Den Raum kurzschließen | Claude Horstmann

Juli 26, 2010 · Print This Article

Mit einer witternden Haltung zwischen Gestalt und Nicht-Gestalt, Raum und Unraum, Benennung und Bedeutungslosigkeit wiederbelebt die Künstlerin Claude Horstmann Prinzipien der Formlosigkeit der informellen Kunst der 1940er und 1950er Jahre und beschwört eine ganz gegenwärtige Autonomie von Formen, die eigentlich keine sind und erst in ihrer subjektiven, künstlerischen Benennung für uns erkennbar werden.

Sprache, Text, Bild, wie kommt das bei dir zusammen, Claude Horstmann?
Ich arbeite in der Weise mit Sprache, dass ich vieles aufnehme. Ich sammle lange Material, bevor ich etwas damit mache. Und irgendwann baut sich dann ein Text auf, mit einem eigenen Charakter, mit einer eigenen Idee. Dann zeigt sich, was dieser Text sein will. Nehmen wir z.B. einfach ein Pappschild, der Zusammenhang war weg. Vom wenigen Inhalt her nehme an, der Text kommt vielleicht aus der Hausbesetzerszene, vielleicht hat es aber auch nur mit einer Renovierung zu tun, keine Ahnung. Der Text bezieht sich irgendwie auf einen räumlichen Ort, aber der Kontext ist freigesetzt.


Claude Horstmann, “detroit”, 2008, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.

Wenn du solche Texte findest, was interessiert dich dann? Der fehlende Kontext, den du dann vielleicht dazu imaginierst, oder interessiert dich das eher grafisch oder weil es so absurd ist?
Mich interessiert es eher grafisch und das was es als Sprache freisetzt. Es ist sofort dieses autonom werden von etwas. Ich nehme natürlich nicht jeden Zettel, also nicht jeden Einkaufszettel. Es sei denn, es ergibt sich da eine poetische Zusammenstellung oder vom Klang her etwas. Es muss etwas sehr Spezifisches sein, das auch den Anspruch hat, die Signifikanzen mit denen Sprache behaftet ist, mit ins Spiel zu bringen.

Und wie ist es bei den Formen, die in deinen Bildern auftauchen? Sind die auch gefunden?
Genau. Ich lebe in Marseille, ein Ort der mich extrem inspiriert. Dort gibt es sehr viele offene Zustände, ähnlich wie in Berlin. An den dort gefundenen Bildern lese ich etwas ab, entweder sind es Fotos, die ich selber mache und Raumsituationen abbilden, die mich interessieren, oder es handelt sich um Zeitungsfotos oder Fotos aus Magazinen, wo ich dann eine transparente Folie drüber lege und darauf zeichne. Was ich zeichne, hat dann wiederum aber fast kein System, nach dem ich etwas aus den Fotos herauslöse. Ich löse ganz verschiedene Motive und Formen raus, ich klebe also nicht an Objekten oder Schatten, obwohl man das vielleicht denken könnte bei der schwarzen Tusche, die ich verwende. Das, was ich im Prozess dieser Übertragung dann freisetze, wird dann auf so eine eigentümliche Weise abstrakt bzw. autonom und ich treibe es dann sozusagen noch weiter.


Claude Horstmann, o.T., 2006/07, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.

Claude Horstmann entdeckt die Autonomie der Zeichen nicht nur im Raum der visuellen Formen, sondern auch in der Sprache. In der Ausstellung, die Horstmann zurzeit in der Kreuzberger Galerie Laura Mars Grp. zeigt, hängt etwa eine Liste, die zwischen freier Assoziationsreihe, Lyrik und konkreter Poesie changiert. Bei Horstmanns Recherche, was es mit dem Text auf sich hat, ergab sich dann, dass es sich bei den Zeilen um Songtitel der inzwischen aufgelösten englischen Girls-Band Electrelane handelt. Steht auf dem Zettel eine ganz private Aufzählung von Lieblingsliedern eines Fans? Oder hat Horstmann in Paris genau die Playlist gefunden, die die Sängerin an die Reihenfolge der im Konzert zu spielenden Stücke erinnert? Dafür würde der Strich sprechen, der zwischen den Songs „Long Dark“ und „Film Music“ die kurze Pause vor der Zugabe markiert… Die Künstlerin präsentiert neben solchen Siebdrucken mit den Inschriften zufällig gefundener Zettel aber auch abstrakte Zeichnungen und Fotografien


Claude Horstmann, “noir plus noir”, 2008, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.

