Mummenschanz statt Mumpitz

Juli 22, 2010 · Print This Article

Verkleidung hat in Kreisen der elektronischen Popmusik bereits Tradition. Daft Punk ließ Menschen in Skelettkostümen „Around the World“ laufen, das Duo Fischerspooner präsentiere sich in dem Video zu „We Are Electric“ mit abgespacten Metallhelmen und auch die Scissor Sisters lassen gerne mal die Scheren ihrer Kostümbildner heißlaufen. Zum Meister der Maskerade deklarieren die Medien nur allzu gern Bonaparte, bei denen die Bühnenpräsenz unlängst die musikalische Kompetenz in Schatten stellt.

Kreativität sucht sich bei Musikern eben nicht immer bloß ein akustisches Ventil. Wie bei Cody Critcheloe: Der Anfang der 1980er Jahre in Kentucky Geborene rief schon zu Highschool-Zeiten seine stets gut ver- und gekleidete Band SSion ins Leben, um bis heute die Grenzen zwischen Männlein und Weiblein, Konzert und Performance, Kunst und Musik zu verwischen.

Eine Zwischenbilanz dieses Unterfangens gibt es bis zum 7. August bei Peres Projects zu sehen. Im ersten Raum wird der unwissende Besucher in den SSion-Kosmos durch Bleichstiftzeichnungen und eine Fotocollage eingeführt: Dort tummeln sich dickbrüstige Frauen mit schwarzen Hornbrillen, Menschen mit geschwärzter Nase und Brauenpartie, Schnurrbart, thematisiert werden Homosexualität und Feminismus, fernöstlicher Mystizismus gepaart mit Punkästhetik und Fashion Credibility.

Der Hauptraum entwirft dann ein düsteres Paralleluniversum aus graphischen Gaffertape-Mustern, fluoreszierenden Wandbildern und übergroßen Sitzkissen. Letztere braucht man, um sich dem zentralen Ausstellungsstück zu widmen: „Boy“, ein einstündiger Film von Critcheloe, der aus sieben Videoclips besteht, die zwischen 2007 und 2009 zum Album „Fools Gold“ entstanden sind. „Verbunden werden die einzelnen Clips durch Zeichentrick-Sequenzen, Konzertmitschnitte, Spielfilmszenen vor Pappkulissen.

„Boy“ erzählt die Lebensgeschichte Critcheloes und parodiert sie zugleich: Ein junger, gelangweilter Mann vom Land, der auszieht, um als gefeierter Popstar die Bühnen der Welt zu erobern.

Das klingt ganz nach einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: SSion sind hierzulande relativ unbekannt, aber das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit – immerhin waren sie bereits mit Gossip auf Tour und Critcheloe durfte sich bei Peaches Video zu „Billionaire“ als Regisseur austoben.

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SSion ist auf jeden Fall eine echte Alternative zum Hipster Act Bonaparte: Maskerade ja, aber Mummenschanz statt musikalischem Mumpitz.

Peres Projects
Schlesische Str. 26
10997 Berlin
tel 030-61626962
www.peresprojects.com
26.6. – 7.8.2010

Bilder + Text > Frederike Ebert

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