern. Wenn ich z.B eine Campbell Can benutze, dann wird sie bei mir vielleicht Dosenfutter für einen Hund enthalten, einfach nur um eine andere Reflexion zu schaffen. Genauso bei Micky Maus. Die vielen Hände werden eine Masse, und diese Masse sieht aus wie das Meer. Im Falle des Doms war eine kleine Schneekugel meine Idee. „Wie kann ich da jetzt ein Meer reinbringen?“ Und da hat Hokusai mir geholfen, mit seiner klassischen Form der Welle. Zuerst siehst du Micky Maus und denkst aber an die Welle. Und danach kommt der zweite Effekt: „Okay, es ist ein Meer aus Händen.“ Das macht das Menschliche daran aus. Und das finde ich auch wichtig.
Warum suchst du die Vorbilder jetzt vermehrt in der Kunstgeschichte?
Ich habe mich nie als Künstler verstanden und mache das auch immer noch nicht ganz. Aber in der Kunstform war es bei mir immer die Konfrontation mit den berühmten Bildern. Ich bin früher nie in einem Museum gewesen, erst seit zehn Jahren beschäftige ich mich damit. Ich bin aus der Schule zu früh abgehauen und habe deshalb einen großen Wissensdurst, den ich jetzt lösche. Ein großes Problem der Menschheit ist für mich dieses Vorurteilsdenken, und davon will ich weg. Darum arbeite ich an berühmten Vorbildern wie Jasper Jones, Andy Warhol oder Francis Bacon, das sind für mich die Guten. Ich hole sie hervor, um eine andere Sprache für die Leute zu finden, die meiner Meinung nach den Street Art Bereich nicht kennen oder sich auch sofort davon abgrenzen. Und dann versuche ich, wieder eine Liaison herzustellen.

Also, sozusagen eine Überführung von Bacon in den Street-Kontext?
Viele Leute sagen: „Graffiti ist keine Kunstform, das ist alles nur Schmiererei an der Wand!“ In der Zeit, als ich das gemacht habe, hat mich das ganz schön getroffen. Weil ich z.B. nur Character gemacht habe und keine Buchstaben, keine Tags (lacht). Und das war für mich schon mehr als nur Schmierereien und ist es natürlich auch immer noch. Dann wollte ich auch zeigen, dass ich genauso gut Bacon beherrschen kann – das ist jetzt vielleicht ein bisschen großmäulig – dass ich das auch auf der Straße machen kann. Und wenn dann da die Oma oder der Bankangestellte kommen und mit so einer liaison de la prestige konfrontiert werden, da hast du dann einen Galeriekünstler, einen der größten Englands, plötzlich auf einer Wand in Berlin. Und es ist trotzdem mit der Sprühdose gemacht worden und mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben.
Also geht es über bloße Imitation hinaus.
Ja, denn ich kopiere kein Bild, ich ahme die Technik nach. Ich benutze die Technik von den jeweiligen Künstlern.
Genauso auch bei Warhol, zum Beispiel?
Bei den Brillo Boxes ist das auch bewusst nachgearbeitet. Ich könnte aber auch einen schönen Print machen oder ein Stencil oder den Brillo Karton besorgen und darauf malen (lacht). Das ist letztlich auch das, was Warhol uns zeigt. Nur, ich male die alle einzeln. Und bei Warhol ist es sowieso spezieller, weil es vielmehr um das Konsumdenken geht, als um die Technik der Malerei.

Warhol ist doch eigentlich auch weit entfernt von Street Art und auch von Bacon?
Von Street Art nicht mehr! Zurzeit basiert Street Art auf derselben Sellout-Communication wie damals bei Warhol. Das ist jetzt genau das Gleiche und gerade hochaktuell.
Street Art drängt ja immer mehr auf den kommerziellen Markt….
…was auch normal ist. Bevor die Galerien Interesse hatten, waren die großen Marken wie Nike, Modefirmen oder Plattenlabels als erste daran interessiert und sofort ist der Kommerz da gewesen. Als Hip-Hop losging, war natürlich jeder Graffitikünstler gefordert, irgendein Plattencover, einen Flyer oder was auch immer zu machen. Und dadurch ist diese Relation da gewesen. Dass jetzt andere Geld damit machen wie Banksy, Nick Walker, Stencil-Künstler, blek le rat – das ist mir persönlich zuviel.
