Das Sammelsurium des John Bock
Juli 29, 2010 · Print This Article

„Gibt es hier eine spezielle Richtung, in die man laufen muss?“, fragt ein älterer, orientierungslos wirkender Herr die junge Frau, die am Eingang von John Bocks elf Meter hoher, begehbarer Skulptur „FischGrätenMelkStand“ steht. Wie oft wurde diese Frage wohl schon gestellt?

Anders, als bei anderen Museen gibt es derzeit in der Temporären Kunsthalle Berlin keine empfohlene Bewegungsrichtung, außer vielleicht: immer der Nase nach. So erklimmt man in Baumhausmanier Leitern, passiert schmale Brücken, muss sich ducken, um durch niedrige Durchbrüche zu klettern und immer auf die Füße achten, sonst stolpert man womöglich über eine der zahllosen Stufen oder fällt wegen der schrägen Böden. Es geht nach oben, nach unten, nach rechts und nach links. Nur nicht geradeaus. Weil Bocks Installation sich jeder Geradlinigkeit verweigert.

Die Wände – so man bei den Konstrukten aus Wellplastik, OSB-Platten, Decken und Autoreifen denn von Wänden sprechen möchte – behängen alte Filmplakate, Werbung, Socken, Pizza, Requisiten vom Dreh der „Unendlichen Geschichte“… Und dazwischen immer wieder auch mit dem, was man eigentlich so Kunst nennt. Werke von 63 Künstlern hat Bock in seiner Superskulptur installiert, darunter Franz Ackermann, Martin Kippenberger und Christoph Schlingensief.

Nur verlässt man Bocks vierstöckiges Sammelsurium nicht mit dem Gefühl „einen echten Kippenberger“ gesehen zu haben. In der Fülle der Eindrücke verschwinden die Einzelheiten, vermischen sich zu einem einzigen, neuen Gesamtkunstwerk. Indem Bock die aus Mode, Architektur, Musik und Theater zusammengetragenen Stücke in eine scheinbar willkürliche Beziehung zueinander setzt, gehen sie neue Beziehungen miteinander ein – und mit den Zuschauern. Die Arbeit Bocks und die Arbeiten der anderen Künstler verschmelzen zu einem labyrinthartigen Museum der Skurrilitäten, wie es sich die Surrealisten nicht besser hätten erträumen können

Übrigens: Den Fischgrätenmelkstand gibt es tatsächlich, es handelt sich dabei sogar um die am stärksten verbreitete Melkstandform. Die Kühe stehen wie Fischgräten schräg mit den Mäulern zueinander und bieten ihren Euter zum Melken da. So können bis zu 60 Kühe pro Stunde gemolken werden. Im übertragenen Sinne ist auch das klassische Museum ein kultureller Melkstand, in dem alle Besucher die gleiche, funktionale Ausrichtung haben. In Bocks Installation passen jedoch lediglich 45 Besucher gleichzeitig und jeder wählt selbst, wohin er seinen Kopf streckt, während er in Bocks Kopf steckt.

John Bock ist eigentlich als Performance-Künstler bekannt. Im „FischGrätenMelkStand“ überlässt er das Performen den Besuchern. Am Donnerstag, dem 29.07., ist er in alter Funktion bei der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf zu Gast und zeigt dort ab 19 Uhr sein „Pfundstück“.

Temporäre Kunsthalle Berlin
Schlossfreiheit 1, Schlossplatz
10178 Berlin
02.07. – 31.08.2010
www.kunsthalle-berlin.com
Julia Stoschek Collection
Schanzenstrasse 54
40549 Düsseldorf
www.julia-stoschek-collection.net
Text > Frederike Ebert
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