IMAGINE! | Part II
Juni 12, 2009 · Print This Article

Die Zukunft unserer Welt wird vielleicht im Nahen Osten entschieden. Wir haben zwei Schriftsteller gebeten, für uns fiktionale Zukunftsszenarios für die Region zu entwerfen. Mit Assaf Gavron geht es weiter: 2067!
Hydromania findet in der Zukunft statt, ein paar Jahrzehnte nach unserer Zeit, in Israel, oder zumindest was zu dieser Zeit davon übrig geblieben ist – eine kleine Enklave, die sich von der flachen Küste des Mittelmeers ostwärts ausdehnt. Es ist die Geschichte einer Frau, die ohne Geld und Wasser zurückgelassen wird und ihrem Ehemann, einem Wasseringenieur, der eines Tages verschwindet. Sie ist gezwungen, eine Tat der Verzweiflung auszuführen, die sie auf eine unvorhergesehene Reise schickt. Während sie versucht hinter die Intrigen bezüglich des Verschwindens ihre Mannes zu kommen und gleichzeitig unter Mordverdacht steht, bereitet sie sich auf massive Regenfälle vor, die von den Großunternehmern zeitlich festgelegt wurden und in den kommenden Monaten stattfinden sollen.
Es geht mir nicht darum, auf die Ereignisse näher einzugehen, die zu dem Zeitpunkt geführt haben, an dem die Geschichte beginnt. Um ehrlich zu sein, ich weiß selbst nicht, wie es dazu kam. Hier aber ein paar Anhaltspunkte über die Welt in der Hydromania stattfindet, aus verschiedenen Sichtweisen.
Fangen wir mit China an. Die Geschichte findet in Israel statt, die Gegenwart der neuen Supermacht ist jedoch überall deutlich spürbar: Chinesische Wörter mischen sich unter die Sprache (ein Zug heißt Denscha, ein Auto Ayscha), es gilt der Chinesische Kalender (ein Großteil der Geschichte spielt sich im Jahr des Affen ab), die globale Währung ist der Kuai, heutzutage noch ein eher unbekannter Name für den Yuan, welcher wiederum die chinesische Währungseinheit ist. Chinas Macht oder vielmehr die Schwäche Amerikas („Es gab nicht einmal einen Konflikt oder Krieg, sondern eine schleichende Verlagerung der zentralen Bedeutung von Washington nach Osten, immer weiter ostwärts, bis sie innerhalb weniger Jahrzehnte in Peking zu lokalisieren war.“) ist der Haupteinfluss für die geopolitische Lage im Nahen Osten. China interessiert sich allerdings selbst nicht allzu sehr für die Region, da sie kein emotionales, strategisches oder politisches Interesse mit ihr verbindet.
Die Hauptstadt Israels heißt Cäsarea, die in nummerierte Stadtviertel unterteilt ist, von denen sich einige im Meer gegenüber dem Hafen befinden. Entweder handelt es sich um neue, speziell angefertigte „Nachbarschaften im Meer“, teilweise unter Wasser oder Slums, die auf alte russische Zerstörer gebaut wurden. Der Rest des kleinen Landes befindet sich östlich Cäsareas, nördlich der Bergkette Gilboas, südlich von Galiläa und im Westen des Flusses Jordan (Tiberias nicht eingeschlossen, die letzte Stadt, die sich Palästina ergeben musste, ungefähr drei Jahre bevor die Geschichte beginnt. Andere ehemals israelische Städte sind schon lange nicht mehr in den Händen Israels.)

Unter uns gesagt, jede Form der Kommunikation, Information und Entertainment, Konsum, Einkauf und Bezahlung, Identifikation – eigentlich das gesamte persönliche Leben – wird von einem Chip von der Größe eines Reiskorns gemanagt, der unter die Haut im Oberarm eingepflanzt wird. Dessen Inhalt sieht man sich mit einer Spezialbrille an (wahlweise kann er auf auch eine Leinwand projiziert werden): „Um einzukaufen, ging man in ein Geschäft, wählte die Waren aus und nahm sie mit. Die Kontrollsensoren in dem Geschäft registrierten den jeweiligen Chip und buchten die Summe vom Konto ab (falls zu wenig auf dem Konto war, fanden sie einen schon…). Die Inanspruchnahme von Serviceleistungen, jede Informationssuche, die audiovisuelle Kommunikation mit anderen Menschen wurden unmittelbar ausgeführt – eine Berührung des Chips, Order, Bestätigung. Bei Flügen und Grenzübertritten entfielen alle Identifizierungsmaßnahmen und Kontrollen, da jeder Einzelne Tag und Nacht durch seinen Chip kontrollierbar war.“ Eine Hauptrolle spielt ein Chiphändler, der illegal diese Chips austauscht (mittels einer chirurgischen Operation namens „Doi“), damit nimmt die Geschichte ihren Lauf.
Ist die Zukunft in Hydromania wahrscheinlich, logisch und glaubwürdig? Können Teile dieser politischen, ökologischen und privaten Realität Wirklichkeit werden?
Der stille Held der Geschichte ist das Wasser – der Mangel davon, die Anspannung die daraus entsteht und die Machtspiele darum. Duschzeiten werden gestoppt und dürfen laut Gesetz eine bestimmte Zeit nicht überschreiten; spezielle Hinweise warnen vor Wasserknappheit. Es gibt keinen Kaffee, keine Süßigkeiten oder Alkohol und das Essen basiert auf Wüstenfrüchten und Salzwasser. Die Macht liegt in den Händen der großen Wasserkonzerne: „Allmählich beherrschten die Konzerne die Mehrheit der Wasservorkommen auf dem gesamten Globus, und gleichzeitig damit auch die Wasserindustrie und alle Folgeleistungen – Pumpen, Filterung und Lieferung an Milliarden von Menschen.“
Assaf Gavron
“Hydromania”
Sammlung Luchterhand
www.randomhouse.de/luchterhand
Das könnte dich auch interessieren
- IMAGINE! | Part I
- HYPERLOCALITY Part I
- Die Welt in deinen Händen | Imagine Earth
- HYPERLOCALITY | Part II
- Olympia & Gucci | Beijing Bicycle




Comments
Got something to say?