
Womöglich ist Kanada das Schweden Nordamerikas: Elche, Bären und neblige Waldgeister, kontrastiert von hypermodernen, sozialpolitisch austarierten Metropolen südlich des Polarkreises. Auch musikalisch ist die innere Exteriorität zu Westeuropa respektive den USA ähnlich gelagert. Aktuelles Zeugnis sind Austra, ein kaum klassifizierbares Synthie-Trio aus Toronto, irgendwo zwischen Pop, New Wave, New Romantics und klassischer Oper. Alleinstellungsmerkmal: Diese Stimme! Wohl niemand, der Austras Debüt-Album zum ersten Mal hört, wird sich der ätherischen Magie von Katie Stelmanis, Multi-Instrumentalistin, Sängern und Songschreiberin, entziehen können. Zusammen mit ihrer Freundin, Produzentin und Percussionistin Maya Postepski und dem Bassisten Dorian Wolf ist Katie Stelmanis ein erstaunlicher Wurf gelungen: Katies über allem schwebende und dennoch kraftvolle Stimme gibt dem elegant tanzbaren Synthie-Sound von Austra eine Aura, die – wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen – sonst nur bei Fever Ray und The Knife anzutreffen ist.
Katie verbrachte ihre Jugend obsessiv mit klassischer Musik: Debussy, Mozart und Puccini, vor allem Operngesang. Doch Austra sind trotz ihrer unvergleichlichen Stimme kein reines Soloprojekt; im Unterschied zu Katies Soloalbum trägt Austra auch die deutliche Handschrift von Schlagzeugerin Maya Postepski und dem Produzenten Damian Taylor, der bereits Björk, The Prodigy und Unkle den letzten Schliff verpasste. Besetzungstechnisch und genderpolitisch sind Austra keine klassische Girlband, sondern mixed und queer. Katie ist offen lesbisch, ein Song wie „Young and Gay“ buchstabiert wörtlich aus, was das unzensierte Video der Vorab-EP „Beat And The Pulse“ ästhetisch formuliert: feminine Sexualität als V-Effekt phallozentrischer Blickökonomien. Austra sind Luce Irigaray für die Moroder-Disco.
Austra „Feel It Break“
erschienen auf Domino
Austra live:
9. Juni
20.00
Berghain Kantine
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin
Text > Sami Khatib