
Dan Snaith war Manitoba, bevor er vor fast sechs Jahren zu Caribou wurde. Beide Namen sind irreführend, denn kanadische Prärieprovinz und Elchtier klingen nicht nach Clubs und elektronisch-psychedelischer Spielerei, eher nach Holzfällerhemden und leiser Folkmusik. Dan Snaith fällt auch sonst aus allen Schubladen. Er ist immerzu beschäftigt, schrieb auf einer Welt-Tournee 2005 seine Dissertation in Mathematik, springt in seiner Freizeit Trampolin und bewies, dass sich auch komplexe Elektrosounds live mit Orchester umsetzen lassen, als er auf dem ATP 2009 Songs seines letzten Albums „Andorra“ mit einem 15-köpfigen Orchester spielte – auf Anfrage von den Flaming Lips.
Wo „Andorra“ mit geräumigen, vielschichtigen Sounds aufhörte, nimmt sein neues Album „Swim“ den Faden wieder auf und zeigt uns weitere Facetten in Caribous Klangspektrum.
Wir trafen Dan Snaith zum Gespräch in Berlin.
Du hast mit Loops angefangen Musik zu machen. So Sample-basiert zu arbeiten ist ziemlich technisch. Hat dieser Zugang zur Musik was damit zu tun, dass du Mathematiker bist?
Eigentlich hat es mehr damit zu tun, welche Sounds ich spannend finde, weil sie das Potenzial haben neu und anders zu klingen. Musik war immer eine emotionale Angelegenheit. Der Prozess des Musikmachens muss aufregend sein und eine Art Gefühl übermitteln. Das neue Album ist viel stärker von Technologie abhängig als seine Vorgänger. Technik schüchtert mich nicht ein, aber ich bin auch keiner von den Typen, die an Synthesizern rumbasteln um herauszufinden wie sie funktionieren. Mich interessieren nur die Sounds und wie ich Technik nutzen kann.
Wenn man dein neues Album „Swim“ und auch „Andorra“ hört, merkt man, dass dein Fokus sich von den Sounds auf den Song als Ganzes verlagert hat. Die Songs klingen fließend, oder wie du es beschreibst wie „Flüssigkeit, die sich hin und zurück bewegt“.
Die wirklich große Entwicklung zeigt sich schon bei „Andorra“. Das ganze Album war für mich eine Phase in der ich gelernt habe Musik tatsächlich zu komponieren und arrangieren und richtige Pop-Songs zu schreiben, in denen meine Ideen konzentriert sind.
Bei meinen ersten Alben habe ich mit einem Loop angefangen und der Song hat sich ganz organisch daraus entwickelt. Wie mit Loops lasse ich Sounds immer noch gern sich selbst entfalten, ich mag immer noch die repetitiven Elemente – aber ich kombiniere das jetzt mit meinen Kenntnissen über Songwriting.
Dazu kommt die Idee, etwas zu machen, was flüssig klingt, in dem alle Elemente sich durchtränken. Ich interessiere mich sehr für Dance-Music und gerade in dieser Szene denken viele, dass der Sound starr, hart, metallisch und eben alles andere als „wasserartig“ ist. Deshalb war das so eine aufregende Idee für mich. Sie entstand mit dem letzten Song auf „Andorra“. „Niobe“ sollte genau diesen sinnlichen Eindruck von Flüssigkeit erwecken. Zu der Zeit habe ich viel von James Holden gehört und gedacht: „Wie kann ich so ein Gefühl in meiner Musik schaffen?“ Und das ist etwas, das du mit einer Band nicht hinbekommst, sondern nur durch Manipulation von Technologie. So ähnlich, wie einen Loop zu setzen, den du so verändern kannst, dass er sich verändert oder ganz verschwindet, sobald er sich wiederholt.

Du legst inzwischen auch in Clubs auf. Hat das DJ-ing Einfluss auf deinen Sound?