Du erkennst Formen da draußen, die wir normalerweise nicht mal als spezifische Form erkennen würden.
Manche dieser Formen gab es sogar schon in früheren Zeichnungen. Und dann gehe ich durch eine Straße in Stuttgart und denke, was ist denn das für ein Wandloch? Das kenne ich doch, das ist ja wie eine Arbeit von mir. Aber es ist selten, dass ich da praktisch etwas wiedererkenne. Es gibt eher diesen Umgang mit dem Material, den ich betreibe, um etwas herauszulösen. Also genauso, wie bei der Sprache. Das ich vom Bildmaterial sozusagen etwas abziehe, um es freizusetzen. In gewisser Weise öffne ich den Rahmen, erhalte dabei aber eine Abstraktion, die zwar Assoziationen trägt, die aber nie rückführbar ist auf irgendwas Konkretes.


Claude Horstmann, “chantier”, 2009/10, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.

Manchmal sehen die Formen aus wie Pläne.
Es sind aber keine Pläne. Ich beschäftige mich zwar auch mit Bodenformen, das ist aber eigentlich eher untypisch, dass ich mir so etwas fast Thematisches vornehme. Wenn ich etwas benenne, benenne ich nämlich auch gern gleichzeitig das Gegenteil, mir gefällt diese Negierung. Genauso wie das Schwarz ja selbst schon eine Negation ist, setze ich noch mal dasselbe Motiv dagegen, sodass sich die Ebenen wieder aufheben.


Claude Horstmann, “blue straggler, 2007, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.

Was ist die Faszination an so einer Form, die für mich weder erkennbar noch benennbar ist?
Die Form spielt mit etwas Informellem, sie hat also fast einen Nicht-Gestalt-Charakter und dieses Moment zwischen Gestalt und Nichtgestalt findet man auch in den schwarzen Flächen, die ein Loch in der Wand sein könnten oder ein Kopf. Das ist manchmal wie beim Schreiben: Ich öffne die Architektur. In dieser Art von Motiv, die man im eigentlichen Sinn des Wortes als Flecken bezeichnet könnte, durchlöchere ich die Architektur.

Hast du bestimmte Formen in deinem Repertoire?
Ich habe sehr verschiedene und viele Motive, die ich immer mal wieder angerissen habe im realen Raum. Die können fast körperlich werden, so als ob jemand neben mir steht. Dieses sich Kurzschließen mit dem Raum ist meine Methode.


Claude Horstmann, “all the rooms”, 2010, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.

„All the rooms in this house are one room“ heißt eines der Bilder, das klingt rätselhaft.
Dahintersteckt auch wieder ein gefundener Zettel, aber aus meinem eigenen Material. Es ist ein Zitat aus einem Stummfilm von Buster Keateon. Eine Szene, die eingeleitet wird durch diesen Text. Irgendwann hatte ich das mal sporadisch auf ein Post-it notiert in einer für mich auch eher ungewöhnlichen Handschrift. Und als ich diese Ausstellung hier in situ vorbereitet habe, ist mir der Zettel wieder eingefallen und ich habe gedacht, das wäre eigentlich ein schöner Titel. Das passt zu meinem Umgang mit Sprache. Etwas wird benannt, aber es klingt auch schon ein Widerspruch mit. Wie habe ich mir das vorzustellen? Es ist nicht logisch, dieses In-Eins-Gesetzte und zu sagen, das was da ist, hat auch schon den Raum in sich. Alles ist eigentlich da, in jeder Sache schon. Und das ist sehr repräsentativ für die Ausstellung, in der ich versuche ein komplexes Feld zu entwickeln.


Installationsansicht, “Claude Horstmann – Permanent Signal”, Laura Mars Grp. 2010, Courtesy Laura Mars Grp.

Ist das auch so eine Methode, die Fundstücke erstmal für eine Weile in der Schublade verschwinden zu lassen?
Genau. Manches kann eine Zeit lang offen rumliegen, manches andere hebe ich mir für später auf. Ich gucke ewig auf diese Sachen drauf. Und dann ergibt sich plötzlich etwas: Liegt da was drin? Oder liegt da nichts drin?

Claude Horstmann
„Permanent Signal“
noch bis zum 7. August 2010
Laura Mars Grp., Sorauer Straße 3, 10997 Berlin

www.claudehorstmann.de
www.lauramars.de

Erstes Bild > Claude Horstmann, “an plus jaune”, 2008, Copyright by the artist. Courtesy Laura Mars Grp.
Interview & Text > Marcus Woeller

Das könnte dich auch interessieren

  1. Life’s a Circle | Richard Long bei Haunch of Venison
  2. High End Vandalism| Daniel Tagno
  3. Sirius Part IV | Raum 18
  4. Neues aus KW | Roggan, Schäfer, Serra
  5. VIDEONALE 12 / Bonn

Diesen Artikel auf Twitter posten!

Comments

Got something to say?