Sonic Youth | Keine Disziplin
February 3, 2009 · Print This Article

Sonic Youth waren nie nur Rückkopplungspfeifen und verzerrte Amplituden. Seit 27 Jahren ist die Post-Punk-Band auch Kristallisationspunkt eines Netzwerks von cool bis verkopft, von Avantgarde bis Sektierertum, ambitioniert und multidisziplinär durch alle Künste. Um diesen Kosmos bis in die hintersten Winkel auszuleuchten, tourt zurzeit eine Ausstellung durch Europa: „Sonic Youth etc. – Sensational Fix“. Also haben wir die Kuratoren und sechs beteiligte Künstler um ihr ganz persönliches Feedback gebeten.

Wo liegt Ihre persönliche Verbindung zu Sonic Youth?
1999 wurde ich beauftragt, die Ausstellung „Kim’s Bedroom“ zu koordinieren und mit den beteiligten Künstlern neue Arbeiten zu produzieren. Kim kuratierte die Ausstellung. Da lernte ich sie kennen, und Thurston und all die anderen – daraus entsprang die Idee für das Ausstellungskonzept „Sonic Youth etc. – Sensational Fix“, die nun auf Tournee ist. Bei einem Sonic Youth Konzert lernte ich später Lee und Steve kennen.
Wie war Ihre erste Begegnung mit Kim und Thurston?
Also, das liegt ungefähr zehn Jahre zurück… Ich nehme an, dass ich ein bisschen nervös war, als ich sie zur Austtellung „Kim’s Bedroom“ traf, aber sie ist ein wunderbarer Mensch und vertraute der Art und Weise, wie ich mit der Koordination der Schau und dem Ausstellungsdesign umging. An Thurston erinnere ich mich, wie er während des Aufbaus in Eindhoven immer wieder „NYC Ghost & Flowers“ spielte, den Sonic Youth gerade fertig aufgenommen hatten. Auf diese Wiese hörte ich den Song Monate bevor er herauskam. Wirklich stimulierende Musik für den Aufbau einer Ausstellung…

Was ist Ihr Lieblingsalbum oder -song von Sonic Youth?
Das ist schwierig zu sagen, da Sonic Youth so eine extensive Diskografie mit einer Vielzahl an schwer vergleichbaren Facetten veröffentlicht haben. „Daydream Nation“ ist ein Klassiker, „Goo“ und „Dirty“ auch. Erfolgreich waren insbesondere auch die Coverversionen: „Superstar“ von den Carpenters und „I’m Not There“ waren immer unter meinen All-Time-Favorites. In diesen Songs wird die Popstruktur sozusagen schallmäßig bearbeitet. Ein Geräusch, das unterhalb der Oberfläche der Songstruktur nachklingt – wirklich großartig.
Beschreiben Sie den besonderen Sonic Youth Style.
Mein Interesse an Sonic Youth betrifft nicht so sehr ihren musikalischen Output, sondern etwas Größeres, das mir aufgefallen ist: ein akustisches Universum, in dem Kunst, Design, Architektur und Musik zusammenkommen. Dies illustriert nicht nur die Zusammenarbeit mit anderen, sondern auch der Musikoutput (Plattencover, Plakate, Bandfotos usw., die von Künstlern gestaltet wurden). Somit erzählt uns die Ausstellung eine spezifische und alternative Geschichte gegenwärtiger Kultur, die all diese Disziplinen in natürlicher Weise verbindet.
Sie sind immer in der Entwicklung begriffen, immer auf der Suche nach neuen Gebieten, schlagen unerwartete Richtungen ein… Sie sind neugierig auf die Arbeit anderer Künstler. Sie nehmen eine Menge an Kultur auf und verarbeiten sie auf ihre eigene, akustische Art und Weise. Manchmal verwirren sie dich für einen Moment mit gewissen Bewegungen, aber im Blick zurück hat alles Sinn… Sonisch, eben! Das alles passiert sehr natürlich und fließend. Und ihre Auftritte sind nach 27 Jahren immer noch intensiv und spannend!
Erzählen Sie uns über Ihre Herangehensweise an die Ausstellung „Sensational Fix.“
Für mich ist die Geschichte der Schau sehr organisch. Sie beginnt mit den Vorläufern der Band, Künstlern der 1970er und 1980er Jahre-Szene von downtown Manhattan: Deren Werke kontrastieren wir mit dem gesamten Drum und Dran von Sonic Youth (Plattenhüllen, Poster, Songtexte, Fotos) aus der Zeit, als die Band gerade anfing. Dann werden die bereits offensichtlichen Themen im Output von Sonic Youth mit den Arbeiten der beteiligten Künstler so gruppiert, dass sie einen audiovisuellen Essay bilden, in welchem diese Themen ausgebreitet werden. Im Allgemeinen verarbeiten Sonic Youth – wie auch die anderen Künstler in der Ausstellung – die amerikanische Nachkriegskultur, um etwas über die heutige Gesellschaft zu sagen, wo die gleichen Fehler auftreten, die von 1950 an gemacht wurden. Sie wurden während des Kalten Krieges geboren, in den antikommunistischen Fünfzigern, als die Gegenkultur des Beat auftauchte. Als Teenager erlebten sie die Hippie-Sechziger, die im Blutbad der Manson-Morde endeten, dann den andauernden Vietnamkrieg… Und als junge Erwachsene hatten sie an den Punk- und No Wave-Bewegungen der späten 1970er teil, während die 1980er weitere Hardcore-Bands befeuerten. Sonic Youth rebellierten gegen all die Ungerechtigkeiten der amerikanischen Gesellschaft… Zur selben Zeit waren sie aber sehr aufmerksam gegenüber Kunstgeschichte, Literatur und Kino und nahmen all das auf, an das sich ihre Arbeit lehnt. Das ist es, was wir unter anderem in der Ausstellung zum Ausdruck bringen wollen.