Sollte Street Art lieber auf der Straße bleiben?
Natürlich, da gehört sie hin. Das ist zwar paradox, weil ich ja auch Bilder verkaufe, aber ich versuche trotzdem, diese Vision aufrecht zu erhalten, dass Street Art mit der Straße zu tun hat. Da teile ich mich: draußen ist Street Art und drinnen ist Art.
Aber kann man beides machen?
Ja klar, solange man dich lässt. Das Problem ist, durch diese große Welle, die da kommt mit „Alles Verkaufen!“ und „Schnell!“ usw. wirst du gefordert, das Gleiche, was du draußen machst, drinnen zu machen. Das quält mich. Aber ich würde die Integrität der Street Art unbedingt erhalten wollen.
Die Integrität ist ziemlich gefährdet – etwa dadurch, dass sich große Firmen die Strategien der Street Artists für kommerzielle Projekte aneignen – das sind ja eigentlich Ideen, die von der Straße kommen.
Definitiv. Oder vom Graffiti oder von der Urban Culture. Bei mir ist es auch so, dass der Kulteffekt von „Draußen Sein“ und der Kunst das richtige Maß für eine Arbeit braucht. Die Straße ist dazu da, um sich zu messen, und für mich ist sie viel mehr als die Galerie. Früher habe ich viele Sachen aus Holz gemacht, z.B. einen Vogel geschnitzt und in einer bestimmten Ecke platziert, und da gab es immer eine Oma, die mit ihrem Hund spazieren gegangen ist, die dann sagte: „Was du gestern gemacht hast, fand ich cool!“ oder „Das fand ich scheiße!“ – und diese Frau wirst du niemals in einer Galerie sehen, das ist definitiv so, aber draußen passiert das. Das ist die Schönheit der Straße!
Gibt es denn „die Straße“ in Berlin noch? Oder ist es vorbei, weil Berlin jetzt Hype Capital ist?
Nein, im Gegenteil. Es gibt immer mehr und neue Leute, die es hier genauso probieren wollen. Die Straße ist da, egal wo. Ich habe mal etwas in einer Ruine in Portugal gemacht und da interessiert es mich nicht, wie viele Leute es überhaupt sehen. Ich bin nicht interessiert an einer Mega-Positionierung, denn ich weiß, irgendwann wird da mal jemand dran vorbeispazieren und dann wird er eine Freske sehen und sich wundern. Das finde ich viel wertvoller, als etwas an der Autobahn zu machen.
In Portugal hat es ja wahrscheinlich auch länger Bestand als hier in Berlin. Manche Sachen hängen einen halben Tag und werden dann von irgendwelchen Fans abgenommen!
Viele meiner Installationen auf der Straße sind hoch genug aufgehängt, dann passiert das nicht. Das ist schon ein Akt, das aufzuhängen. Ich habe einmal solche kleineren Sachen gemacht und die waren in einer Nacht weg, das geht ganz schnell.
Das heißt, du arbeitest auch noch auf der Straße?
Ja. Selten, aber ja.
Und was hinterlässt du dann?
Hell Girls, oft als Skulptur. Oder beim letzten Mal habe ich alte Sprühdosen genommen, alte Campbell-Tomato-Soup Logos drauf gemacht, auf ein Kreuz genagelt à la „Street Art is dead“. Und die habe ich an einem Nagel aufgehängt, irgendwo draußen. Und ich glaube, jemand ist meinem Weg gefolgt und hat alle nacheinander weggenommen, es gibt jetzt nur noch Fotos davon.
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Martin Kippenberger hat es vorgemacht. Mit ironischen Gesten und bissigem Subtext den Kunstbetrieb verunsichern, das Katholikentum immer wieder gegen sich aufbringen, nachhaltig Irritationen auslösen. „Zuerst die Füße“ heißt eine Version seines ans Kreuz genagelten Froschs – Jaybo kreuzigt nur die Hände, die weißbehandschuhten Hände von Micky Maus. Als Kreuzreliquie zieren sie ein frisch ausgehobenes Grab, an welchem das Ende der Street Art beweint wird. In diesem besonderen Fall kann getrost davon ausgegangen werden, dass Jaybo an die Auferstehung glaubt.
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Du hast gerade eine Skulptur produziert, die „Street Art is dead“ zum Thema hat. Kannst Du davon noch was erzählen?
