
Sie will keine Journalistin sein, obwohl sie Informationen vermittelt, genauso wenig eine Dichterin, trotz der Arbeit mit poetischen Dingen – Yto Barrada möchte sich und ihr Werk nicht so einfach kategorisieren lassen. Seit den 1990er Jahren umkreist sie stattdessen auf sehr eigene Weise ihre marokkanische Heimatstadt Tanger. Mit Filmen, Fotografien, Installationen, Skulpturen und Interventionen nähert sie sich der Stadt und ihren Bewohnern ohne jede Sensationslust an. Als „Künstlerin des Jahres 2011“ ausgezeichnet, zeigt das Deutsche Guggenheim nun unter dem Titel „Riffs“ ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland.

Bereits der Ausstellungstitel ist charakteristisch für das Werk Barradas, aber auch für die gesamte Ausstellungskonzeption. „Riff“ ist eine rhythmische Figur aus der Musik, verweist aber gleichzeitig auf das in Tanger wiedereröffnete „Cinéma Rif“ sowie auf das marokkanische Rif-Gebirge, von dem aus die Aufstände der historischen Splitterrepublik geplant wurden. Yto Barrada selbst ist ebenso multiperspektivisch wie der Titel mehrdeutig. Aufgewachsen mit doppelter Staatsbürgerschaft in Tanger und Paris, befindet sich die Künstlerin in einer paradoxen Situation. Nach zehn Jahren im Ausland sind ihr die europäischen Mythen einer freizügigen, orientalischen Kultur vertraut, doch ist sie keineswegs unbeteiligte Beobachterin.

Entsprechend vielschichtig zeigt sich auch die Konzeption der Ausstellung, die der komplexen Arbeit der Künstlerin mit der Schaffung einzelner, geschlossener Räume gerecht wird. Eine Holzkonstruktion in der Mitte des Raumes erweitert nicht nur die Präsentationsfläche, sondern schafft gemeinsam mit zwei Filmbereichen Intimsphären für den Besucher. Buchstäblich aus unterschiedlichen Blickwinkeln kann der Besucher so Barradas wechselseitige Sichtweise nachempfinden: Die großformatigen Fotografien sind auf der ganzen Höhe der Wände angebracht. Hier wie in ihren Filmen zeigen sich soziale und kulturelle Unterschiede, Probleme der Stadtentwicklung und Momentaufnahmen der Bewohner.

Unberührte Natur präsentiert sich neben im Stadtraum fast verödeten Bäumen, Alltagsszenen neben heruntergekommener Betonarchitektur. Die Filminstallationen werden durch Wände von ihrer Umgebung abgeschirmt, in dem dunklen Unterraum des Holzgerüstes und auf dem erhöhten Holzpodest gezeigt. Hier fügt sich auch unauffällig eine Miniatur des „Cinéma Rif“ in die Holzkonstruktion ein, während ihr auf der ersten Etage eine spielzeugartige Installation und im anschließenden Bereich im Erdgeschoss eine bunt leuchtende Metallpalme gegenübersteht.

Yto Barrada versucht gar nicht, sich für eine Position zu entscheiden. Vielmehr verschmelzen Außen- und Innenperspektive in ihrem Werk. So erhält der Betrachter einen vielseitigen, scheinbar zufällig ausgewählten Einblick in das urbane Leben mit all seinen Freuden, aber auch seinem Elend. Indem Barrada sich der Fotografie bedient, führt sie ihre Doppelperspektive auf eine neue Ebene, die auf der Kontroverse um die Möglichkeit einer neutralen Perspektive basiert. Zwischen Poesie und Politik gelingt Barrada so mit ihren Arbeiten eine neue fotografische und filmische Repräsentation ihrer Heimat, die so gar nicht dem vorherrschenden Afrika-Diskurs in den Massenmedien entsprechen möchte.

www.deutsche-guggenheim.de/ex_ytobarrada
Deutsche Guggenheim: „Artist of the Year 2011“: Yto Barrada: „Riffs“, 15. April – 19. Juni 2011, Berlin.
Bildcredit > Teresa Köster und Marcus Woellerm
Text > Teresa Köster
Broken Language | José Parlá bei Haunch of Venison LondonDieser Beitrag wurde am Freitag, Mai 20th, 2011 um 11:18 publiziert. es ist abgelegt unter cultureund verschlagwortet mit art, culture, Deutsche Guggenheim, Morocco, photography, yto barrada. Du kannst die Antworten zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen.
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