Gilbert & George | Performanz in Permanenz

January 4, 2010 · Print This Article

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Vor 42 Jahren begann ihre künstlerische Karriere. Unterschiedlicher Herkunft, schon vor der Zeugung getrennt, aber Zwillinge im Geiste, leben sie ihre Künstlerpersönlichkeit Gilbert & George in der permanenten Verschmelzung eines performativen Lebens. Als vitale Skulpturen ihrerselbst überformen sie  ihre Körper in Ornamente der totalen Selbstentblößung. Grotesk, monströs, aber durch und durch tolerant. Wir trafen die Gentlemen in ihrer Galerie in Berlin.

Ihre Arbeit wird oft als prototypisch britisch bezeichnet, aber Gilbert hat eigentlich die italienische Staatsbürgerschaft. Diese Vorstellung des „Britishism“, wie eine Arbeit betitelt ist, scheint ein Schlüsselthema für Sie zu sein. Was denken Sie über diese Kategorisierung?
George: Wir haben uns stets dagegen gewehrt. Wir sagen immer, dass die Nationalgalerien der Welt neu organisiert und nach Daten eingerichtet werden sollten. Es sollte einen Raum für Gemälde des 16. Jahrhunderts geben anstatt der flämischen, niederländischen und italienischen Räume. Es wird immer nach dem Pass vorgegangen, und das halten wir nicht für richtig.
Gilbert: Wenn man ins Museum geht, sogar heute noch, sagt man immer „der deutsche Künstler“, nicht „der europäische Künstler“. Hinter jedem Künstler steht eine Flagge, und man bleibt dabei. Das wurde noch nicht überwunden.

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“Church of England”, 2008 all images © Gilbert & George, courtesy  Arndt & Partner Berlin/Zurich

In dieser Ausstellung unterstreichen Sie die Vorstellung von der Flagge hinter jedem Künstler, indem Sie den Union Jack buchstäblich in Bilder Ihrer Körper einarbeiten.
George: Es mag sein, dass jeder Künstler etwas mit Flaggen gemacht hat. Wir haben in den 1970er, 1980er Jahren ein, zwei Sachen gemacht. Diesmal wollten wir aber alles herausholen und die letzten Überlegungen und Empfindungen, die wir möglicherweise haben könnten, herauspressen: Die Flagge mit Bäumen, die Flagge mit dem Leib, die Flagge mit Medaillen, die Flagge in Dunkelheit, die Flagge in Helligkeit.
Gilbert: Die Flagge mit diesen verrückten Leuten dahinter, diesen Monstern, die aus den Wäldern herauskommen. Wenn man nach London fährt und die Oxford Street auf und ab geht, was kauft jeder ausländische Besucher, der dort hinkommt? Einen Union-Jack-Hut, oder ein -T-Shirt oder eine -Handtasche. Es geht also immer um Nationalismus und Stammesbewusstsein.

Man könnte sagen, dass Sie in Ihrer Zusammenarbeit als Gilbert & George als eine Art Mikro-Stamm funktionieren.
George: Absolut. Wir sind nicht britisch, wir sind nicht ausländisch.
Gilbert: Mikro. Das passt, das ist es.

In Ihren ersten Performances „Underneath the Arches“ und „Singing Sculpture“ haben Sie bewusst entschieden, ein veraltetes Lied zu singen, sodass junge Leute die Bezugnahme nicht bemerken würden.
George: Wir haben nie eine Performance gemacht. Das ist ein Missverständnis.
Gilbert: Wir wurden das Kunstwerk.
George: Lebendige Skulptur.
Gilbert: Das ist es also, nichts hat sich geändert. Wir führen die Kunst nicht auf. Wir sind sie.
George: Performancekunst war immer etwas Schmutziges und Anrüchiges, dem sich deine Eltern versperren würden. Sich am Boden wälzen, seltsame Geräusche machen. Das haben wir nicht getan.
Obwohl Sie doch einige anrüchige Plätze gewählt haben, um dort lebendige Skulpturen zu sein.
Gilbert: Zum Beispiel?
George: Zum Beispiel „Underneath the Arches“.
Gilbert: Das ist einer.
George: Obwohl das eher romantisch ist als anrüchig.
Gilbert: Es war romantisch für Flaneure, und wir haben die ganze Kunstwelt eingeladen, es anzusehen, dabei zu sein. Das war 1969, das war das einzige Mal. Danach wurden wir in Museen zugelassen. Wir waren dort vorher nicht erlaubt, deshalb mussten wir draußen bleiben.

