TOCOTRONIC | Schall und Wahn

Januar 25, 2010 · Print This Article

Tocotronic-Cover---CMS-Source

„Nieder mit den Umständen!“ hat Old Nobody Jochen Distelmeyer schon vor Jahren gefordert. Old Anybody Dirk von Lowtzow nimmt den Faden auf und strickt uns einen wärmenden Pulli draus. Der schützt zwar weder vor Schall noch vor Wahn, aber vor den Eiswinden des Kapitalismus. Dass sei jetzt bitte bitte nicht politisch, sondern na klar nur ästhetisch verstanden. „Im Zweifel für den Zweifel, für den Zauder und den Zorn.“

Das kennen wir ja schon von Tocotronic. Sich semantisch ganz weit aus dem Fenster lehnen und es dann nur phonetisch, onomatopoetisch oder sonstwie rhetorisch gemeint haben wollen. Vermutlich ist genau das aber der einzige richtige Weg. „Eine Lanze für den Widerstand, ein Tanz für die Ästhetik, eine Flanke gegen die Gegebenheiten und von heute an – leben wir ewig.“ Da will man sich nur anschließen!

„Schall und Wahn“ bildet mit seinen Vorgängern „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und „Kapitulation“ eine Trilogie des sich nicht abfinden Wollens mit dem Status Quo. Das Album reizt die Spielarten des zeitgenössischen Kampf- und Arbeiterlieds in alle Richtungen aus. Troubadour Lowtzow mimt den Münte dieses Genres – ohne allerdings einen Sturz fürchten zu müssen. Mit der Sicherheit des Rattenfängers von Hameln marschiert er durch den 4/4-Takt von „Macht es nicht selbst“ und spricht sich gegen die Angepasstheit der DIY-Mentalität aus, Selbstbefriedigung und Selbstauslöschung mal ausgenommen. Karnevalesk im Gestus gleitet die Platte mit dem Blumenstrauß musikalisch dennoch nicht ab, dafür beherrschen Tocotronic den wohl dosierten Noise zu perfekt.

Mit „Oszillieren Sie“ macht Lowtzow einmal mehr deutlich, dass Dada eine Geisteshaltung ist, mit der sich noch jeder gesellschaftliche Konsens unterminieren lässt. Tocotronic pflegen sogar gleichzeitig die Subversion des Dadaismus und den überverfeinerten Ästhetizismus, gegen den ersterer sich einst auflehnte. Damit nehmen sie den Mund auch dann nicht zu voll, wenn sie ihre neue Platte mit „das erste Album des Jahrzehnts“ bewerben. Danke, Dirk!

Tocotronic, „Schall und Wahn“, Universal

Text > Marcus Woeller

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