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Green Music Initiative

Das Melt!Festival wird grün! Aha. Und wie geht das? Das ist nur eine der Fragen, die Jacob Bilabel, der Initiator und Gründer der Berliner Green Music Initiative, täglich beschäftigen. Die GMI kämpft für eine umweltfreundlichere und CO2-Emission-reduzierte Musikindustrie, berät, vernetzt und klärt auf. Vom Clubbesitzer bis zum Major Label, alle können dabei sein. Auf den Spuren einer Initiative, fast ohne Fußabdruck.

»Ein klimaneutrales Festival geht nicht, das ist Humbug.« Jacob Bilabel sitzt im Konferenzraum seines Berliner Büros und führt virtuell durch das Info-Material zur Green Music Initiative. Der ehemalige Universal-Mitarbeiter ließ die Major-Industrie schon vor Jahren hinter sich und hat nach einigen Zwischenstationen, seine Agentur Thema 1 reaktiviert, ein Thinktank »specialized in accelerating the transition to a low-carbon society« und damit der besonderen Art, denn hier wird nicht allein gedacht, hier wird gemacht.

Bilabel ist Ende dreißig, charismatisch, ein unterhaltsamer Erzähler, eloquent und informiert, der geborene Netzwerker. Einer der sich selbst wachgerüttelt hat und mehr wollte, als ein austauschbarer Manager im Medienbusiness zu sein. Starke Sätze fallen ihm leicht, eindrucksvolle Claims, wie »Ein Festival-Besucher verursacht vierzig Tonnen Kohlendioxid am Tag, ein Inder drei.« Bumm! Und nun? Festivals abschaffen? Im Gegenteil. Die Green Music Initiative plädiert nicht für Verzicht, das Zauberwort ist Pro: für Spaß, für Genuss, für Konsum – unter veränderten Vorzeichen. Bilabel glaubt fest an den vom Menschen gemachten Klimawandel, aber auch daran, dass wir alle noch zu retten sind. Keine ganz einfache Position. Wer radikale Ideen, politische Programme oder gar eine grundlegende Neuordnung des Systems im Sinn hat, sucht hier vergebens. Überparteilich und ganz ohne geballte Faust, setzt die GMI auf marktwirtschaftliche Lösungen, fragt »Was wäre, wenn die Branche Geld spart, weil sie weniger CO2 verbraucht?«, zeigt auf, ob und wie die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel ökonomisch profitabel sein kann und zielt auf die reale Macht des Volkes: das Konsumverhalten.

Aber: Der Konsument ist nicht unbedingt von alleine schlau. Also soll die Musikindustrie als direktester Draht zum vor allem jugendlichen Kunden ihre Strahlkraft nutzen, obwohl ihr CO2-Fußabdruck im Gegensatz zur Auto- oder metallverarbeitenden Industrie vergleichsweise gering ist und die Leitbildfunktion, die Musiker und Musikerinnen, Studien zufolge, noch vor Schauspielern, Sportlerinnen und Eltern haben, einsetzen. Von Plattenfirmen, Clubs und Spielstätten, Festivals, Tourneen bis hin zur einzelnen Künstlerpersönlichkeit existiert hier also ein weites, positiv konnotiertes Feld, in dem Klimaeffizienz vorangetrieben und sichtbar gemacht werden kann. Die Plattenindustrie stellt dabei, wie so oft, die behäbigste Variable dar: »Nachhaltigkeit in der Major-Industrie ist wie der schwarze Schwan – die können das kaum denken.« Bilabel spricht aus Erfahrung und weist mit Respekt und sportlichem Ehrgeiz auf die erfolgreiche Arbeit der britischen Initiative Julie’s Bicycle hin, die seit dreieinhalb Jahren unter der Führung von Alison Tickell die UK-Musikindustrie umkrempelt und als Blueprint für den Aufbau der deutschen Schwester Green Music Initiative diente.

Die britische Musikindustrie hat in der Zwischenzeit, in Zusammenarbeit mit Julie’s Bicycle und mit staatlicher Förderung, öffentlich erklärt, ihre Emissionen bis zum Jahr 2025 um 60 Prozent zu senken. Ein Traumwert, von dem die deutsche Wirtschaft weiter entfernt scheint, als sich in Jahren messen lässt, gerade auch weil die so trendgerechte ökonomistische Umsetzung einer oft wie aufgestülpt wirkenden sozialen Firmenverantwortung ganz schnell zum Greenwashing-Vorwurf führen kann, der sich in schöner Regelmäßigkeit auch bestätigt, man denke nur an die genmanipulierte »Bio«-Kleidung bei C&A und Tchibo. Und hier beißt sich die Katze in den grünen Schwanz: wie gleichzeitig Öffentlichkeit herstellen und Vorbildfunktion einnehmen und nicht mit ökologischen Inhalten zum eigenen Vorteil hausieren gehen? Dazu braucht es z.B. eine über alle Zweifel erhabene Band-Institution wie Radiohead, die auf ihrer »Carbon Neutral Tour« allein 40 Prozent weniger Strom verbrauchte oder eben die gemeinsame Anstrengung einiger Williger, einem ohnehin erfolgreichen, ausverkauften Festival, eine grüne Basis zu geben.

Für die GMI bedeutet das auch, keine Behauptungen auf-, sondern Realitäten herzustellen. Wo ein klimaneutrales Festival unmöglich ist, wird ein klimaverträglicheres aber durchaus machbar. Bei Thies Schröder, dem Planungschef des symbolträchtigen, ehemaligen Braunkohle-Tagebau-Geländes Ferropolis bei Gräfenhainichen, das alle Jahre wieder auch das Melt!Festival beheimatet, laufen die Fäden zusammen. Gemeinsam mit einem Beratungsbüro für Mobilitätsmanagement und der Deutschen Energie Agentur GmbH, kurz DENA, die das Melt!Festival als Leuchtturmprojekt unter ihre Fittiche genommen hat, erarbeitet er einen Masterplan zur CO2-Reduzierung, der sich in seinen Grundlagen dann auf jedes andere Festival oder Festivalgelände übertragen lässt. Von der Energiegrundversorgung des Areals über die Mobilitätsfrage bis hin zur Förderung regionaler Produkte ist seine Agenda prallgefüllt mit harten Nüssen, die bis zum Festivaltermin Mitte Juli 2010 geknackt werden müssen. Eine der größten Hürden stellen dabei die noch nicht auf eine neuartige Nachfrage ausgerichteten Betriebe: »Es gibt niemanden, der uns eine mobile Solaranlage für den Zeitraum des Festivals vermieten könnte, aber 400 Firmen die ölbetriebene Generatoren verleihen.« sagt Schröder und bestätigt damit Jacob Bilabels Aufforderung: »Wir müssen Innovationen einfordern. Wir müssen nicht weniger in den Urlaub fahren, sondern den Fluggesellschaften sagen, dass sie gefälligst für andere Flugzeuge sorgen sollen.« Der Kunde ist König und er hat die Wahl, jetzt muss nur noch die richtige getroffen werden.

Jedes Projekt der Green Music Initiative beginnt übrigens damit, dem jeweiligen Musikhersteller, Club, Festivalbetreiber oder Künstler zu einem Wechsel des Stromanbieters zu Grünstrom zu raten. In diesem Sinne…

www.ews-schoenau.de
www.greenpeace-energy.de
www.lichtblick.de
www.naturstrom.de

www.greenmusicinitiative.de
www.thema1.de

Text > Alexandra Dröner
Foto> Christiane Eisler

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