Die Zwei von der Baustelle
Juli 21, 2010 · Print This Article

Es klingelt in Hailuoto. Wo? In Hailuoto. Das liegt in Finnland und ist die neue Heimat von Antye Greie. Wir skypen. Von Schöneberg nach Skandinavien. Von Gudrun Guts Label-Wohnung in Antyes lichtes Haus (im Wald, am Fjord, neben dem Elchgehege, wie man in Finnland so wohnt, schätzungsweise). Es ist Ende Mai und kalt in Berlin, aber heiß in Hailuoto, verkehrte Welt. Wir treffen uns zur halbdigitalen Runde um über „Baustelle“ zu sprechen, dem ersten gemeinsamen Album der Produzentinnen Greie und Gut. Der Greie Gut Fraktion.

Beschreibt doch mal die Fraktion, wieso habt ihr euch so genannt?
Antye Greie: Na endlich fragt mal jemand!
Gudrun Gut: Wir hießen ja erst Greie & Gut und dann haben wir gedacht „Oh, ist das langweilig“ und dann, wie war das?
A: Ich hab eine E-Mail an eine Promoterin geschickt, so Volksmund-mäßig „die Greie Gut Fraktion braucht das und das…“ und dann dachte ich „Greie Gut Fraktion? Wow!“ Das klingt nach Revolution und nach Veränderung und nach mutig und das ist genau, wie wir uns nennen müssen.
G: Und dann haben wir alles umbenannt, ganz kurzfristig. OK, noch mal neue Homepage anmelden und so weiter.

Wir fangen an zu quatschen, verheddern uns kurz, ich bleibe am Bild der „Neuen Stadt“ hängen, dabei ist das Palais-Schaumburg-Cover „Wir bauen eine neue Stadt“ ja nur ein Stück auf „Baustelle“, meint die ordnend eingreifende Antye und fasst die Fakten zusammen: wie sie noch bei Kitty Yo war, Gudrun sehr schätzte aber nicht gut kannte, wie sie nach Finnland zog und wie eines Tages eine Anfrage der BBC ins Haus flatterte mit dem Angebot, eine Kollaboration mit einem Berliner Produzenten einzugehen, die dann von der BBC in London live vorgestellt werden würde, Vorschläge zu verschiedenen männlichen Künstlern inklusive. Und wie sie dachte „Nö“, und jemand Spannenderes haben wollte und am Ende Gudrun Gut gefragt hat, von der sie wusste, dass sie etwas gemeinsam hatten über die Musik hinaus: Beide waren mit Bauen beschäftigt.

Gudrun sagte ja, die BBC sagte ja, und was dann?
A: Wir dachten uns, Musik macht man am besten über etwas, was einen gerade sehr bewegt. Uns bewegt das Bauen, das war die Brücke, da fangen wir an. Dann kamen die Field Recordings und dann kam Gudrun sofort mit diesem alten Stück von Palais Schaumburg, das ich nicht kannte. Ich kannte diese ganze westdeutsche Achtziger Underground Bewegung gar nicht und fand’s super. Da haben wir auch gemerkt, dass wir aus zwei verschiedenen Deutschlands kommen, und so sind Sachen entstanden, die ich vorher gar nicht geplant hatte. Wir haben das BBC-Ding gemacht…
G: 4 Stücke.
A: Das lief gut, und wir haben gedacht: Das hat Spaß gemacht, lass uns doch ein Album machen.
Wie lief der gemeinsame Produktionsprozess ab?
G: Das für die BBC lief über E-Mails und über Skype. Jede ist ja solokünstlermäßig, wir produzieren beide Elektronik am Computer, das kannst du nicht mit vielen Leuten machen. Wir haben Files ausgetauscht. Ich hab dabei auch gesehen, was für eine Partnerin ich in Antye habe, wo die ganze Zeit Feedback kommt und wo ne Power da ist, was toll für mich war. Wenn einer auch so richtig Musik mitproduziert. Meistens hab ich mit Leuten gearbeitet, die dann eher den Vocal-Part übernehmen, wo ich dann meistens die Produktion mache. Wir haben dann ein Konzert in Kopenhagen gehabt und danach bin ich nach Hailuoto zu ihr und wir haben eine Woche am Stück gearbeitet und uns auch kennengelernt, das war toll. Wir haben unheimlich viele Skizzen gemacht, schon Vocals aufgenommen und Ideen entwickelt aber alles rough, rough, rough. Jede hat dann weitergearbeitet, alles hin und hergeschickt und dann wussten wir nicht genau mit dem Mischen, dann haben wir beide gemischt und das ging nicht, alles klang anders und dann haben wir beschlossen, dass Antye es macht. Sie kann das sehr gut, hat ein gutes Studio in Finnland. Ich fand das klang irgendwie powervoller als meine Mixe.

