Alle Anderen | Seelenstrip

June 19, 2009 · Print This Article

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Ein Pärchen, Anfang 30, auf den ersten Blick sympathisch normal. Er (Lars Eidinger) Architekt, der ein bisschen auf der Stelle tritt, sie (Birgit Minichmayr) relativ erfolgreich in der coolen Musik-PR Branche. Gitti und Chris. Sie reisen nach Sardinien, wo Chris’ Eltern ein Ferienhaus haben, vollgestopft mit deutschem Standard.

Gitti bringt Chris’ Nichte bei, wie man richtig laut „Ich hasse dich!“ brüllt und jemanden mit dem Finger erschießt. Sie schwankt getroffen rüber zum Pool und lässt sich hineinplumpsen, das kleine blonde Mädchen blickt erschrocken, Chris bleibt passiv – Anfangsszenen, die eine Vorahnung auf temperament- und peinlichkeitsgeladene Auseinandersetzungen geben. Chris’ Schwester hat genug und entreißt den beiden am nächsten Morgen die Bettwäsche unter den noch schläfrigen Körpern. „Wer weiß, wann wir uns wieder sehen“, flüstert sie angewidert und macht eilig, dass sie mit Kindern und Krempel aus dem Ferienhaus verschwindet.

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Der Urlaub plätschert dahin, Gitti gibt den Ton an, Chris wirkt verunsichert oder genervt. Sie Rambo, er Weichwurst. Beide testen sich aus, strapazieren sich, grenzen sich ab oder passen sich an. Wie bedrückend die schwüle Stimmung zwischen dem ungleichen Paar ist, schwankend von Leidenschaft zu Hass, wird durch das ständige Gesurre und Zirpen der Schmeißfliegen akustisch noch verstärkt. Und in diese Mikrowelt aus infantilem Spaß, ernsthaften Grundsatzdiskussionen, Selbstfindung und Peinlichkeiten platzt ein anderes Paar, ein Kollege von Chris mit seiner Frau. Hans und Sana. Die Anderen. Erfolgreich, ausgeglichen, zufrieden, selbstgefällig.

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Jetzt ist Gitti verunsichert. „Ich wäre manchmal so gerne anders für Dich.“ Sie kauft ein gepunktetes Kleid, wird es aber nicht gegen Shorts und Tank-Top tauschen. Während sie krampfhaft nicht so sein will wie die Anderen, fühlt er sich im Vergleich mit den Anderen unterlegen und will sich anpassen. Manche Szenen ziehen sich während dieser Entwicklung wie Kaugummi, bleiben aber beklemmend realistisch. Dabei werden beide Rollen unsympathisch, unerträglich aber nur abwechselnd. Beim Grillabend mit dem Vorzeigepärchen eskaliert die Situation, man möchte fremdverschämt aufstehen und das Kino verlassen. Aber es kommt noch schlimmer: wenn Gitti, auf dem Höhepunkt ihrer rebellischen Natur und bedroht von so viel Anderssein, Sana mit einem Messer erpresst.

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„Alle Anderen“ erhielt bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen Berlin gleich zwei silberne Bären, einmal den Großen Jury Preis, einmal für Birgit Minichmayr in der Hauptrolle. Regisseurin Maren Ade zeichnet ein sehr feinfühliges Beziehungsgemälde aus der Ameisenperspektive. Der Blick auf dieses junge Paar, ihre zerbrechliche Beziehung und ihre vertrautesten Momente, scheint stellvertretend für so viele eigene Empfindungen und Erlebnisse, dass man in der Zwickmühle steckt: einerseits angewidert durch die klebrig-intime Nähe zu dieser Zweisamkeit und den eigenen Voyeurismus, andererseits gefesselt von gerade denselben Dingen.

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„Alle Anderen“ von Maren Ade startet am 18.06. in den Kinos

www.alle-anderen.de

Bildcredit > http://prokino.de
Autor > sb

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