LITTLE BOOTS | Hands

June 20, 2009 · Print This Article

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Fast erinnert Little Boots ein wenig an Annett Louisian in ihrer blonden Phase, nichts für Ungut liebe Victoria, so der bürgerliche Vorname der minikleinen englischen Sängerin. Die ohnehin schon untertassengroßen blauen Plinkeraugen umflort von endlosen Designerwimpern, sitzt sie mir etwas körperspannungslos im postmodernen Meeting-Room ihrer Plattenfirma gegenüber. Irgendwann heute wurde auch schon gefilmt, die Visagistin ist wieder weg, burgzinnenhohe Glitzerpumps liegen achtlos im Gang, Victoria trägt jetzt bequeme Westwood Ballerinas zum kurzen Rock und einen auch nicht ganz videofeinen Goldlurex-Kuschelpulli. Verschnaufpause. Und schon wieder vorbei: denn Little Boots  ist die britische Pop! Pop! Pop! Hoffnung auf dem Weg von einem Pressetermin zum nächsten und dann weiter in die Verkaufscharts. Gestern noch UK, dann zwei Tage Berlin, einer in Paris und selbst ihren Geburtstag darf die reizende Chanteuse im Flieger nach Japan verbringen. Mir wird schwindelig, ihr auch?
“Das Ganze ist zwar anstrengend aber trotzdem eher eine natürliche Entwicklung, das letzte Jahr, besonders die letzten sechs Monate, haben eine stetige Steigerung von Aktivitäten gebracht und man wächst eben so mit.” Victoria Hesketh ist keine naive 17 mehr, seit dem 5. Lebensjahr klassisch am Klavier ausgebildet, hat sie sich als Jazz-Sängerin und -Pianistin durch endlose Bars und Cafés gejobbt, bis sie es 20jährig nicht mehr aushielt sich in fremden Noten auszudrücken und Bandanschluss suchte und fand.

Ihr Girls-Electro-Trio Dead Disco schloss dann auch tatsächlich einen Deal mit einem Indie-Label ab, doch schon bald zerbrach die Band an den unterschiedlichen Musikvorstellungen der Mädels: “Sie wollten cool und Indie sein und ich wollte Pop.” erklärt Little Boots.

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Etwa zur gleichen Zeit wurde das Indie Label an Atlantic verschachert und Victoria, immer noch gebunden an den alten Vertrag, dümpelte als tote Materie im Katalog herum, ohne dass sich der Major um sie kümmerte: “Ich konnte ganz ohne Druck in Ruhe an meiner eigenen Musik arbeiten, keinen hat’s interessiert, bis ich 6 Monate später mit meinem neuen Projekt zu Atlantic ging und sie total geflasht habe.”Trotz myspace und you tube Hype (ihre im Schlafzimmer produzierten Coverversionen von Human League bis Wiley, gingen und gehen um die Welt…) also kein typischer Web 2.0 Act, denn wer hat schon einen Plattenvertrag vor dem Hype.

Genau wie La Roux oder viele andere der momentan angesagten Girls – einen Trend den Victoria im Übrigen klar als Gegenbewegung zu den unzähligen Boy Bands à la Kaiser Chiefs identifiziert – fühlt sie sich zwar im Clubzusammenhang durchaus zu Hause, macht aber blütenreinen 80er Mainstream Pop, der sich gar nicht mal so sehr von den Hits vergessener Größen wie Sandra oder der steifhüftigen Stephanie von Monaco unterscheidet.
Die Synthies, die Songstrukturen, die Refrains – und trotzdem, die Zeit ist nicht stehen geblieben, man hört Victorias aktuellen Kontext sehr wohl aus ihren Songs heraus, auch wenn ihre Helden allemal im letzten Jahrtausend zu finden sind: “Ich liebe David Bowie, Kate Bush natürlich, Elton John, die großen Popbarden, intensive Songs und The Human League selbstverständlich.”

