
Wann genau hat sich eigentlich die interessierte Öffentlichkeit zum nächstbesten Thema bewegt und stirnrunzelnd behauptet, der Diskurs wäre beendet und überhaupt, die Sache sei doch aus der Welt geschafft? Vom Feminismus ist die Rede, die lila Latzhose mit Bart, verschütt gegangen im so konsumfreundlichen Neoliberalismus der westlichen Hemisphäre. »Hier wimmelt’s nur so von starken Frauen, schau dich doch mal um!« und ja, wir schauen: In die Röhre und näher hin, wenn sich die omnipräsenten Pop-Diven und weiblichen Role Models unserer Zeit, zwischen Bühne, Video-Set und Regenbogenpresse als Sexwunder inszenieren. Pop oder Porn?
Bei der Frage was Rihanna, Beyonce, Shakira, La Roux und Sarah Maple verbindet, mögen manche Leserinnen und Leser ins Stutzen kommen. Nun gut – es handelt sich um Frauen. Vier können als Popstars bezeichnet werden, und alle fünf sind außerordentlich attraktiv, erfolgreich und wirtschaftlich autonom – aber bei dem Argument, dass sie alle in ein post-feministisches Zeitalter zu verorten sind, steigen jetzt wohl Einige aus. Sind Feminismus oder etwa Post-Feminismus nicht mehr up to date bzw. scheinbar unnötiger denn je? Würden wir den Behauptungen junger Sängerinnen wie etwa La Roux Glauben schenken, so kämen wir zu diesem Schluss (siehe stylemag.net Interview vom 1. Juli 2009). Sie meint nämlich, nicht ausgebeutet zu werden und autark im Popbiz zu stehen, ohne für ihre Stellung als Frau kämpfen zu müssen. Schön für La Roux, die Frage ist nur auf welchem Planeten sie wohnt – ich ziehe gerne um.

Polemik beiseite. Ich kann ihr keinen Vorwurf machen, denn was ist von einer Generation zu erwarten, deren Vorgängerinnen wie die Pop-Ikone Kylie Minogue in Talkshows Aussagen machte wie: »Ich bin keine Feministin. Ich mag Männer.« Dieser allgemeinen Ablehnung und dem Missverständnis gegenüber feministischem Gedankengut möchte ich also nachgehen und der damit einhergehenden politischen Praxis, die sich genauso eingespielt hat wie der Begriff Gender-Mainstreaming (damit ist gemeint, wie wir – auf der Grundlage des biologischen Geschlechts – zu Männern bzw. Frauen gemacht werden, ohne ein Dazwischen zuzulassen). Ein Beispiel wäre die Mediendiskussion um die südafrikanische Leichtathletin Caster Semenya 2009. Die genannten Künstlerinnen spielen in ihrer Performativität – also der Art ihrer gegenderten Selbstdarstellung – als repräsentative Frauenfiguren und Puzzleteilchen der »heterosexual matrix« (ein Begriff der durch die feministische Philosophin Judith Butler Anfang der 1990er Jahre geprägt wurde) in den Medien zentrale Rollen. Doch wofür stehen diese Frauen hinsichtlich einer feministischen Politik oder anders gefragt, sind sie mehr als nur übersexualisierte Sing- und Tanzpuppen?
Alle schauen und hören – nicht zu ungern – zu, wenn Rihanna in ihrer derzeitigen Single namens »Rude Boy« zu einem »Phallic Girl« mutiert (eine Einschätzung der Cultural-Studies-Theoretikerin und Feministin Angela McRobbie) und den imaginären omnipotenten Mann – den Kapitän – besingt, der »es ihr mit einem boom so richtig geben soll; denn sie gibt es ihm heute Nacht richtig«. Dabei präsentiert sie sich auf dem Cover in Riotgrrl–Ästhetik nackt in offenen Springerstiefeln hinter einem schwarzen Transparent auf dem in roten Lettern »Rude Boy« zu lesen ist. Differenziert betrachtet darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass Rihanna als Künstlerin ursprünglich vom Dancehall kommt, wo Weiblichkeit also anders kodiert wird und in einem postkolonialen Diskurs um Sexualität zu verorten ist (wie ihn Theoretikerinnen und Theoretikern wie bell hooks, Patricia Hill Collins, Paul Gilroy oder auch Kobena Mercer verhandeln). Doch diese Thematik wird in der gängigen Rezeption vergessen, was unter politischer Marginalisierungspraxis postkolonialistischer Theoretikerinnen und Theoretikern verstanden werden kann. Doch wer betrachtet eigentlich das Popbiz-Geschehen in der Mehrheitsgesellschaft als Konsumentin oder Konsument überhaupt differenziert? Kritische Diskurse interessieren nicht, denn es geht ja schließlich um Konsum.