Gibt es in Berlin die besseren Baustellen, oder seid ihr beide losgezogen und habt Field Recordings gemacht?
A: Wir haben eigentlich unsere privaten Aufnahmen verwendet. Wir haben keine fremden Baustellen aufgenommen.
G: Den China Song hab ich in Peking aufgenommen, da wo es keinen Hair-Dryer gab. Grausame Situation, keiner der dich versteht, zehn Leute mit Walkie-Talkies und ich immer „H-A-I-R D-R-Y-E-R!“ Peking und China überhaupt ist ja die größte Baustelle momentan. Deshalb haben wir das Sample auch mit reingenommen.
Wie seht ihr euch gegenseitig als Musikerinnen, wie nehmt ihr euch wahr?
G: Ich kenn Antye von Laub, auch von Kitty Yo und dann hab ich sie mal solo in London im ICA gesehen. Ich wusste immer von Antye. Es gibt ja auch nicht so viele Frauen, die kennt man dann natürlich. Jeder kennt AGF irgendwie, oder?
Hörst du dann diese Sachen und denkst „Ah, da ist jemand der einen ähnlichen Sound macht wie ich“?
G: Nein. Weil sie einen ganz anderen Ansatz hat. Ich glaube, ich bin irgendwie weicher. Auf diese harten Sachen stehe ich eigentlich gar nicht so, wir haben auch einen ganz anderen Background, auch geschmacklich sind wir nicht auf einer Ebene aber beim Arbeiten war’s toll und unproblematisch.
Antye, du produzierst ja auch zusammen mit deinem Freund, kann man tatsächlich einen Unterschied in der Arbeit mit Frauen oder Männern ausmachen, oder ist das eher eine Sache der Persönlichkeit?
A: Ich hab mit ganz vielen Frauen Musik gemacht, ich hab mit den Lappetites eine Platte gemacht und sogar letztes Jahr eine Oper, ich hab mit total vielen Frauen gearbeitet in den letzten zehn Jahren und ich hab auch mit vielen Männern gearbeitet. Es ist ein bisschen offener, mit Frauen zu arbeiten, es ist weniger angstbehaftet, dass man etwas verhauen könnte oder etwas falsch klingt. Frauen sind mutiger, mir ist aufgefallen, dass Männer oft – und dabei ist mein Freund Sasso noch der am wenigsten „Mann“ von allen die ich je getroffen habe – dass Männer oft so ein Bild davon haben, wie es sein muss, wie es klingen muss, schon vorher. Das ist schon so klar, das muss halt so sein. Und bei Frauen fällt mir auf, dass das oft so nicht ist. Nicht immer bestimmt. Aber da gibt’s eine größere Offenheit, neue Wege zu gehen. Bei Gudrun war das ähnlich, obwohl wir ziemlich unterschiedliche Geschmäcker haben, innerhalb elektronischer Musik, aber auch außerhalb. Aber trotzdem konnten wir uns totalen Raum lassen, Sachen zu bauen, die neu sind oder anders, unerwartet.
G: Ja total. Wir haben auch ein Live-Programm erarbeitet, wo Antye die Visuals macht (ganz toll), das hat sie sich mal schnell erarbeitet. Es macht einfach Spaß, wenn sowas nicht verpufft, wenn es eine Kraft gibt die hin und her geht, da haben wir was in der Kombination von beiden, was einfach sehr gut funktioniert, das hat man nicht so oft. Das ist was Besonderes, ohne dass man sich gleich auf allen Ebenen verstehen muss.

