
Bei einer Ausstellung mit dem Titel „Über Wut“ könnte man denken, es ginge „über Wut“. Doch das war Kuratorin Valerie Smith wohl zu vordergründig. Sie sucht die Wut nicht dort, wo sie zu den Ohren herausqualmt oder Adern auf Stirn und Hals hervorquellen lässt, sondern in den Momenten kurz zuvor oder kurz danach – den kritischen Punkten also, an denen die pure Emotion umschlägt in die Reflexion über sich selbst. Bestenfalls, denn meistens werden Gefühle weniger reflektiert als kontrolliert. 

Mit „Über Wut“ bleibt sich das Haus der Kulturen der Welt selbst treu und präsentiert eine spröde, visuell sperrige Ausstellung mit einigem Tiefgang. Wer wütende, expressive Kunst erwartet, die wahrlich wütet, wird enttäuscht; wer über Wut nachdenken will, hat dafür noch einen Monat Zeit, das HKW zu besuchen.

Im Foyer ist ein silberner Kubus aufgebaut. Die Künstler- und Autorengruppe reloading images hat im Inneren an einem runden Tisch die Sitzung des UN-Sicherheitsrats simuliert und über Konflikte, Revolutionen und Verhandlungen getagt. Eine Mehrkanal-Videoprojektion inszeniert diese Diskussionen nun unter ausdrücklichem Einschluss der Öffentlichkeit. Jimmie Durham nutzt ein Drittel der Ausstellungshalle für seine Installation über die Arroganz und Bigotterie, mit der die weißen Siedler Nordamerikas der indigenen Bevölkerung den Garaus machten.

Bis heute zieht sich die Spur der Verwüstung nicht nur als Genozid, sondern auch intellektuelles Armutszeugnis durch die Geschichte der USA. Durham versammelt Zeugnisse von Schriftstellern und Politikern, die den Indianer nur als entweder grausamen Mörder oder als edlen Wilden sehen und sich von jeglicher Schuld reinwaschen.

Michael Rakowitz hat aus Sperrholz und arabischem Verpackungsmaterial ein großes Ischtar-Tor aufgebaut, dessen Original als archäologisches Diebesgut bis heute im Berliner Pergamon-Museum Touristenmassen anzieht und als verkleinerte Attrappe im Irak nur noch als Fotomotiv dient, während der Raub historischer Artefakte munter weitergeht. Auf der Empore sind betretbare Wuträume aufgebaut, die die Besucher einladen, ihrem eigenen Zornempfinden näherzukommen – eine lokale Forschungsexpedition.

Diese und andere Beispiele zeigen: Wut hat nicht immer Schaum vor dem Mund. (Zur Ausstellung „Über Wut“ läuft noch ein umfangreiches Begleitprogramm.)
„Über Wut“, Ausstellung und Festival im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, noch bis zum 9. Mai 2010, www.hkw.de
Text > mw
