6 Billion Others | Are You Happy ?

Mai 27, 2009 · Print This Article

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Wir begeben uns auf eine virtuelle Reise durch die Menschheit. Quer durch Länder, Völker und Kontinente. Yann Arthus-Bertrand nimmt uns mit auf seine Suche nach dem Kollektivbewusstsein. Der französische Fotojournalist ist durch seine faszinierenden Luftbildaufnahmen bekannt geworden. Während seines Projektes „Die Erde von Oben“ steckte er in Mali fest und unterhielt sich mit einem Bewohner, um die Zeit totzuschlagen, bis der Helikopter repariert war. Am Ende des Tages wusste er alles über das bescheidene Leben dieses Mannes, kannte seine Sorgen, Ängste und Freuden. Das brachte Arthus-Bertrand auf den Gedanken, Menschen an den Orten zu portraitieren, die er aus der Vogelperspektive ablichtet. Soweit noch keine ungewöhnliche Idee.„6 Billion Others“ ist ein Online-Portrait der „Anderen“, ein dokumentarisches Videoprojekt über Menschen aus unserer gegenwärtigen Weltbevölkerung. Sechs Filmemacher reisten sechs Jahre um die Welt und interviewten 6.000 Menschen aus 65 verschiedenen Ländern. Die Fragen und Themen sind die essenziellen und universellen Dinge des Lebens: Geld, Liebe, Familie, Ängste, was uns zum Lachen bringt und welche Träume wir haben, die erste Kindheitserinnerung, der Sinn des Lebens, Diskriminierung, Natur und so weiter. Die portraitierten Menschen werden uns auf der Webseite im Close-up, mit englischen Untertiteln präsentiert. Aufmerksam beobachten wir die einzelnen Personen und hören ihnen zu. So unterschiedlich sie aussehen, sprechen und so unterschiedlich die Antworten zu jedem einzelnen Thema auch ausfallen, erkennen wir uns doch wieder: Die Ähnlichkeit der Menschen kommt in ihrer Vielfalt zur Geltung. „6 Billion Others“ präsentiert uns die Individualität aber auch die Universalität eines jeden einzelnen, der hier porträtiert wird. Unwillkürlich schwindet die ursprüngliche Distanz. Neugier oder Skepsis verwandelt sich in Intimität, Mitgefühl und Gleichgesinnung.

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Eine uralte Tibeterin beklagt sich darüber, dass sie dement geworden sei und ihre Religionsschüler ihr zu wenig Respekt entgegen bringen. Während eine Ägypterin erklärt, mit ihrer Heirat ein Stück Freiheit aufgegeben zu haben, freut sich ein Mexikaner, so frei zu sein, dass ihn nicht einmal jemand danach fragt, wohin er gehe. Leider sei er manchmal einsam. Einer Kambodschanerin bleibt scheinbar keine Wahl, „Ich habe kein Geld, also bin ich nicht frei. Als ich im Gefängnis war, bin ich dick geworden, nun will mich nicht einmal jemand als Prostituierte.“ Eine junge Südafrikanerin wünscht sich eine bessere Bildung. Eine Französin andere Eltern. Eine alte Frau hätte in ihrer Jugend gerne weniger auf ihre Eltern gehört, um stattdessen tanzen zu gehen. Manche hätten gerne mehr Geld. Andere ihre Jugend zurück. Viele sind nicht unglücklich mit ihren getroffenen Entscheidungen oder Lebensumständen. Obwohl die existenziellen Grundbedürfnisse für Einige jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung darstellt.

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Wie auch Arthus-Bertrand bei seinem ungeplanten Aufenthalt in Mali feststellte, bringt der Gedanke, sein Gegenüber wahrscheinlich niemals mehr wieder zu treffen, eine Intimität mit sich, die unter Freunden und in der Familie nicht zu erzeugen ist. Am Ende des Tages hatte er eine neue Familie gefunden – für 24 Stunden. Das Besondere an seinem Experiment ist die Verbindung von Distanz und Intimität zur gleichen Zeit. Nicht selten gaben Menschen nach den Interviews zu, darüber noch nie gesprochen zu haben. Sie weinen und lachen. Auf der Seite des Betrachters erzeugt diese Intimität den gleichen Effekt: Die anfängliche Distanz zu den interviewten Personen schwindet. Unweigerlich stellt sich der Betrachter vor die gleiche Situation und die gleiche Frage.

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Am Ende sind wir überrascht: Nationalität, Hautfarbe, Sprache und Geschlecht bleiben Äußerlichkeiten, wenn es beispielsweise um Freude geht, wie in unserem Ausschnitt. Vor allem überraschen uns jene Antworten, die unseren eigenen ähneln. Aber auch mit den Menschen, die scheinbar völlig anders sind als wir selbst, fühlen wir mit und bringen Verständnis auf. Haben wir etwa die gleichen Sorgen, Probleme und Glücksmomente? Was wäre, wenn sich alle Personen gedanklich austauschen könnten? Arthus-Bertrand ist der Meinung, dass man ein besserer Mensch wird, indem man anderen zuhört. In jedem Fall ist der Lernfaktor hoch: Man erfährt nicht nur etwas über andere Menschen, sondern über sich selbst. Und man realisiert, wie wenig wir doch voneinander wissen, trotz all der Kommunikationsmöglichkeiten, die zumindest wir in den westlichen Industrienationen genießen.

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Das Internet: Unendliche Weiten globalen Datenaustausches. Nicht ganz. Oft vergessen wir, dass unser bevorzugtes Medium für die Verbreitung von Informationen jeglicher Art nicht so demokratisch ist, wie es zu sein scheint. Zwar wird beobachtet, dass es seit der Etablierung des Internets Mitte der 1990er Jahre immer mehr Nutzer gibt und passive Medienkonsumenten zu aktiven 2.0-Autoren werden. Diese Entwicklung lässt sich aber verallgemeinert auf die westlichen Länder beschränken. Synonym für die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten des Internets, ob als Kommunikationsmittel oder Informationsquelle, kursiert der Begriff des „Digital Gap“: Armut, Zivilisation, Zensur, Alter und Geschlecht sind soziale Faktoren für die Kluft der Chancenunterschiede, an multimedialer Kommunikation teilzuhaben. Anders herum bildet der unbeschnittene Nutzungszugang zu modernen Kommunikationsmitteln bessere gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Entwicklungschancen.

„6 Billion Others“ liegt eine vermeintlich simple Idee zugrunde und birgt ungeahntes Potenzial. Arthus-Bertrand schafft mit seiner Website eine demokratische Plattform für Jedermann, eine digitalisierte „Speaker’s Corner“: Jeder hat etwas zu sagen und auch das Recht dazu. Zu leicht vergessen wir, dass auch freie Meinungsäußerung ein Privileg ist. Sein Portrait der Planetenbewohner, welches die Individualität und Universalität jeder dieser einzelnen Personen zeichnet, aber auch die Verwandtschaft aller Menschen erkennen lässt, scheint ein Schritt auf dem Weg in eine bessere Welt zu sein. Zumindest ein Schritt zu einer größeren Anerkennung der Würde eines jeden Menschen.

www.6billionothers.org


In der aktuellen Ausgabe von Style and the Family Tunes stellen wir eine weitere zukunftsweisende Webseite vor. Das Projekt zweier Dänen zur Zusammenführung durch Flucht getrennter Menschen: „Oh Brother, Where Art Thou – Refunite“.

Style and the Family Tunes 2/4, 2009 jetzt am Kiosk!!!

Text> Stephanie Beckmann

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