Ja, definitiv! Als ich anfing an dem Album zu arbeiten, dachte ich: „Ich finde Dance-Music aufregend, mach ich doch einfach auch ein paar Dance-Tracks. Nicht zur Veröffentlichung, oder als Caribou, sondern einfach zum Auflegen in Clubs. Und danach mach’ dann das nächste Caribou-Album – zwei völlig voneinander getrennte Projekte.“ Und diese beiden Projekte gingen dann irgendwann ineinander über. Bei den besten Sachen wusste ich schließlich nicht mehr, ob ich sie nun zu den Dance-Tracks zähle, oder zu Caribou – sie waren irgendwo in der Mitte. Das spannendste am DJ-ing war für mich, dass ich den Track an dem ich gerade noch gearbeitet hatte, am nächsten Abend auf einer großen Anlage spielen und sehen konnte, ob die Leute dazu tanzen wollen. DJ-ing hat diese Unmittelbarkeit an sich. Man kann so viel ausprobieren in einer klanglich sehr aufregenden Umgebung. Im Club klingt alles so viel intensiver.
Deine Tracks lassen sich trotzdem mit einer Band umsetzen. Es scheint als ob du die Live-Spielbarkeit vor allem auf deinen letzten beiden Alben im Hinterkopf hattest.
Nein, das ist etwas, was ich nie tun wollte. Sicherlich müssen wir herausfinden, wie wir die Songs live spielen. Es ist nicht so, dass ich an einem Song arbeite, den ich wirklich toll finde und es dann trotzdem lasse, weil ich denke, „das werden wir niemals live spielen können!“ Das Album ist vorrangig, erst wenn es abgeschlossen ist mache ich mir Gedanken darüber, wie wir die Songs live spielen können. Aber es ist wirklich interessant dieses Problem dann zu lösen. Bei diesem Album gibt es erstmals die technischen Möglichkeiten es live völlig anders umzusetzen – alles auf der Bühne wird miteinander verbunden sein. Ich könnte zum Beispiel einen Knopf auf dem Keyboard drücken, um einen Effekt auf die Gitarre zu legen oder die Visuals und Videos hinter uns zu verändern. Bei manchen Bands dokumentiert das Album einen Eindruck wie sie Live klingen. Sie lernen die Songs, spielen die Songs auf einigen Konzerten und gehen dann ins Studio. Das Album ist da das Ende des Prozesses. Ich mag die Idee, dass das Album den Ausgangspunkt für alles weitere bildet. Jemand könnte uns in sechs Monaten live sehen und die Songs vom Album nicht wiedererkennen, weil sie sich so sehr weiterentwickelt haben.
Das klingt so, als ob eure Live-Shows nicht sehr spontan sein können, weil sie so komplex sind.
Doch, sie sind spontan! Das ist ja das Ding. Ich weiß zwar noch nicht genau, wie wir es machen werden, weil wir noch nicht angefangen haben zu proben. Aber wenn wir vor fünf Jahre diese Songs hätten spielen wollen, hätten uns die technischen Möglichkeiten sehr stark eingegrenzt, wir hätten mit dem Computer zusammen gespielt. Jetzt ist die Technik so weit fortgeschritten und so zuverlässig, dass wir nicht mehr eingeschränkt sind, sondern uns die Technik zu Nutzen machen. Wenn wir mit dem Computer live spielen und einen Loop einsetzen wollen, können wir den Loop an unsere Geschwindigkeit anpassen und müssen uns nicht mehr nach der Geschwindigkeit, die der Computer uns vorgibt, richten. Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert.
Du spielst live mit einer Band. Schreibst du auch die Arrangements für die Instrumentierung?
Nein. Ich habe meist eine Vorstellung davon, wie es klingen soll. Aber eigentlich arbeiten wir vier [Anm. Live-Band: Ryan Smith, Brad Weber (Winter Equinox), John Schmersal (Enon)]daran zusammen. Momentan sind wir überall auf der Welt verstreut – ich bin in London, einer von uns ist in Singapur, einer ist in L.A. und ein anderer in Toronto. Wir haben lange nicht mehr gesehen, aber wir reden schon die ganze Zeit darüber, wie wir was umsetzen könnten. Oder jemand hat eine Idee, nimmt das auf und lädt es hoch, so dass wir es uns anhören können. Ich habe ein gutes Gefühl. Wir sind gut vorbereitet und haben viele Ideen, wenn wir uns in ein paar Wochen treffen, um für die Tournee zu proben.
