10 Jahre Wundenlecken | Arab Strap
Juli 21, 2010 · Print This Article

Zerwühlte Laken, geschwollene Augenlieder, Brummschädel und eine sich langsam anschleichende Erinnerung an die letzte Nacht, als es im Pub spät und die Freundin des besten Freundes immer attraktiver wurde… Solche und ähnliche Geschichten hat uns Aidan Moffat zehn Jahre lang im brutalsten schottischen Dialekt vorgenuschelt. An der Gitarre begleitet wurde er von Malcom Middleton, der die Paarung wehmütiger Melodien und verzweifelter Noiseeruptionen so perfekt beherrschte wie kein anderer der so genannten Postrocker.
Zusammen mit Mogwai bildeten sie die Schätze des in Glasgow ansässigen Labels Chemikal Underground. Dieses wird nun vier Jahre nach Trennung der Band am 17. August die ersten beiden Alben wieder veröffentlichen. In der 4-CD-Box gibt es außerdem die jeweiligen Peel Sessions und Konzertmitschnitte mit Gastmusikern wie Belle &Sebastian.

Das 1996 erschienene Debut „The Week Never Starts Round Here“ zeigt sich noch etwas verhaltener und nicht so melodiesicher wie die Nachfolgealben. Mit der Single „The First Big Weekend“ gibt es aber einen richtigen Kracher, auf dem Moffat zu einem stampfendem Beat und schwindligen Gitarren das Protokoll des letzten 3-Tage-Wach-Marathons vorträgt. Das zentrale Dilemma des Arab-Strap-Universums wird hier schon einmal vorgestellt: trübes Wetter und öde Jobs erzeugen eine Langeweile, der nur durch exzessiven Alkoholkonsum und schmutzigen Sex beizukommen ist. Der folgende Kater und das schlechte Gewissen lassen den Job noch öder und den Himmel noch grauer erscheinen. Da wünscht man sich verständlicherweise, die Woche möge niemals beginnen.

„Philophobia“ von 1998 ist das Meisterwerk der Band. Wie der Titel nahe legt, muss auch hier gar nicht erst nach Sonnenschein gesucht werden. „A persistent, abnormal, and irrational fear of love and intimacy“ so beschreibt das Wörterbuch die Philophobie. Unser Held mit Handicap lernt seine erste Lektion über Borderline-Mädchen, hat ein ungelenkes Wiedersehen mit der Ex, muss erfahren, dass drei einer zuviel sind und kann sich nicht wirklich entscheiden ob Telly glotzen mit der Liebsten so schön ist wie betrunken unter fremde Röcke zu greifen. Zum Lachen und Heulen sind diese treffenden Anekdoten über die Banalitäten und Dramen der Zweierbeziehung. Schmutz und Poesie bilden nicht nur in den Texten eine Liaison, auch die Musik scheut sich nicht, eine melancholische Trompete, Regenschauer und Dudelsäcke auf einen scheppernden Drum Computer und kreischende Gitarren treffen zu lassen.
Es folgten noch vier Platten und Soloalben der beiden. Zuletzt gab Aidan Moffat auf thequietus.com in seiner Funktion als Uncle Agony verzweifelten Leserinnen und Lesern entspannte Ratschläge in Lust- und Liebeskrisen. Er klingt, als habe er seine Angst überwunden.

Die Doppel-CD Sets mit neuem Artwork sind ab 17.08.2010 erhältlich.
Text > Nadine Hartmann
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