Terror Saurus Rex | Jake & Dinos Chapman

January 15, 2009 · Print This Article

mag_culture_chapman-03.jpg

Dass ausgerechnet die Hölle in einem Feuer verzehrt wurde, könnte ein Omen sein. Oder die gerechte Strafe eines gerechten Gottes. Oder mehr noch: die Rache des Satans persönlich, weil sich hier jemand das Böse selbst angeeignet hat. Das Abbild des Bösen, das in seiner die Fantasie reizenden Sinnbildlichkeit, weit geht, für einige zu weit. „Hell“, eine Installation der Gebrüder Jake und Dinos Chapman, bestand aus neun Glasvitrinen, die in Form eines stilisierten Hakenkreuzes aufgestellt waren.

mag_culture_chapman_exclusiv-04.jpg
„Two Legs Bad, Four Legs Good“, 2007 © the artists,

Mit der Akribie eines überambitionierten Modelleisenbahnlandschaftgestalternerds waren sie über und über angefüllt mit Szenen des Gräuels: Nazihorden in Gestalt vier Zentimeter kleiner Plastikfiguren überfallen eine Bahnstation, marodieren durch romantische Berglandschaften, treiben ihre Opfer in die Enge und in Arbeitslager, foltern und quälen, häufen geschundene Körper zu Leichenbergen auf. Die ultimative Wiederheraufbeschwörung des Terrors im Maßstab 1:45.
mag_culture_chapman_exclusiv-01.jpg
„Two Legs Bad, Four Legs Good“, 2007 © the artists,

Von der Arbeit existieren heute nur noch Fotos, die wie Reportageaufnahmen aus einem Zinnsoldatenkrieg wirken. Die Vitrinen waren im Besitz des Londoner Sammlers und Galeristen Charles Saatchi und fielen mitsamt vieler anderer Kunstwerke und der Lagerhalle, in der sie deponiert waren, einem Brand zum Opfer. Ein passender Abgang für ein kontroverses Werk, denn die Chapman Brothers sind so etwas wie die konstruktiven Ikonoklasten der Kunstszene. Seit Jahren schaffen sie streitbare Arbeiten, die stets der Gefahr ausgesetzt sind, sich in einem selbst provozierten Bildersturm zur Disposition zu stellen. Wie bei jedem wirksamen Ikonoklasmus rennen die Gegner ihrer Kunst natürlich hauptsächlich gegen die Bilder im eigenen Kopf an.

mag_culture_chapman-02.jpg
„Two Legs Bad, Four Legs Good“, 2007 © the artists,

Legendär die aus Schaufensterpuppen in Kindergestalt und ausgestülpten Geschlechtsorganen ineinander verwachsenen Skulpturen, mit denen Jake und Dinos Chapman als Young British Artists Ende der 1990er Jahre Furore machten. In Lieblichkeit und gleichzeitig brutaler Gewalt vereinte Kulminationspunkte tief verdrängter Angstvorstellungen von Missbrauch, Machtspiel und Demütigung. Die Geschwister Chapman hatten ihre Karriere ironischerweise als Assistenten von Gilbert & George begonnen, dem doppelten Lottchen der britischen Reizdarm-Pop Art, bevor sie sich selbst als Unzertrennliche des Kunstbetriebs installierten. In ihrem aggressiven Angriff auf die Bilder, freilich nur um deren unterschwellige Botschaft hervorzukitzeln und nebenbei ein Tabu nach dem anderen zu brechen, machten sie weder vor den Ikonen noch dem ikonografischen Sondermüll der Kunstgeschichte halt. Eine von den originalen Platten gedruckte Serie von Francisco Goyas „Los desastres de la guerra“ übermalten sie mit Comicfratzen. Dreizehn Aquarelle aus Adolf Hitlers Frühzeit veredelten sie mit Hippiezeichnungen. Für eine Reihe munter kopulierender, handelsüblicher Aufblaspuppen waren sie für den Turner Prize nominiert – jetzt stellen sie die Kestnergesellschaft in Hannover mit Dinosauriern aus Pappe voll.

mag_culture_chapman-01.jpg
Todd-White Art, Courtesy Jay Jopling, White Cube (London)

Ein Rückfall in präpolitische Infantilität? Jake und Dinos Chapman wollen weiter „moralische Panik“ verbreiten. Mit Werkgruppen wie „Two Legs Bad, Four Legs Good“, „The Meek Shall Inherit the Earth, but not the Mineral Rights“ und „Hell Sixty-Five Million Years BC“ entwickeln sie eine neue Materialität und beweisen, dass sie nicht wie viele andere Künstlerkollegen in der einmal gefundenen medialen Nische feststecken. Trotzdem nehmen sie Bezug auf die eigene Arbeit und erarbeiten sich ein neues Thema. Mit wirklicher kindlicher Energie stürzen sie sich auf die anhaltend populäre Begeisterung für die Gesellschaft friedlich Pflanzen mümmelnder Riesensaurier und der ultimativen Inkarnation des Raubtiers als Kampfmaschine mit walnussgroßem Hirn. Einer Familie von Lebewesen, die einst die Erde beherrschten, aber dann plötzlich durch einen bis heute nicht aufgeklärten kosmischen Zufall ausgerottet wurden. Emporkommen und Auslöschen sind die großen Themen der Evolution, aber auch der Geschichte der Menschheit. Die Chapmans begleiten diese sich kreuzenden Wege mit kritischem und vor allem nachhaltig bösem Blick, auch wenn die Pappsaurier gemütlich daherkommen.

mag_culture_chapman_exclusiv-02.jpg
„Two Legs Bad, Four Legs Good“, 2007 © the artists,

Erstes Bild  > „Hell Sixty-Five Million Years BC“,
2004-2005 © the artists,
   Foto > Markus Tretter, Courtesy Kunsthaus Bregenz
Jake & Dinos Chapman, „Memento Moronika“
Kestnergesellschaft Hannover, noch bis zum bis 01.03.2009

www.kestner.org

Text > MW

Das könnte dich auch interessieren

  1. Eingebettet in den Terror
  2. Terror, nur zum Spaß | David Curto bei Caesar & Koba
  3. WordSound Bass Terror EU 2008
  4. Wordsound Bass Terror Invasion
  5. Kiehl´s bekennt Farbe!

1. Diesen Artikel auf Twitter posten!

Comments

Got something to say?