Du spielst mit einer Band, außerdem sind Visuals und Videos Teil deiner Auftritte. Strebst du eine Art Gesamtkunstwerk, eine universelle Erfahrung für deine Zuschauer an?
Wenn ich am Album arbeite, steht für mich der Sound an erster Stelle. Dann kommt irgendwann der Moment, wo es um Live-Shows geht und ich muss mich mit all diesen anderen Aspekten beschäftigen: Die Verbindung zu den Leuten die sich die Live Shows, den körperlichen Vorgang auf der Bühne, ansehen. Es ist aufregend zu beobachten, wie Menschen interagieren. Und dann ist da dieser visuelle Aspekt, wo man die Musik durch Visuals sichtbar interpretieren lassen kann. Und das wird wieder Teil von der Musik die man spielt. Die Live-Shows, die mir am Besten gefallen, sind die, von denen man völlig überwältigt wird, weil so viel mehr passiert als man überhaupt aufnehmen kann. Außerdem ist es wichtig, dass wir selbst Spaß haben. Als ich angefangen habe Live zu spielen, mit meinem ersten Album, da habe ich allein mit dem Laptop auf der Bühne gestanden. Das hat echt keinen Spaß gemacht, ich habe mich wie ein Betrüger gefühlt. Es war auch nicht gut und hat mich frustriert. Wenn es mich schon frustriert und langweilt, wie soll es dann aufregend für das Publikum sein? Es ist also sehr wichtig für uns, dass wir uns selbst auf die Shows freuen.
Auf dem Album benutzt du aber doch auch Instrumentierung.
Ja, alles was ich mache ist so was wie ein Hybrid. Aber anders als bei Andorra, für das ich fast nur Instrumente benutzt habe, Gitarren und Drums und so weiter – habe ich für „Swim“ ungefähr zur Hälfte Instrumente und zur Hälfte den Computer benutzt.

Du hast vorhin von dem visuellen Aspekt deiner Live-Shows gesprochen. Wie entstehen die Videos von Andy Clarke oder Paul Madden? Gibst du ihnen deine Tracks und sie gestalten daraufhin die Visuals oder ist es eine Art Crossover-Projekt, bei dem du selbst mitwirkst?
Es ist eher das Erste. Das kommt mehr von den Künstlern. Zum Beispiel das Album-Artwork. Ich habe dafür immer mit Jason Evans zusammengearbeitet. Oder die Leute, die Videos für mich machen. Ich liebe es zu sehen, was sie aus meiner Musik machen. Ich bin eher auditiv veranlagt – ich bin kein sehr visueller Mensch. Wenn ich mir ein Albumcover ausdenken müsste, wäre das langweilig. Ich habe lieber jemanden, der das professionell macht. Alle Leute mit denen ich zusammenarbeite, Jason und die anderen, die die Videos drehen, sind Musikfans und Künstler. Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie sie ihre Verbindung zur Musik in ihrer Arbeit sichtbar machen. Ich hätte keine Ahnung, wie man das macht.
Dir scheint der kollaborative Teil deiner Arbeit sehr zu gefallen.
Schon, ja. Aber andererseits nehme ich mein Album völlig allein auf. Natürlich sind da immer andere Leute involviert – aber 99 Prozent der Zeit bin ich allein. Ich mag beides, glaube ich. Es ist als ob ich eine gespaltene Persönlichkeit habe. Eine, die die Hälfte der Zeit gern auf Tour ist, die eine Nacht ausgeht, sehr gesellig ist und den nächsten Abend live spielt. Zusammenarbeit mit anderen ist super. Ich mag aber auch das totale Gegenteil davon. Allein in meinem Zimmer zu sitzen und Musik zu machen, Kontrolle über jedes kleinste Detail zu haben, das dann auf das Album kommt.
Bowls

Download “Odessa” Nite Jewel Remix
http://www.cityslang.com/
Caribou Live Dates
27.04. München, Feierwerk
28.04. Berlin, Berghain
29.04. Hamburg, Prinzenbar
Caribou
“Swim”
City Slang
www.cityslang.com
www.myspace.com/cariboumanitoba
Autor > Vanessa Schneider