Einen der lukrativsten und fruchtbarsten Angriffspunkte neoliberaler Ideen repräsentieren nach McRobbie eben junge Frauen. Folglich ist Rihanna in erster Linie sexy. Besonders nackt in Stacheldraht-Bondage auf dem Cover oder in Pornposen im Booklet ihres aktuellen Albums. Shakira, die in einer rassistisch gefärbten Sprache oft von den Medien als die »heiße blondierte Latina« dargestellt wird, gefällt dem Publikum, wenn sie tanzend in einer Ganzkörper-Fango-Packung von ihrem Gesangspartner bespannt wird (Shakira im Duett mit Alejandro Sanz). Und dass Beyonce (in der deutschen Presse auch mal in kolonialem Ton als »Diva aus Ebenholz« bezeichnet) eine fantastische Stimme hat, muss einfach stringent in der post-feministischen Logik darin enden, dass auch sie ihren Körper exponiert. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Beyonce und Shakira female power besingen und in dem gemeinsamen Song »Beautiful Liar« den weiblichen Zusammenhalt proklamieren.
Die beschriebenen Szenarien erinnern stärker an eine Lust am Exotismus als an weibliches Empowerment. Rihannas Performance steht im Gegensatz zur Riotgrrl-Bewegung also nicht im Zeichen einer feministischen Politik. Wofür steht Rihanna dann? Noch in dem Video zu ihrer Single Disturbia durften wir sie in einem Käfig tanzen sehen. Auch Shakira lebt als das monströse Andere, also das Weibliche (eine Darstellungsweise die sich bis in das frühe Mittelalter zurückverfolgen lässt) bereits in einem Käfig – so der Eindruck ihres letzen Videos. Beide Beispiele erscheinen in einer Symbolik, die eher an den um die 1920er Jahre praktizierten Primitivismus à la Josephine Baker und den damit zusammenhängenden weißen Voyeurismus erinnert, als an den verbitterten Kampf um das Seelenheil einer jungen Frau – denn davon singt Rihanna ja schließlich.

Doch warum verwundert diese Darstellung, wenn bereits in der Postmoderne, durch Jean Paul Goudes Inszenierung von Grace Jones in einem Käfig, diese Fantasie für die weiße Mehrheitsgesellschaft wiederaufgelegt und legitimiert wurde? Interpretiert wurden und werden Rihannas Performances im Kontext der häuslichen Gewalt, verübt durch ihren ehemaligen Freund Chris Brown. Es verdeutlicht, worauf uns feministische Aktivistinnen seit den 1970er Jahren hinweisen, dass das Private eben auch das Öffentliche ist. Doch statt auf diese Art der Gewalt zu verweisen, stellt Frau sich in einen Käfig, wird zum »Phallic Girl« und erlaubt Raum zur Interpretation und Lustgefühlen. Wenn Rihanna nun in ihrem Video »Russian Roulette« in einer Art faschistischen Utopie mit klaren historischen Referenzen in einer kriminellen Verhörsituation vor Herzschmerz vergeht und zudem durch die brutalistische Architektur in einer assoziativ aufgerufenen Folterung inszeniert wird, dann frage ich mich inwiefern hier Weiblichkeit, Körper, Schmerz und Terror zu deuten sind. Ihr Körper – der wie so oft fast nackt durchs Bild flimmert – wird nämlich von morphenden Wunden und angedeuteten Schüssen heimgesucht und durchläuft im Video einen sich wiederholenden Verletzungs- und Heilungsprozess. Somit könnte die Darstellung auch als feministische Kritik gelesen werden, was jedoch durch die Selbstverständlichkeit der Binären Mann/Frau und der Ästhetisierung der Tragik im Video unmöglich wird. Denn auch textlich wird nicht auf sozio-kulturelle Missstände verwiesen. Der leidende Körper kann nur in Verbindung mit der heterosexuellen Liebe gedacht und erörtert werden.