Archives Sonic Youth, Foto > © Marc Domage
GLENN BRANCA ist Avantgarde-Komponist und Gitarrist. Er lebt in New York.
Was ist Ihre private Verbindung zu Sonic Youth?
Mein Schwanz.
Erzählen Sie uns über Ihr erstes Treffen mit Kim und Thurston.
Ich fand heraus, dass sie eine gute Köchin ist und er Plattensammler.
Wann sind Sie multi-disziplinär?
Wenn ich ein paar Dominas anheuere.

Kathy Temin, „The Big K“, 2002-2007, „Frozen Moments“, 2001, Courtesy of the artist, Anna Schwatz Gallery, Melbourne / Roslyn Oxley Gallery, Sydney, Fotos > © Marc Domage
Was sind Ihre letzten Projekte?
Sinfonien schreiben, die auf Sonic Youth Songs basieren.
Was ist Ihr Lieblingssong von Sonic Youth?
„I Killed Christgau with My Big Fuckin’ Dick“
Beschreiben Sie den besonderen Sonic Youth Style.
Schmutzige Jeans, Flanellhemden und Miniröcke.
Was ist so sexy an Sonic Youth?
Vor jedem Auftritt lutschen sie Blut von meinem Schwanz. Falls Sie daran zweifeln, können Sie sich auf einen Brief beziehen, geschrieben von Thurston in der Village Voice.

„Evol“, Richard Kern
RICHARD KERN ist Underground-Regisseur und Fotograf
Wie lernten Sie Sonic Youth kennen?
Lydia Lunch machte uns miteinander bekannt, als sie „Death Valley 69“ miteinander aufnahmen. Ich wurde Co-Regisseur des Videos für den Song und schoss das Coverfoto für das Album „Evol“. Seitdem sind wir Freunde.
Haben Sie einen Lieblingssong?
„Expressway to Your Skull“. Bei der Zeile „we’re gonna kill the California girls” schwingt wirklich etwas mit, was mit mir und der Szene, in der ich mich bewegte, zu tun hatte. Wir wollten keine Mädels töten, aber wir waren anti-hippie und Hohlköpfe.
Was ist der besondere Sonic Youth Style?
NYC downtown Kunsthochschulrocküberlebenskünstler.
Und was ist so sexy an der Band?
Thurstons Größe, Kims Arme, Lees Haarfarbe, Steves Lächeln.

Richard Kern, „Lung as Bratt“, 1986
Fortsetzung folgt…
„Sonic Youth etc. – Sensational Fix“, Kunsthalle und KIT Düsseldorf,
31. Januar – 10. Mai 2009
www.kunsthalle-duesseldorf.de
www.kunst-im-tunnel.de
Interviews > Marcus Woeller
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