IMAGINE! | Part I

June 4, 2009 · Print This Article

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Die Zukunft unserer Welt wird vielleicht im Nahen Osten entschieden. Wir haben zwei Schriftsteller gebeten, für uns fiktionale Zukunftsszenarios für die Region zu entwerfen. Najem Wali macht den Anfang: 2020.Die Herrschenden trauen ihren Augen nicht. Einige zögern zunächst, an dem Krisengipfel der Arabischen Liga teilzunehmen, zu dem deren altehrwürdiger Generalsekretär Amru Mussa aufgerufen hat, doch die Telefongespräche, die sie allesamt sofort mit dem Königspalast in Saudi-Arabien geführt haben, haben sie eines Besseren belehrt: Mit Hab und Gut, Kind und Kegel verlassen sie ihre Länder, denn der saudi-arabische König Sultan Ibn Abdelaziz hat ihnen unmissverständlich klar gemacht: „Ab heute gibt es keine Finanzspritzen mehr!“, bevor er kurz darauf in ein tiefes Koma fiel. „Von nun an ist jeder auf sich gestellt.“ Dies ist auch das Zauberwort auf den Lippen aller arabischen Herrscher, mit dem sie die Journalisten abspeisen. Tagelang haben die Pressevertreter vor dem Königspalast in Riad mit seiner aus Erdölrausch finanzierten Pracht ausgeharrt, doch außer Sicherheitspersonal haben sie niemanden zu sehen bekommen, schon gar nicht die im Sitzungssaal verschanzten Politiker. Die Journalisten mussten unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren. Die Machthaber und ihre Familien verließen den Sitzungssaal genau so, wie sie ihn schon betreten hatten, nämlich durch eine geheime Hintertür. Man munkelt, dass sie sogar im gleichen Gebäudekomplex übernachtet hätten und nicht einmal die Zeit gehabt hätten, etwas zu sich zu nehmen. Den meisten von ihnen hatte es wohl ohnehin den Appetit verschlagen, wie einer der Köche des königlichen Palastes in der Sendung „Kochen mit Kerner“ im ZDF verriet. Während der saudische König auf seinem Bett, ein Geschenk des früheren amerikanischen Präsidenten George Bush senior, vor sich hinvegetierte, leiteten sein Sohn, Kronprinz Khaled Ibn Sultan und sein Cousin, Turki al-Faisal, Chef des Geheimdienstes, die Gespräche. In derartigen Krisenzeiten sehen sich die beiden mächtigen Zweige des Familienclans der Al Saud gezwungen zusammenzuhalten. Einzig der Präsident des Iraks ist nicht angereist. Ein offizieller Sprecher der irakischen Regierung ließ verlauten, der Irak sei nicht betroffen. Die israelische Regierung dagegen hat die gesamte Armeereserve mobilisiert. „Wir sind für jeden Eventualfall gerüstet“, kommentierte der israelische Präsident Ehud Barak. „Einige arabische Machthaber haben bereits in Israel um politisches Asyl angesucht und wir erwägen, es ihnen zu gewähren.“

Die Außenminister der europäischen Länder betreiben eifrig Shuttle-Diplomatie. Erst gestern noch hat Cem Özdemir, deutscher Außenminister türkischer Herkunft, seinem irakischen Amtskollegen kurdischer Herkunft, der derzeit zu Gesprächen über die Deckung des deutschen Energiebedarfs in Berlin weilt, mitgeteilt, Deutschland habe bereits einen eigenen Krisengipfel geplant. Die amerikanische Präsidentin Hillary Clinton, gerade erst von einem Kurzbesuch in Pakistan zurück, erwähnte lediglich einen ominösen Satz, der Anlass zu Spekulationen gab: „Der pakistanische Geheimdienst hat uns Garantien gegeben.“ Bislang ist unklar, ob es sich dabei um Zusagen seitens der Al Kaida handelt, die über ausgezeichnete Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst verfügt. Menschenrechtsorganisationen befürchten, die islamistische Regierung des neuen „Staates Al Kaida“ könne ein gewaltiges Massaker im Nahen Osten anrichten, da die Al Kaida selbst vor einer Woche bereits bekannt gegeben hat, sie wolle das Machtvakuum in der Region füllen. „Unter der Herrschaft des Islamischen Staates Al Kaida werden Frieden und Wohlstand herrschen und im Vordergrund viel Koran!“ erklärte Abu Qatada, geistiges Oberhaupt der Al Kaida. Er äußerte sich anlässlich einer Pressekonferenz in Rom zum Ende eines Überraschungsbesuchs bei Papst Benedikt XVI., mit dem Abu Qatada sich für die Unterstützung des Papstes in Form einer neuen Rehabilitierung von Holocaust-Leugnern unter den Geistlichen revanchieren wollte. Der Erklärung zufolge, die die arabische Redaktion der Deutschen Welle von Al Dschasira, dem offiziellen Sprachrohr der Al Kaida übernommen hat, habe Dr. Aiman Azzawahiri, die Nr. 2 des Terrornetzwerks, die Emire seiner Terrororganisation in sein offizielles Feriendomizil in den Schweizer Alpen eingeladen, um mit ihnen die Frage der Einlagen der Al Kaida auf Schweizer Bankkonten zu erörtern. Es sei nur eine Frage der Zeit, so versicherte er ihnen, bis die Welt zu der Einsicht gelangen werde, dass es keine Alternative zum Islam gäbe: „Der Islam ist die Lösung!“

