
Das nächste englische Goldkehlchen setzt zum Landeanflug an. Und tatsächlich, mitten zwischen Lily Allen, Kate Nash, Amy MacDonald und Bat for Lashes hält Britanniens verschwenderische Popökonomie auch noch ein Plätzchen Neo-Folk für Marina and the Diamonds bereit. Marinas persönliches Musikverständnis mag ein paar Untiefen haben, aber was soll’s: Ihre durchtrainierte Vielfarbstimme will an die Spitze und da gehört sie auch hin. Spot an.
Vorurteile sind das Salz in der Suppe eines jeden Menschen, der es liebt, vorschnell seine Meinung kund zu tun. Neo Folk-Mädchen plus Fotos von Hello Kitty und Rosen auf der Myspace-Seite gleich postfeministische Dusseligkeit. Mit dieser Gleichung im Kopf mache ich mich auf den Weg um Marina and the Diamonds zu interviewen. Hätte ich an diesem Punkt bereits geahnt, dass No Doubt für sie „alte“ Musik ist, hätte ich dusselig ganz sicher in Großbuchstaben geschrieben.
Doch auch so scheinen sich meine Ressentiments zu bestätigen. Zum verabredeten Zeitpunkt ist unser Treffpunkt, der Second-Hand-Himmel Beyond Retro, nämlich verweist. Erst eine viertel Stunde später entschwebt die Grazie den Untiefen des Ladens, schwer bepackt mit einer riesigen Einkaufstüte. Die Prioritäten sind geklärt, die wichtigsten Stationen der Sängerin noch nicht: Berühmt werden wollte sie schon mit 14, mit 18 zieht sie von Griechenland nach London. Jetzt, fünf Jahre später, ist sie Teil der Speerspitze einer neuen Generation von Singer/Songwriterinnen, die momentan mit ihren musikalischen Ergüssen von der Insel aufs europäische Festland schwappen. Dass sie sich behaupten wird, scheint jetzt schon sicher. Warum? Weil ihre Musik oder besser ihr Gesang, der irgendwo zwischen Kate Nash und Kate Bush einzuordnen ist, verquer genug klingt, um das alternative Volk anzusprechen und poppig genug produziert, um auch den Rest zu begeistern. Und weil sie eben unbedingt berühmt werden will.

Genau das ist auch der Grund, warum es einen wenig wundert, dass sie auf meine Frage, was an den ewigen Kate-Nash-Vergleichen denn das Positivste ist, wie aus der Pistole geschossen antwortet, dass der Nashsche Bonus deren viele verkauften Platten sind. Doch so berechenbar platt wie es bis hierhin aussieht, ist Marina Diamond dann doch nicht. Für sie scheint es klar, dass die momentane Brit-Welle, bestehend aus einem wüsten Konglomerat von Dark-Pop-Bands und Songwriter-Mädchen, in großen Teilen auf der Frustration der Jugend basiert. Politik zwischen Second Hand-Kleidchen? Eine Komponente, mit der ich nicht gerechnet hätte. Und auch sonst kann ich mir meine schönen Vorurteile abschminken, erzählt mir die Lady doch, dass sie nicht glücklich darüber ist, dass ihre Stimme bei den Aufnahmen so geglättet wurde. Live soll alles anders sein, das ist jetzt schon klar und führt dann auch gleich mal Bikini Kill an, die mag sie nämlich. Und als ich schon fast bereit bin, die Sängerin in die Arme zu schließen, landet sie noch einen Punktsieg. Angesprochen darauf, dass sich ihr Name anhöre, als seien Marina and the Diamonds eine Band, antwortet sie: „Ich wollte einfach nicht ‚Marina Diamond’ heißen. Langweilig! Marina and the Diamonds klingt dagegen nach Spaß und Fantasie und ich stelle mir gern vor, dass das Publikum die ‚Diamonds’ sind. Denn gäbe es kein Publikum, welchen Sinn würde es dann machen zu singen?“ Ganz klar keinen. Und so verlasse ich Beyond Retro, mit zwei neuen Kleidern und dem Wunsch, dass Marina erreicht, was sie erreichen will.
Text > Friederike Steinert
Fotos: Katja Hentschel