Peter Bialobrzeski vs. Alfred Ehrhardt
Januar 30, 2010 · Print This Article

Alfred Ehrhardt war einer der Universalkreativen des 20. Jahrhunderts: Organist, Lebensreformer, Maler, Pädagoge, Bauhäusler, Fotograf und Filmemacher. Auf letztere Disziplinen hat er sich spezialisiert und ist damit zu einem der großen Fotografen der Neuen Sachlichkeit geworden. Wo der bekanntere Karl Blossfeldt Farnspitzen und Pflanzentriebe ablichtete als seien sie aus Gusseisen getriebenes Kunsthandwerk, richtete Ehrhardt seine Kamera auf Schneckenhäuser, verästelte Korallen und geologische Kristallstrukturen. Diesen dokumentarischen Anspruch verewigte er auch in zahlreichen Filmen, den sogenannten „Kulturfilmen“, einer heute fast ausgestorbenen Gattung.

Alfred Ehrhardt, „Trophon geversianus“ (Magellanstraße), 1940/41, Abzug 1968, MUS-0058S © VG Bild-Kunst Bonn 2010
Die Alfred Ehrhardt Stiftung, die gerade von Köln nach Berlin gezogen ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur das Werk Ehrhardts aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugängig zu machen, sondern es auch in den Dialog mit zeitgenössischen Fotografen und Fotografinnen zu stellen. Auftakt in den neuen Räumen der Stiftung in der Berliner Auguststraße macht Peter Bialobrzeski mit einer Auswahl aus seiner Serie „Paradise Now“.

Peter Bialobrzeski, „Paradise Now # 18“, 2007/2008 © Peter Bialobrzeski Courtesy LA Galerie Frankfurt / Robert Morat Galerie
In den Megalopolen Asiens hat der Fotograf, der auch an der Kunsthochschule in Bremen lehrt, urwaldartige Pflanzenformationen aufgenommen, die den Stadtraum völlig zu überwuchern scheinen. Die Langzeitbelichtungen im unwirklichen Licht der Strahler benachbarter Baustellen verunklaren die reale Situation. Handelt es sich um den „natürlichen“ Dschungel, der sich die Stadt zurückerobert? Oder sind es „künstliche“ Pflanzungen, die in den Indoor-Gärten der Geschäftshäuser wachsen? Oder verwildert hier nur die städtische Begrünung?

Alfred Ehrhardt, „Steinsalz“, Wieliczka, Ungarn, 1938/39, KRI-0135 © VG Bild-Kunst Bonn 2010
In Bialobrzeski und Ehrhardt treffen zwei vollkommen unterschiedliche Dokumentarfotografen aufeinander, die sich dennoch beide der Natur auf eine durchästhetisierte und vollkommen artifizielle Art nähern. Die Direktorin der Stiftung, Christiane Stahl, will solchen „Konstruktionen des Natürlichen“ eine neue Plattform in Berlin bieten.
Peter Bialobrzeski, Paradise Now“ und Alfred Ehrhardt, „Naturdinge“
Alfred Ehrhardt Stiftung, 30. Januar – 18. April 2010, Augustraße 75, Berlin-Mitte
www.alfred-ehrhardt-stiftung-de
Erstes Bild >Peter Bialobrzeski, „Paradise Now # 88“, 2007/2008 © Peter Bialobrzeski Courtesy LA Galerie Frankfurt / Robert Morat Galerie
Text > mw
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