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Und so singt sie das schönste Duett auf ihrem ersten Album “Hands”  dann auch mit Phil Oakey, von dessen wundervoll samtiger Erotikstimme sie Gänsehaut bekommt und den sie leider bei den Aufnahmen nicht treffen konnte:

“Freunde von Freunden haben den Kontakt gemacht und wir haben ihm das Tape geschickt, man kann ja nie wissen – und dann kam die Zusage! Leider war ich an dem einzigen Tag an dem Phil Zeit hatte ins Studio zu gehen, nicht in England und so haben wir uns nie persönlich getroffen. Ich hoffe ich sehe ihn demnächst mal auf irgendeinem Festival”

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Little Boots ist ein Kind des Internet-Zeitalters, die vielen Remixe ihrer Tracks im Netz findet sie völlig in Ordnung, einige sind von ihr in Auftrag gegeben, viele aber auch nicht. Sie freut sich über alle, denn schließlich heben sie ihren Bekanntheitsgrad, auch wenn es weh tut,  wenn ihr ganzes Album illegal heruntergeladen wird:” Das sind immerhin zwei Jahre meines Lebens und das sollte auch irgendwie gewürdigt werden. Aber was soll man machen, Musik ist wie Wasser, wenn sie erst mal im Umlauf ist, kann man sie nicht mehr aufhalten. Für meinen 16jährigen Bruder ist ein Pfund viel Geld, wenn der irgendein Album unbedingt haben will, kauft er es sich nicht für 10 Pfund, sondern lädt es irgendwo herunter, egal in welcher Qualität. So funktioniert eben die Welt bei unserem heutigen technischen Stand, ich finde es falsch, das noch härter zu ahnden, es ist vor allen Dingen ein Problem der Plattenindustrie, die sich ein neues System überlegen muss.”
Zurück zum Album, Victoria schreibt ihre Texte selbst, auch wenn das lange Zeit nicht ihre Lieblingsbeschäftigung war: “Ich schreibe tatsächlich am Liebsten vor einem Spiegel, es ist gut wenn ich mich selbst ansehen kann beim Nachdenken, das funktioniert irgendwie besser, seltsam eigentlich. Meine Texte entwickele ich aus Worten die ich mag: was kann ich zum Beispiel aus “Mathematics” machen, und mir fällt eine Liebesgeschichte dazu ein, one plus one. Oder “Stuck on repeat”, was könnte das bedeuten, wie könnte die Geschichte dahinter aussehen. Und dann kann jeder selbst entscheiden, wie tief er in den Text vordringen will.”

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Jetzt arbeitet Little Boots erst einmal ihre Live-Show weiter aus. Mein Vorschlag, sie frei nach Kate Bush, auf einem weißen Pferd auf die Bühne reiten zu lassen, begeistert sie sehr,
allein die Finanzierung macht ihr Sorgen: “Ich würde die Show gern noch aufbauen, mit mehr Dekoration auf der Bühne und einem riesigen Tenori-on (sequenzer-artiges, elektronisches  Musikinstrument mit visuellen Effekten) im Hintergrund, aber das ist noch nicht drin. Ich glaube, ich würde eher einen extra Bassisten von der Plattenfirma bekommen, als das Budget für mehr Deko, schade..!”
Bleibt zu hoffen, dass sie ihre bescheidenen Wünsche beim Label durchsetzen kann. Wenn es nach mir ginge, hätte sich die bezaubernde Little Boots längst eine kleine Herde Einhörner verdient.

Single: NEW IN TOWN – VÖ 12.06.09
Album: HANDS – VÖ 26.06.09

www.myspace.com/littlebootsmusic
http://www.youtube.com/user/littlebootsvideos
www.warnermusic.de

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Comments

One Response to “LITTLE BOOTS | Hands”

  1. caligula « spontanextase! on July 11th, 2009 19:02

    [...] dann noch diesen absolut lesenswerten artikel lesen. und am besten den direkten vergleich mit la roux, ladyhawke, robyn und wie sie alles [...]

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