Schicksal am Abgrund? | Fotografie zurzeit
Juli 19, 2010 · Print This Article

Ein Mädchen mit ein paar Blumen in der Hand schaut aus einer Reihe Soldaten heraus in die Kamera. Die Blumen neigen zur Erde und zeichnen einen Bogen, der im augenfälligen Kontrast zur Geraden der Soldatenreihe steht – ein Akzent, der, wie schon der neugierige Blick des Mädchens, diese 1973 bei einer Militärparade im damaligen Leningrad in UDSSR entstandene Fotoaufnahme zu etwas Besonderem macht. Der Mann hinter der Kamera in diesem entscheidenden Augenblick: Henri Cartier-Bresson, einer der Mitbegründer der Magnum-Fotoagentur, deren mehr als 60-jährige Geschichte in der Ausstellung „Shifting Media. New Role of Photography“ dokumentiert wird.

Der Kurator der Ausstellung, Felix Hoffmann, fragt nach der Bedeutung und Entwicklung des Fotojournalismus von den Anfängen bis heute. Konträr zu den Bilderwelten der Klassiker wie Robert Capa oder George Rodger im Erdgeschoss präsentiert sich die fotojournalistische Gegenwart nach der digitalen Revolution in der oberen Ausstellungsetage in überwiegend großen Formaten und betont grellen Farben. So ist der spätsommerliche Himmel über dem Altaigebirge in Zentralasien auf den Fotografien des Norwegers Jonas Bendiksen überblau, während die Bäume in einem beinahe unwirklichen Grün aufleuchten.

Die Kadaver der toten Kühe mitten in dieser Landschaft offenbaren das Trügerische des so farbenfrohen Idylls: Beim dargestellten Ort handelt es sich um ein von Raketentreibstoff verseuchte Gebiet. Laute Farben prägen auch die Gefängniswelten von Beaufort West in Südafrika auf den Bildern von Mikhael Subotzky. Das satte Orange der Gefängniskleidung der Sträflinge vermag es kaum, die graue Realität zu verbergen und lässt stattdessen das beklemmende Gefühl der Isolation, das diese Bilder ausstrahlen, zusätzlich steigern.

Den Abschluss und zugleich Höhepunkt der Ausstellung bildet die gemeinsame Multimedia-Installation „Off Broadway“ der fünf jungen Magnum-Fotografen, Antoine D’Agata, Thomas Dworzak, Alex Majoli, Paolo Pellegrin und Iikka Uimonen. Die Installation basiert auf ihren individuellen Erfahrungen in Afghanistan, Israel, Palästina, New York, Tschetschenien, Irak, Indien, Russland und Italien. Das gemeinsame Motiv, Menschen in Konfliktsituationen, entfaltet sich in einer Diashow auf fünf überdimensionalen Projektionsflächen. Überdimensional ist auch das Gefühl – ein Kaleidoskop menschlicher Schicksale am Abgrund, das keinen unbeteiligt lässt. Das hier eingefangene menschliche Leiden scheint sich überall auf der Welt in gleichen Gesten und Gesichtsausdrücke zu manifestieren und wirkt somit wahrhaft universell und grenzenlos.

Es bleibt die Frage nach der „neuen Rolle“ der Fotografie. Die beinahe gemäldeartige Wirkung mancher der großformatigen Fotoarbeiten zeugt davon, dass das Schaffen der neuen Generation von Anfang an nicht allein für Magazine und Printmedien, sondern auch für Ausstellungsräume der Museen und Galerien konzipiert ist.

Auch die multimedialen Installationen wie „Off Broadway“ lassen die Pressefotografie neue Dimensionen annehmen, die nur noch in großen Ausstellungshallen zur vollen Geltung kommen. Angesichts der zunehmenden Bilderflut und immer steigendem Konkurrenzdruck ist das möglicherweise der einzige Weg, starke Akzente zu setzen und sich als Fotograf zu etablieren. Der Weg führt somit nicht mehr von den Seiten der Magazine in die Ausstellungsräume, wie noch im Falle von Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson, sondern in die umgekehrte Richtung – aus den Ausstellungshallen in die Printmedien. Trotz dieser Neuerung bleiben die Prinzipien der Magnum-Fotografen dieselben: Es geht darum, die Schattenseiten des Lebens, die Probleme dieser Welt, die uns alle betreffen, in unvergesslichen Aufnahmen ins Bewusstsein eines breiten Publikums rücken zu lassen.

„Shifting Media. New Role of Photography“, noch bis zum 12. September 2010,
C/O Berlin
www.co-berlin.com
Bildcredit > alle Abildungen: Installationsansichten bei C/O Berlin
Text > Denis Grünemeier
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