Um den zweiten post-feministischen Fall in Relation zu setzen, benötigt es einer Anekdote. In einem bekannten Elektronikfachgeschäft wurde ich Zeugin der Szene, wie sich vor ca. 25 Flatscreens eine weiße männliche Menschentraube bildete, als die MTV Europe Music Awards 2009 des Vortages gezeigt wurden. Der gesamte Raum wurde also in 25-facher Ausführung mit der Performance von Beyonce Knowles beglückt. Der Verkauf erlag und jegliche Beratung stoppte. Die post-feministische Pop-Ikone – die der US-Wirtschaftszeitschrift Forbes zufolge 87 Millionen Dollar im letzten Jahr verdiente und damit das Dreifache ihres Mannes und ein Vielfaches jener Männer, die sich in diesem Moment an ihr ergötzen – erfüllte die Bildschirme und so manche koloniale Begierde. Das Szenario: Beyonce präsentiert sich auf einem roten, pralinenschachtelartigen, mit Satin überzogenen Herzen in knallroten Dessous. Sie wird umringt von einer maskierten und somit anonymisierten Armee von Männern in Anzügen, welche nach einer kleinen Tanz- und Gesangsdarbietung zu Füßen ihrer roten Strapse liegen. Genau wie die Männer vor den Bildschirmen des Fachgeschäftes. Nun stellt sich also die Frage, ob Beyonce die Praline – also das zu vernaschende Objekt – darstellen möchte oder in der Show eher an die Bild-Referenz der »Material Girl«-Performances von Madonna anknüpft und somit das Statement des Material Girls um eine weitere Ebene des Empowerments und zwar der sexuellen Freiheit erweitert? Aber nein, der Song besagt so etwas wie »tätowiere deinen Namen auf mein Herz, sodass wir untrennbar miteinander vereint sind.« Obwohl es sich bei Beyonce Knowles also um eine der bestverdienenden und erfolgreichsten weiblichen Popstars unserer Zeit handelt, stellt sich in mir kein Empowerment-Gefühl ein. Und eigentlich hätte ich mich doch stark, frei und wahnsinnig weiblich fühlen sollen, denn nach dem neoliberalen »Sex and the City«-Motto »Sie hat‘s geschafft, sie ist stylisch, sie ist unabhängig und erfolgreich, sie nimmt sich was sie will. Und vor allen Dingen, trägt sie am Ende einen Ring am Finger.«, stellt Beyonce genau dieses Ideal dar. Doch im Anbetracht der glotzenden Männer, die – zurück zur Anekdote – das Fachgeschäft dominieren, stellt sich ein Unbehagen in mir ein: Wofür steht Beyonce? Wo setzt sie Kontraste? Warum werden Frauenbilder perpetuiert – und hierbei beziehe ich mich auch auf Rihanna – die sich stärker im Rahmen einer biederen neokolonialen Exotismus- und Porno-Ästhetik lokalisieren lassen, anstatt weiter zu denken und die Binären Frau/Mann zu durchbrechen? Zu viel Polemik? Vielleicht zu selten.
Was wir an dieser Stelle nicht vergessen dürfen, beide Künstlerinnen – Rihanna als auch Beyonce – brauchen keinen Feminismus, denn in dem Moment, in dem sie für feministische Ideen einstehen würden, in der Performativität als auch hinsichtlich ihrer Texte, wären sie nicht mehr modern oder gar sexy! Empowerment im post-feministischen Zeitalter bedeutet: Wir sind über jegliche feministische Gender-Diskurse hinaus – »wir knutschen, wen wir wollen« – aber selbstverständlich sind wir nicht lesbisch oder bisexuell »und wenn wir Bock haben, dann posen wir wie im Porno.« In anderen Worten: Ein Mimikry des konstruierten Männlichen wird zum Maßstab der Geschlechtergleichheit gesetzt.
