Komplizierter Karakter II
April 29, 2009 · Print This Article

Am Anfang war das Piktogramm. Es zierte französische Höhlen, mittelalterliche Häuserwände, die Corporate Identity von Olympiaden und ist heute aus der visuellen Alltagskultur nicht mehr wegzudenken. Heute sprechen wir natürlich von Character Design, denn die Tendenz geht dazu, die Piktogramme im wahrsten Sinne des Wortes zu animieren – ihnen Leben einzuhauchen. So manchem Gestalter hat sich sein Entwurf schon verselbständigt. Das Festival „Pictopia“ tritt noch bis zum 3. Mai 2009 im Berliner Haus der Kulturen der Welt an, die Persönlichkeiten dieser weltumspannenden Szene miteinander zu vernetzen. Wir stellen fest: Einige der Charaktere sind schon sehr lebendig.Part II > JESUS
Ein Monolog: „Jesus. Welch eine Herausforderung den Erwartungen dieses Namens gerecht zu werden. Wäre es einfach nur Michael oder James, dann wäre der Druck, etwas aus mir zu machen vermutlich nicht so stark gewesen. Ich bin nicht gerade der Typ „Heiland“, der ständig Gutes tut und sein Leben für das Wohl anderer opfert. Das bin ich nicht… Und ich glaube auch nicht, dass ich ein Teil dieser Bewegung bin. Ich bin nicht wirklich hier, nicht wirklich verbunden und auch nicht hier um etwas zu bewegen. Ich bin nur hier und hoffe es kriegt keiner mit.

Egal. Jesus. Wie kann ein Name, der so viel Bedeutung hat gleichzeitig eine leere Hülle sein? Wenn jemand wie ich ein Jesus sein kann, für was zum Teufel steht der Name denn? Wenn der Name jemandem gegeben werden kann, der ohne Vertrauen, Glauben und Überzeugung sein Leben lebt? Ich weiß noch nicht mal, ob ich mich überhaupt unter Druck setzen sollte. Erwartet irgendjemand irgendwas von mir? Fragt mich jemand nach einer Antwort? Warum sollten sie.
Wahrscheinlich sollte mir das alles egal sein. Ich saß schon mal in einem Rollstuhl. „Badboy Lansflare“ haben sie mich genannt… Der Albino im Rollstuhl. Einprägsam. Ein Spitzname hat nicht genügt; es musste noch eine kurz Inhaltsangabe mit dazu. Blutunterlaufene Augen, weiße Haut und durch die Stadt rollend.
Irgendwann bin ich einfach aus meinem Rollstuhl aufgestanden und davon gelaufen. Es war kein Wunder. Ich konnte vorher schon laufen, aber ich wollte nicht. Ich wollte einfach nur sitzen. Ich wollte mich in einer Position befinden, in der die Menschen keine hohen Erwartungen an mich hatten.
Das Arschloch im Rollstuhl… Die dachten wahrscheinlich, dass es mir ziemlich beschissen ging, so streitsüchtig wie ich immer war. Die ablehnende Perspektive, die Hilflosigkeit. Ich dachte, die würden wenigstens etwas Mitleid mit mir haben. Aber die Leute haben einfach weg gesehen. Sie wollten nicht gestört werden, interessierten sich nicht, noch wollten sie hilfsbereit sein. Ich wurde noch viel wütender. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Schlimmer noch als ein Arschloch, das keine Erwartungen erfüllen kann, ist ein Arschloch, von dem sich die Leute abwenden.
Und ich bin gegangen. Seit dem laufe ich wieder. Über die Straßen, über die Berge… Von einer Aussicht zur nächsten, den Blick über den endlosen urbanen Pfannkuchen aus einem sich ständig wechselnden Betrachtungswinkel gerichtet. Die geteilte Stadt ohne Anfang, Mitte oder Ende. Nur Straßen und Autos… Häuser und Türme… Das Eisenbahnnetz und dessen kleiner Schienenstrang. Ich laufe mit gesenktem Kopf. Ich laufe schweigend. Ab und zu unterhalte ich mich mit einem Nagetier oder einem kleinen Haustier. Eichhörnchen. Katzen. Schnecken. Frösche. Kleine einheimische Tierchen und freie, wild lebende Tiere, die Lust haben mir zuzuhören… Kleines Publikum mit kleinen Ohren. Die antworten natürlich mit ihrem kleinen Großmaul. Alle genervt und wütend, ohne Ausnahme. Typisch.“
Abbildungen > Fons Schiedon
Text > mw
Fons Schiedon > niederländischer Designer,
Animationskünstler und Regisseur, lebt in Berlin
www.fonztv.nl
www.fonsschiedon.com
Pictopia-Festival neuer Figurenwelten, Haus der
Kulturen der Welt Berlin, 17 March –3 May 2009
www.hkw.de , www.pictoplasma.com
Das könnte dich auch interessieren
- Pictopia | Komplizierte Karakter
- Einsichten ins Innenleben der Pictopianer
- Altes und Neues im Astor
- Schichtwechsel | Nathan Hylden
- Fragen über Fragen | M. Kunz und D. Glaser




Comments
Got something to say?