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Neologie | Rauch zum 50.

Wer zu Neo Rauchs Ausstellung zu seinem 50. Geburtstag ins Leipziger Museum der bildenden Künste gekommen war, um etwas zu verstehen, hatte hier keinen Stein im Brett. „Was heißt verstanden?“, fragt Neo Rauch. „Das Verstehen eines Bildes bezeichne ich als einen künstlerischen Unfall.“ Insofern müssten ihm die Kunstliebhaber, die sich um seine Werke scharen wie von Pawlow verführte Tiere, einer halben Katastrophe nahe kommen. Sein Bestreben, sich mit seiner malerischen Existenz eine Position als Sonderling aufzubauen, ist fehlgeschlagen. Damit war es das dann aber auch schon mit Misserfolgen. Vor etwa fünf Jahren begann der Aufstieg in den Kunstwelthandel als NY-Times-Kunstkritikerin Roberta Smith ihn als den „Künstler, der aus der Kälte kam“ huldigte, das war kurz nachdem 2003 seine figurativen, als sozialrealistisch wahrgenommenen Arbeiten fast 250.000 Dollar auf der Art Basel erzielten. Selbst das Metropolitan Museum of Art in New York stellte ihn schon aus.


„Krönung I“, 2008, Privatsammlung

Darbende Ackerfelder und Weiber in bedrückenden Gewändern neben grafisch entrückten Elementen und Farben, die vom Coca-Cola-Lifestyle der letzten Jahrzehnte erzählen. Es scheint keinen Konsens darüber zu geben, in welcher Gegenwart sich die Bilder Neo Rauchs befinden. Sie lesen sich wie ein beiläufiges Zitat der deutschen Geschichte. Gesellschaftlicher Umbruch – steht das dort, zwischen den Figuren? Mal Comic, mal Biedermeier, mal der Werbung entliehene Propaganda-Ästhetik. Meistens aber alles auf einmal. Und das innerhalb eines Rahmens – zuviel, meinen manche Kritiker. Und andere, die sich in der Mehrheit wähnen, schätzen die protzende Undurchdringbarkeit. Erkennen einen Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Wirkung und eigenbestimmter Gestaltung. So auch Harry Lybke, sein Galerist: „In dir (Neo Rauch) ist so eine magnetische Kraft des Rätselhaften. Im Rätsel steckt ja viel mehr Kommunikation als in einer klaren Botschaft. Und dieses Rätselhafte, die Sammler, ob aus Südkorea oder aus San Fransisco, fühlen sich davon angezogen. Jeder findet in diesen Rätseln seine Antwort.“


„Ausschüttung“, 2009, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Neo Rauch strebt keine Sachlichkeit an. Auf seinen Großformaten bahnen sich laufend Katastrophen an. Die Räume brechen auf – so unauffällig, als gingen Raum und Nichtraum selbstverständlich ineinander über. Traum und Realismus laufen Hand in Hand über seine Bildkompositionen und streuen Unbehagen auf ihre Rezipienten. Und dann wird das Szenario von teilweise entfesselter Positivität abgelöst. Grund genug für einige Kritiker, ihn kindisch zu nennen.

„Man muss der achtjährige Junge sein“, erklärt Rauch, „ der sagt: ‚Dass ist jetzt mal dieses, du bist jetzt jener.’, und ‚Ich will, dass das hier in diesem Raum alles zusammenströmt.’ Ein Erwachsener würde so etwas nicht tun. Ich kann in meinem Atelier auch nicht erwachsen sein. Ich darf es nicht. Ich will ja keine erwachsenen Konturen in meinen Rezipienten ansprechen, sondern dass man in diesen Zustand der Unvordressiertheit zurückgleiten kann. In dem man vorbehaltsfrei ist und ohne in seinen Schubladen verklemmt zu sein, mit diesen Dingen Kontakt aufnimmt, die ich hier zu ordnen versuche.“


Portrait Neo Rauch © Lene Vollhardt

Und wie erklärt sich Rauch seinen amerikanischen Hype? „Die Situation in den USA ist nicht so grauenhaft verkopft wie in Deutschland. Hier wird eigentlich eine gewisse Linientreue immer belohnt. Wenn man sich der intellektuellen Lufthoheit, einem bestimmten Kuratoren-Regime fügt, dann kann man (in Deutschland) ganz gut und munter vorwärts kommen. Aber sobald man etwas präsentiert, dass sich dem theoretischen Diskurs entzieht, diesem zerebralen Funktionärsdenken keinen Raum gibt, sich selbst einzubringen in das Geschehen, hat man große Schwierigkeiten.“ Vielleicht wollte man hierzulande aber auch einfach nicht an die Tristesse der Nachkriegszeit erinnert werden. Und mit Sozialismus-Chic will man auch nicht warm werden. Jedenfalls flacht die Euphorie in Übersee für Neo Rauch langsam ab. Aber den Künstler verwundert es vermutlich selbst am meisten, dass sein Werk sich zuletzt als wahrhaftig massentauglich herausgestellt hat.


„Die Fuge“, 2007, Hamburger Kunsthalle


Neo Rauch, „Begleiter“
Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10,
04109 Leipzig, noch bis zum 15. August 2010
www.mdbk.de

Erstes Bild > „Fluchtversuch“, 2008, Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin

Alle Abbildungen: Neo Rauch © VG Bild-Kunst Bonn, 2010.
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin und David Zwirner, New York. Foto: Uwe Walter, Berlin

Text > Lene Vollhardt

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