Shepard Fairey | New Books
Januar 20, 2009 · Print This Article

Warum nimmt ihm das aus der Szene eigentlich keiner übel? Der Mann, der als Godfather of Streetart gilt, der 1989 den ersten Sticker mit dem Aushängeschild seiner CI „André the Giant“ entwarf und verklebte, ist heute erfolgreich, vermutlich steinreich und berühmt. „Wie bitte, CI? Ein Kunstwerk als Corporate Identity?“ könnte jemand aufschreien. „Street art ist doch die antikommerzielle Inkognito-Kunstbewegung der Straße, oder etwa nicht?“ Und wieder ist eine der unzähligen Diskussionen über Kunst und Kommerz entfacht, weil ein Künstler zu viele Begeisterte außerhalb der eigenen Szene erreicht. Für einige ist das Grund genug, den Künstler als Verräter zu verachten.

Shepard Fairey widerlegt das. Denn neben seiner konsequenten Entwicklung als erfolgreicher, politisch engagierter und durchaus gesellschaftskritischer Künstler ist er Geschäftsführer und Vermarkter des Modelabels „Obey“. Oder seiner Kunst, die er unter dem Namen „Obey“ produziert? Ein kontroverser Umstand, denn Fairey eint Kommerz und Gesellschaftskritik in seiner Person. Er produziert Poster, Flyer, Sticker, Paste-Ups für Obamas Wahlkampf, Partys mit DJ AM und Blockbuster (Walk the Line, 2005), die seine unverwechselbare, künstlerische Handschrift tragen. „André The Giant“ auf T-Shirts, Hoodies und Taschen und das boomende Geschäft sei ihm gegönnt. Seine 1997 mitbegründete Designagentur BLK/MRKT für Guerilla-Kampagnen mit Kunden wie Pepsi & Netscape verließ er 2005, um seine eigene Agentur „Studio Number One“ zu gründen, mit der er für u.a. Nike & Adidas arbeitet. Sein musikalisches Dasein als DJ Diabetic und Emcee Insulin (er hat tasächlich Diabetes) und anerkannter, zeitgenössischer Künstler mit Ausstellungen im New Yorker Museum of Design oder dem Londoner Victoria & Albert Museum zeigen nur einmal mehr, dass Shepard Fairey offensichtlich kein Interesse an Klischees und Fake hat. Er ist und macht das, wofür er einsteht und lässt sich dabei nicht auf eine Identität als Künstler oder Geschäftsmann festnageln. Mit dem gerade erschienenen Katalog zur gleichnamigen Ausstellung „E Pluribus Venom“ zeigt Fairey bereits mit dem Titel seinen Willen zur Kritik in gewohnt intellektueller Manier. Abgeleitet vom Motto der USA-Gründerväter „E pluribus unum“ („Aus Vielen Eins“), das auf Dollarnoten und -münzen zu lesen ist, meint der Titel „E Pluribus Venom“ übersetzt „Aus Vielen Gift“ und ist damit direkt und provokant wie auch seine Werke. Im Stil von Propagandaplakaten werden politische Symbole und Methoden der USA entwendet, zentrale Slogans falsch zitiert und umformuliert. Autoritäten werden hinterfragt und diejenigen motiviert, die sich blindem Nationalismus und Krieg entgegenstellen.

Shepard Fairey, „E Pluribus Venom“, Gingko Press

Dass Shepard Fairey inzwischen sozusagen zum Hofmaler des ab heute neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika avanciert ist, dokumentiert auch eine Monografie des Künstlers, die im selben Verlag. Sein Bild „Hope“ war die Ikone des Yes-We-Can-Wahlkampfs und findet nun auch Verwendung in der offiziellen Ikonografie von Barack Obamas Präsidentschaft. „Supply & Demand“ würdigt nun umfassend Faireys Biografie und sein künstlerisches Schaffen.
Shepard Fairey, „ Supply & Demand.
The Art of Shepard Fairey (20th Anniversary Edition)“
Gingko Press www.gingkopress.com
Text > Nada Carls
Abb. > Shepard Fairey © 2008 Shepard Fairey
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