Das was in diesen Performances praktiziert wird, ist eine Maskerade in der feministisches Gedankengut untergraben wird. Dieser bereits angesprochene Dis-Identifikationsprozess hat das Ziel, symbolisch die Idee von Geschlechtergleichheit, Teilnahme und sexuellem Genuss zu evozieren, und daran dürfen ja auch schließlich alle teilhaben. So wird die Erfüllung stereotyper Männerfantasien in einem Elektrofachgeschäft legitim. Doch weshalb Frauen in Deutschland trotz der durch die Popstars imaginierten Gleichheit der Geschlechter noch immer weniger Geld verdienen als Männer, muss Frau ja nicht in Frage stellen. Hauptsache wir sind erfolgreich, sexy und auf gar keinen Fall Feministin.

Mein Unbehagen bleibt also bestehen und führt zu einem letzten Beispiel. Vielleicht auch zu einem jungen Licht-/Ausblick am post-feministischen Horizont? Die Rede ist von der britischen, bildenden Künstlerin Sarah Maple. Im Gegensatz zu ihrer bildsprachlichen Vorgängerin der Neunziger, Tracey Emin, setzt die gerade mal 23-jährige Maple erfrischende Akzente im feministischen Diskurs und macht das Statement »Ich bin Feministin« wieder salonfähig. Ihre Bilder, Fotografien, Performances und Installationen geben Raum für eine Agenda, die darauf hinweist, dass sexuelle Befreiung nichts mit Pornografie zu tun haben muss, kulturelle Identität und daher Hybridität sich in Bildsprache übersetzten lässt und junge Frauen auch inspiriert sein können von feministischen Ideen. Sarah Maple ist besonders in der Einfachheit ihrer Performances – wie der Aktion »Page 3 Girl« – in der sie ihre Version des »Seite-Drei-Mädchens« in einschlägigen Zeitungen verteilte und somit auf die Absurdität der Existenz dieser alltäglichen Erniedrigung von Frauenkörpern hinweist, überzeugend. Ihre Kunst verwebt einen Popstarstatus und eine Selbstinszenierung à la Tracey Emin, Cindy Sherman, Sophie Calle und Sarah Lucas und vielen mehr. Diese Frische hat ihr bereits den von der Saatchi Gallery und Channel Four ausgeschriebenen »4 New Sensations Award« eingebracht. Für alle die, die also keine Lust mehr haben, sich die im Loop laufenden Inszenierungen nackter Frauenpopos hinter Gitterstäben anzuschauen, sei empfohlen sich der Kunst dieser jungen feministischen Künstlerin zu widmen. Es geht doch: Pop ohne Porn und stattdessen die Möglichkeit eines unverstellten, politischen Feminismus, der es nicht nötig hat, mit Strapsen zu winken, um attraktiv zu sein.
all images are courtesy of salon
contemporary, london
/ saloncontemporary.com
/ sarahmaple.com
Text > Nana Adusei-Poku
Bilder > Sarah Maple
Maple, Jahrgang 1985, ist eine Künstlerin aus Sussex, Großbritannien. Nach ihrem Kunststudium an der Kingston University, gewann sie den »4 New Sensations«-Preis, vergeben von The Saatchi Gallery und Channel 4. Zurzeit arbeitet sie als artist in residence in New York an diversen Ausstellungsprojekten. Von April bis Juni 2010 sind Einzelausstellungen im MoMA PS.1 New York, in Toronto und in Athen in Planung. Im Herbst 2010 wird Sarah Maple erstmalig auch in München und Köln präsentiert werden.
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danke, guter text!! schade nur, dass die bemerkungen zu sarah maple derartig knapp waren, denn ich kannte sie bisher nicht, bin aber neugierig geworden.