Das ist ein Grab mit den Buchstaben von „Street Art is dead“ aus Karton geklebt. Und daran ist ein Kreuz mit hängenden Micky Maus Händen als Statement.
Wie reagieren die Street Art Kollegen auf so ein Statement?
Das lass ihre Sorgen sein, das ist mir egal. Die können sagen, was sie wollen. Ich glaube, es ist schon Tipp genug, sich die Frage zu stellen, ob sie wissen, was sie tun. Es ist ja einfach zu verstehen.
Aaron Rose spricht in Bezug auf Berlin von „illegalem Talent“ und „einer Bombe mit viel explosivem Inhalt“…
(lacht) Ja, der kommt natürlich aus Amerika, wo alles sehr, sehr streng ist. Bei uns ist es Freiheit pur, d.h. hier ist die Kreativität enorm im Verhältnis. Man glaubt, dass die New Yorker Wände alle vollgetaggt sind, was aber nicht stimmt: Berlin ist zugebombt, hier ist kein Platz.

Also, ist die Freiheit gar nicht so gut für die Street Art?
Ja, weil du die Schwierigkeit der Illegalisierung haben musst, damit du konsequenter wirst. Und Nein, weil du dann etwas anderes probieren kannst, wenn du Freiheit hast. Aber ohne Unterdrückung wirst du wässerig.
Wie wichtig ist die Illegalität für Street Art?
Wichtig, weil es dich konsequent macht. Sobald Du es legal machst, dann ist es Business, es wird Prestige. Wirklich illegal bin ich zwar nicht, aber wenn ich ein Vogelhaus legal an die Wand hängen würde, dann müsste ich zu so vielen Behörden gehen. Es müsste windfest sein, regenfest sein und und und. Und in der Illegalität machst du es einfach. Ich hoffe natürlich, dass mein Vogelhaus niemandem auf den Kopf fällt, ich werde also schon aufpassen.
Und jetzt hast du ja eine ganz legale Ausstellung bei CircleCulture. Was zeigst du da?
Zurzeit arbeite ich an etwas Politischerem, am Thema Wasserknappheit. Es geht um die gerade wieder gefundene Lust an der Natur, an unseren Ressourcen. Die Ausstellung ist voll Hoffnung, ich versuche, den Horizont zu fangen, in einen Käfig zu sperren und zu sagen, dass es eine Zukunftsvision gibt und sie auch machbar ist. Der Horizont ist immer 33 km entfernt von dir, egal, wo du bist – das möchte ich brechen. Und ich habe es meiner Meinung nach geschafft, den Horizont in eine Flasche zu stellen und in einem Käfig zu halten. Einfach nur für kurze Zeit, dann werde ich ihn wieder freilassen, da macht euch mal keine Sorgen. Aber es ist dieser Moment, dieses Ziel, das so weit ist. Man will immer hinter den Horizont gucken, und es ist schön, das wieder zu reduzieren. Das meiste passiert durch Inspiration. Und ich bin sehr empfänglich und auch empfindlich. Wenn die Empfindlichkeit da ist für die Natur, dann bringt das so viele Assoziationen. Und darum male ich diese Assoziationen immer übereinander in meinen Bildern. Das führt dann dahin, dass das Bild nicht unbedingt als Eines zu sehen ist, sondern in die Tiefe geht und wie ein Buch zu lesen ist, es gibt mehrere Seiten, die dort „passieren“. Die Assoziationen erwecken aber auch in jedem etwas anderes. Darum finde ich es schwer, über Bilder zu reden. Einer empfindet Hell Girl als traurig oder abwesend, und andere werden in ihr eine Superheldin sehen! Das ist auch die Kraft daran. Für mich sind die Bilder eigentlich weiße Blätter, auch wenn sie vollgemalt sind. Weil die Leute sich selbst da ihre Geschichte erzählen.
Und deshalb ist es für dich auch so schwierig, mit einem Bild aufzuhören?
Weil es wie ein Tagebuch ist. Die Bilder gehen erst weg, in dem Moment, in dem Sie verkauft sind oder vom Galeristen abgeholt werden, sonst male ich weiter.
Text > Interview > Marcus Woeller

JAYBO aka MONK, “AS FAR AS U CAN C“
Noch bis zum 1. Februar 2009 bei CIRCLECULTURE GALLERY
Gipsstrasse 11
Berlin-Mitte
Dienstag – Samstag, 14-18 Uhr
www.circleculture-gallery.com
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