Ist denn die Geschichte hinter dem Album wirklich so eine einfache: Ihr baut gerade beide, jemand fragt euch nach was und zack, gibt es ein Album?
G: Ist es überhaupt nicht, für die BBC war’s noch einfach so und dann haben wir uns länger darüber unterhalten, was Baustelle eigentlich bedeutet und gingen ganz weg von unserem eigenen Haus, das ist völlig gleichgültig für jeden, deswegen macht man kein Album, sondern es geht eher darum die Abläufe eines Hausbaus als Synonym für das Leben oder Projekte die man macht zu begreifen. So wollen wir das sehen und es passt einfach auch an allen Ecken und Kanten. Die Reihenfolge der Tracks ist auch so aufgebaut, erst reißt man etwas ein, dann hat man eine Idee für etwas Neues, dann – „Drilling an Ocean“ – versucht man das Unmögliche zu erreichen, usw. Ein Stück das wir beide auch ganz wichtig finden, ist „Make It Work“, das ist ein bisschen bezeichnend für uns beide, dass wir eben Sachen versuchen umzusetzen. Man hat eine Idee und man macht es auch. Nicht jede Idee, aber die, die man gut findet und sich von allen Seiten anguckt und beschließt sie fertig zu machen, sich die Aspekte überlegt warum etwas gut und warum etwas schlecht ist und das dann ZU ENDE POWERT! Es geht um Kraft. Nicht darum, tausend Ideen zu haben, sondern sie auch umzusetzen und dafür ist eine Baustelle ein gutes Synonym. Auch im Hinblick darauf, dass wir mehr weibliche Künstlerinnen brauchen, das ist jetzt blöd, aber…
A: Es geht auch darum – wir sind ja beide professionelle Künstlerinnen, das ist ja unsere Arbeit – dass man ja immer nach neuen Projekten guckt, wie geht’s weiter, und da sind Kollaborationen immer wichtig und spannend, weil man sich erweitert. Du kannst deine zwanzigste Soloplatte machen und das ist total wichtig, aber es ist auch wichtig gemeinsame Arbeit mit anderen zu machen, weil man super viel lernt, Sachen macht die man sonst nicht machen würde. Es gibt immer wieder neue Synergien, wenn man mit anderen Menschen arbeitet, die total schön sind. Das ist ganz wertvoll. Und wenn’s klappt, ist es klasse, und das muss auch klappen.
Ihr bringt eine andere Fühligkeit in eure Maschinenmusik, da klingen andere Sachen nach als man es gewohnt ist. Wie macht ihr das, produziert ihr ganz intuitiv oder produziert ihr mit einer eigenen Theorie dahinter?
A: Ja total, natürlich auch intuitiv sowieso aber auch volle Kanne Fortschritt, volle Kanne Suchen, für mich ist das ein täglicher Kampf, da irgendwie elektronische Musik eigenständig und authentisch zu machen, Kontexte und Emotionen reinzubringen.
G: Ich hör auf jeden Fall auch ziemlich viel andere Musik, aber es ist nie so, dass ich sage, das möchte ich auch so machen, es geht immer darum die eigene Sprache weiterzuentwickeln und das eben in diesem Fall von ihr, eher diese – wie soll ich das nennen – andere Elektronik…
A: Aber auch Poesie, für mich ist Poesie auch ganz wichtig, die poetische Findung—
Richtig, man darf ja auch die Sprache nicht vergessen auf „Baustelle“, da geht es ja eher um Sprachschnipsel, Assoziationsketten, dadaistisch angehaucht wenn man so will. Von wem kommen die?
G: Die entwickeln wir auch zusammen.
A: Gudrun hat mich da extrem begeistert, (singt) „Schattenspender, Jahreszähler, alte Eiche…“ total geil. Ich dachte ich träume als ich das gehört habe, ich fand’s super, Gudrun hat mich super überrascht da, das hatte ich auf deinen Solo-Platten so noch nicht gehört, oder?
G: Na da hab ich schon auch merkwürdiges Zeug… aber zum Beispiel dieses Stück „Schattenspender“: Eiche war so ein bisschen schwierig und Antye fing an mit „white oak“, weil sie sich da diesen Fussboden ausgesucht hatten, sie hat das im Wald aufgenommen, „white oak, white oak“…
A: Ja, ich bin in den Wald gegangen und hab so geflüstert, auf das Aufnahmegerät ganz leise mitten im Wald (flüstert) „white oak“ Pause, „white oak“ und dann hab ich immer zwischen diese geflüsterten weiße- Eiche-Phrasen ganz harte Beats gesetzt und dann hab ich das Gudrun gegeben und sie hat den Track ziemlich so gebaut wie er jetzt ist, ich hab den dann noch fertig gemischt aber du hast den dann eigentlich so direkt fertig gebaut.
G: Das war so ein roughes Ding und ich dachte, „Ach, das ist total Scheisse, das müssen wir wegschmeißen“ und dann fand Antye das total toll (lacht).

Wie entwickelst du die Wortfolgen?
G: Grundsätzlich hat alles mit Baustelle zu tun, und dann aus dem baustellenthema das weiterführen, das musste dann irgendwie ein Überflieger werden, ein gutes Beispiel ist „Baustein“.
A: (singt) „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, freie deutsche Jugend bau auf, für eine bessere Zukunft, bauen wir die Heimat auf.“ Ostdeutsche Propaganda, FdJ.
G: Das war das letzte Stück und da war dieses Ding, Dirk hier (Labelmitarbeiter) hat gesagt „A man like a storm“ und ich, was heißt denn das. „Das ist so ein zuverlässiger Typ“, und ich dachte, interessant. Und dann kam ich zu Baustein und hab es ihr geschickt und dann hat sie das dazu gemacht und ich meinte „Antye, sag mal bist du sicher mit dem Text?“ (alle lachen) Ich kannte das Lied nicht, und war so häh? Ein altes DDR-Lied, super. Das finde ich genau interessant, wenn man so andere Ebenen mit reinbringt.
Die Baustelle mäandert in alle Richtungen. Von Peking über die alte DDR bis zu euren eigenen Häusern. Ihr seid toll.
G: Ja, das ist ein super Thema, das gibt echt so viel her. Und wir haben die einfachste Bühnendeko der Welt (hält ein rot/weiß gestreiftes Baustellenabsperrband hoch), leicht international transportierbar…
Wir haben noch eine ganze Zeit weitergesprochen, über Charts, über Befreiung durch Computer, über Gudruns und Antyes frühe Jahre bei Malaria und Laub, das Live-Konzept der Greie Gut Fraktion, kommende Auftritte, gute Publikumsreaktionen, über Frontsäue und Außenseitertum, finanziellen Druck und gutbezahlte Gigs und über Baustellenhelme im Gepäck. Zum Abschied singt Antye noch ein kurzes Lied, Baustelle forever…
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