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Um zur Frage zurückzukehren, gezielt ein Lied zu verwenden, das von manchen Leuten nicht erkannt werden würde…
George: …das hatte eine unglaubliche, unauslöschliche Wirkung auf die Leute.
Gilbert: Sie dachten, wir würden stillstehen. In Wirklichkeit taten sie es, völlig. Sie waren gebannt, Stunden über Stunden, mehr noch als wir.
George: Da waren fünfjährige Kinder und betagte, 85-jährige Damen, die müssen ganz verschiedene Dinge über die Aufführung gedacht haben. Es war außergewöhnlich.
Gilbert: Wir empfinden es so, dass es auf irgendeine Weise das gleiche ist, wenn wir eine Ausstellung wie diese machen. Kinder oder alte Leute kommen und lesen irgendetwas heraus.
George: Wir machen nicht diese freaky moderne Kunst, die niemand auf der Welt versteht, außer in Berlin, London, Paris, New York. Man könnte auch jemanden aus Antigua oder Papua-Neuguinea in die Galerie bringen, und er würde etwas von Leben und Tod und Hoffnung und Angst in den Bildern begreifen. Er wäre nicht völlig ratlos. Wohingegen eine Menge moderner Kunst jeden befremdet, sogar uns.

Sie sagen, Sie machen keine „freaky“ Bilder, aber Sie haben Ihre Ausstellung „Jack Freak“ genannt. Aus der Perspektive der Queer Theory ist das Bild des Freaks als utopischer Figur sehr interessant.
George: Wir sind alle Freaks.
Gilbert: Wenn wir ein Bild fertig hatten und dann in London umhergingen, sahen alle freakig aus, jeder. Ein Gesicht ist doch total freakig.

Was ist also der „Freak“?
Gilbert: Wir haben diese Bilder gefaltet, diese Köpfe. Und wir haben einen Menschen angefertigt, der nur einen Kopf hat, keinen Körper. Als wir angefangen hatten, ihn zu falten, haben wir bemerkt, dass wir zu Freaks werden!
George: Und es ist wichtig, zu verstehen, dass es Freaks oder Menschen mit einer solch seltsamen Erscheinung in fast jedem Land gibt. Sie werden in Anstalten gehalten, sie werden versteckt.

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Wie Sie bewiesen haben, ist Entspannen und sich Betrinken harte Arbeit. Können Sie etwas über Ihr Leben als lebendige Skulpturen sagen und über kapitalistische Arbeit?
George: Wir wollen nichts mit dem Kollektivismus zu tun haben. Uns graut davor, wir sind allergisch dagegen. Wir glauben ausschließlich an das Individuum und versuchen immer daran zu glauben, dass eines Tages ein jeder auf der Welt aufstehen wird und ein völlig anderes Wesen sein wird, welches wir noch nicht ergründet haben.
Gilbert: Wir mögen Leute, die etwas tun wollen, jeden Menschen, jede kleine Person, die einen kleinen Job verrichtet und versucht, ihren Lebensunterhalt zu verdienen… Das ist fantastisch… Wir müssen alle überleben, so ist das einfach.
George: Der Staat hat Angst vor dem Individuum. Wir wollen keine Bürger sein, wir wollen keine Nummern sein.
Gilbert: Wir wollen nicht die Arbeiter sein. Wir wollen nicht die Bergmänner sein oder die Lehrer oder… Wir wollen Menschen sein.
George: Es ist schlimm genug, all diese Nummern. Man muss eine Hausnummer haben, eine Telefonnummer, eine Faxnummer, eine Sozialversicherungsnummer. Da ist es besser, kriminell zu sein und ins Gefängnis zu kommen – da hat man dann nur eine Nummer!

Diese Idee von Individualität ist der Kerngedanke Ihrer Arbeit, doch natürlich bleiben Sie immer zusammen. Ich frage mich deshalb, ob es irgendeine Vorstellung davon gibt, das Selbst abzulegen oder das Ich.
George: Wir sind zwei Personen, aber ein Künstler. Es ist wirklich simpel.
Gilbert: Wir haben das getan, vor langer Zeit. Das Ziel, dieser Traum, dieser Nebel vor uns, das ist das Wichtigste… Wir tun nichts anderes. Es gibt diese Vision von Kunst, dass man Dinge ändern kann, was für uns das Interessanteste ist. Dass wir ins Atelier gehen können und tun, was immer wir wollen. Auf die eine oder andere Art und Weise ist das Redefreiheit.
George: Es ist wahrlich ein Privileg.



portrait photos  > Andy Rumball / www.rumball.de
Interview > Lanka Tattersall

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