LCMDF? WTF!!!
Juni 11, 2009 · Print This Article

„Ihr seid die Band, über die man am meisten spricht diese Woche in London!“ Mit diesen Worten empfängt der sogenannte Musikanwalt den Produzenten Jonas und die Sängerin Emma auf den Eames-Sesseln eines Londoner Konferenzsaals und erklärt ihnen vor den goldenen Schallplatten der goldenen Britpop-Ära die aktuelle Lage ihres Projekts: „Jetzt könnt ihr entscheiden, ob ihr zu einem Major- oder einem Indie-Label geht, richtig groß werdet oder underground bleibt.“
Das Projekt, um das es geht, trägt den sperrigen Namen Le Corps Mince de Françoise und ist die Band der drei Nachwuchshipsterinnen Emma, Mia und Malin. Jonas Verwijnen ist ihr Produzent, der die Songs aufnimmt und die Band vor dem Wahnsinn der britischen Hypeindustrie schützen will. Denn von dem Wenigen, was es von den drei Mädchen bisher gibt, wollen alle etwas abhaben. Zwei Songs auf Myspace, ein Video, einen Blog und eine Seite Facebook reichten aus, damit Karl Lagerfeld LCMDF als Paradebeispiel für die angesagteste Verschmelzung von Musik und Mode in einer Abendtalkshow auf Canal+ präsentierte. Nicht erstaunlich, dass die Band mit dem frankophilen Namen daraufhin ihren Sprung ins richtige Leben zunächst in Frankreich macht. Paris, wo sie mittlerweile im Regionalzug zwischen Flughafen und City von ihren Fans erkannt werden, scheint das optimale Pflaster für eine Formation, die sich in androgynem skandinavischen Chic und mit polychromem Lidschatten präsentiert.
Überhaupt ist das Modebewusstsein der drei Skandinavierinnen ein sehr eigenes. Ihr Baltimore-Hit „Ray Ban Glasses“, ist nicht etwa eine Hymne auf die unlängst in Mode gekommene 1980er-Jahre-Sonnenbrille, sondern schon wieder der Abgesang darauf. Wir sind schon weiter, heißt das, und die Masse zuckelt hinterher. Pop als das Aufschauen zu seinen stilistisch überlegenen Idolen funktioniert wieder. Wie ernst die Hipsterarroganz eigentlich gemeint ist, bleibt bei LCMDF offen. So macht es dann auch Sinn, dass „Ray Ban Glasses“ erstmal, trotz diverser unmoralischer Angebote britischer Majors, auf New Judas Records rauskommt, Finnlands zurzeit heißestem Label und Kunstkollektiv.
Emma, der Kopf der Band, beschwert sich jetzt schon in genervter Rockstarmanier in Interviews über die immer gleichen Fragen, die sie anöden: Wie es so in der Kunsthochschule war und wie es ist, als Mädchen in einer Band zu sein. Fragen, für die Le Corps Mince de Françoise mit Songs wie „Bitch of the Bitches“ steile Vorlagen liefern. LCMDF verfolgen die Linie von Peaches, CSS, Chicks on Speed oder Le Tigre, sind dabei aber zumindest über das Internet nahbarer als ihre Vorgängerinnen.
Noch vor den ersten Erfolgen schwärmte Cajsa Holgersson von New Judas Records von einer ganz jungen feministischen Band aus Helsinki, der sie gerade empfohlen habe, mehr zu schreien. Ein Rat, dem die drei nur bedingt gefolgt sind und sich stattdessen verteidigen mit „I am a pure-hearted girl and I do it like this.“ Recht haben sie, heben sie doch das bürgerschreckende Gepolter ihrer musikalischen Wegbereiter auf eine selbstreflektiertere Ebene, auf der sie das emanzipatorische Bitch-sein-Müssen ihrer Vorgängerinnen in Frage stellen können.
Das neue Album soll „Love and Nature“ heißen. Nature ist den tropischen Einflüssen in der Produktion geschuldet, Love lässt sich in Titeln wie „I Am Only in It for the Hot Dudes“ oder „Cool and Bored“ erst auf den zweiten Blick finden. Die erfüllen aber genau die Hybris, die von Artschoolrockerinnen erwartet wird. Aber vielleicht ist es gerade die unerfüllte Sehnsucht (schon immer eine gute Basis für große Kunst) nach etwas analoger Wärme, die die kühle Musik von LCMDF dann auch auf einem Non-Hype-Level funktionieren lässt.
Text > Norman Palm
Le Corps Mince de Francoise, “Love and Nature”, New Judas Records www.newjudas.com
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