Es gibt kein Erdöl mehr, weder in Saudi-Arabien noch in den anderen arabischen Golfstaaten. Das gasreiche Qatar ist inzwischen eine schwimmende Insel im Golf, ertrunken in seinen eigenen Bohrtümpeln: Ab sofort gibt es also auch kein Erdgas aus Katar mehr. Der fettleibige Emir von Katar, so hieß es, habe auf einen Schlag mindestens 50 Pfund abgenommen und habe sich daraufhin mit seiner Familie nach Genf abgesetzt, während der katarische Außenminister, Besitzer von Al Dschasira, mit langem Bart und Turban live auf dem Sender erschien, um einem Abgesandten Bin Ladens die Schenkungsurkunde für das Besitzrecht am Sender zu übergeben. Auch andere Herrscherfamilien haben das Weite gesucht. Innerhalb von nur einer Woche hat sich Dubai in eine Geisterstadt verwandelt. Aus Saudi-Arabien allein sollen 44.444 Emire geflohen sein. Rette sich wer kann, so lautete das Gebot der Stunde!

Am 1. März 2020 bei den Vereinten Nationen. UNO-Generalsekretär Barack Obama gibt der Presse die gerade getroffenen Beschlüsse der Vollversammlung bekannt:
1. Die saudi-arabische Königsfamilie ist dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu überstellen.
2. Israel wird offiziell aufgefordert, alle unter seinem Schutz stehenden arabischen Staatsoberhäupter an Interpol auszuliefern.
3. Internationale Truppen werden zur Verteilung humanitärer Hilfe in die Region entsandt.
4. Die UNO erklärt sich bereit, militärisch gegen die Al Kaida vorzugehen, sollte die Weltöffentlichkeit dies verlangen.

Obama zeigte sich optimistisch, dass nun gutnachbarschaftliche diplomatische Beziehungen zwischen den arabischen Ländern und Israel aufgenommen würden. „Einer Zwei-Staaten-Lösung steht nichts mehr im Wege.“ Die Region beginne nun eine neue Epoche des Fortschritts, Wohlstands und Lebens in Würde und könne fortan in der Völkergemeinschaft aktiv zu Frieden, Fortschritt und Umsetzung der Menschenrechte beitragen. Ebenso wie es den USA in seiner, Obamas, achtjährigen Amtszeit als Präsident gelungen sei, neue Energiequellen zu erschließen und energieautonom zu werden, könne dies, „befreit von der blutrünstigen Diktatur der saudischen Herrscherfamilie“, auch den Menschen in Nahost gelingen. Er, Obama, habe sich höchstpersönlich dort mit jungen Menschen unterhalten, die bereits Gremien geschaffen hätten, um die Angelegenheiten ihrer Länder selbst zu regeln und wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwürfe für eine bessere Zukunft vorgelegt hätten. Er habe sie im Laufe des Gesprächs auch ausdrücklich gefragt, ob sie ihre Länder auch ohne Öl und Gas selbst aufbauen könnten, und die Antwort sei begeistert einstimmig ausgefallen: „Yes, we can!“

Najem Wali
“Reise in das Herz des Feindes – Ein Iraker in Israel”,
Hanser Verlag, www.hanser.de

Text > Najem Wali

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