Porentief fein | Fotorealismus

April 5, 2009 · Print This Article

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Nicht jede Auflehnung gegen den Status Quo führt automatisch in die Avantgarde. Das Deutsche Guggenheim in Berlin präsentiert nun mit der opulenten Ausstellung „Picturing America“ eine Sparte von Künstlern und Künstlerinnen, die eigentlich alles richtig gemacht haben – und scheinbar doch alles falsch. Mit ihren fotorealistischen Gemälden leisteten sich Künstler wie Don Eddy, Richard Estes, Audrey Flack, Chuck Close, Robert Bechtle, Ben Schonzeit, Malcolm Morley, Ralph Goings oder Tom Blackwell in kühler Gelassenheit einen veritablen Affront gegen das Art Establishment der späten 1960er und 1970er Jahre: Sie kopierten Fotos, betrieben ungeniert mimetische Malerei – und darauf stand die Strafe missachtet, verunglimpft oder wenigstens totgeschwiegen zu werden.

Malerei hatte seit Clement Greenbergs dogmatischem Credo für die Abstraktion ungegenständlich zu sein und sich lediglich über die formalen Eigenschaften zu definieren. Realistische Kunst war für den einflussreichen Kunstkritiker rückständig, antimodern oder politisch indoktriniert. Denn an die Stelle des Leitmediums des Realismus war die Fotografie getreten. Fotografien jedoch regelrecht abzupausen galt als reaktionär und wurde als frontaler Angriff verstanden.

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Robert Bechtle, „Foster’s Freeze, Escalon“, 1975,
Collection of the Tucson Museum of Art 
Gift of Ivan and Zoya Gerhath,
Courtesy Paule Anglim Gallery, San Francisco

Anders als der Pop-Art war den Fotorealisten die Ironie nicht auf den ersten Blick abzulesen. Zu penibel kopierten sie aluminiumblanke Wohnwagen, reflektierende Storefronts, porentief detaillierten Gesichter und gelatinefunkelnde Petit Fours. Zu ordentlich, zu bürokratisch erschien das den Vordenkern der malerischen Abstraktion. Doch arbeiteten die Künstler gleichermaßen abstrakt wie konzeptuell. Um zur peniblen Akkuratesse ihrer Bilder zu kommen, haben sich die Künstler unterschiedlicher Techniken bedient. Richard Estes, geboren 1932 in Kewanee, Illinois, rastert seine Fotovorlagen zu einer Matrix aus rechteckigen Segmenten, die er dann mit Ölfarbe auf die Leinwand überträgt. In der Nahsicht gestisch, ergänzen sich die Details zu fotorealistischen Stadtlandschaften. Lakonisch komponiert, unhierarchisch im Fokus und durch und durch cool – ein All-Over wie bei Jackson Pollock, nur anders interpretiert.

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Ralph Goings, „Airstream“, 1970,
Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Vienna
on loan from Ludwig Collection Aachen,
Courtesy O.K. Harris Works of Art, New York

Andere Künstler projizieren Dias auf die Leinwand und malen banale Familienfotos. Doch geht es weniger um den Realismus eines Familienporträts als vielmehr um die medialen Verschiebungen der Realität an sich. „Das Hyperreale ist ein viel weiter fortgeschrittenes Stadium, in dem sogar der Widerspruch zwischen dem Realen und dem Imaginären ausgelöscht ist. Die Irrealität ist nicht mehr die eines Traums oder Phantasmas, eines Diesseits oder Jenseits. Es ist die Irrealität einer halluzinierenden Ähnlichkeit des Realen mit sich selbst.“ So schrieb es Baudrillard zur gleichen Zeit.

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Ben Schonzeit, „Cauliflower“, 1975, Collection Toni and Martin Sosnoff,
Courtesy Nancy Hoffman Gallery, New York

Die Referenzlosigkeit auf die Spitze treiben: Man könne alles malen, ob es nun Portraits vom Vater sind oder von Blumenkohlköpfen. Im Detail abstrakt, formierten sich die Bilder zu grotesk postmodernen Zitate-Orgien, die schon Harald Szeemann für die documenta 5 in Kassel entdeckte. Danach verschwanden die Künstler lange wieder in der Versenkung des Diskredits. Das Guggenheim bemüht sich nun mit diesem Best-of-Photo-Realism um die längst überfällige Rehabilitierung.

„Picturing America: Fotorealismus der 70er Jahre“
Deutsche Guggenheim Berlin, noch bis zum 10. Mai 2009,
www.deutsche-guggenheim.de

Text > Marcus Woeller

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Richard Estes, „Supreme Hardware“, 1974,
 High Museum of Art, Atlanta
Gift of Virginia Carroll Crawford, 1978.119,
Courtesy Marlborough Gallery, New York

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Richard Estes, „The Solomon R. Guggenheim Museum,
Summer“, 1979,
Solomon R. Guggenheim Museum, purchased with the aid of funds from the National Endowment for the Arts, in Washington, D.C., a Federal Agency; matching funds contributed by Mr. and Mrs. Barrie M. Damson, 79.2552,
Courtesy Marlborough Gallery, New York


Erstes Bild > Charles Bell, „Gum Ball No.10 ‚Sugar Daddy’“, 1975,
Solomon R. Guggenheim Museum,
purchased with funds contributed by Stanley and Sheila Cooper 75.2142,
Courtesy Louis K. Meisel Gallery, New York York

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