
Was ist gute Kunst? Die Frage stellt sich immer wieder neu und auf der Biennale von Venedig, die letzten Samstag eröffnete, immer öfter. Markus Schinwald, der Künstler des Österreichischen Pavillons, verdient dieses Prädikat. Nicht nur weil viele Länderbeiträge in diesem Jahr eher schwach waren, sondern weil seine Arbeit unmittelbar gefangen nimmt, auf verschiedenen Ebenen, ohne sich gleich platt zu erklären, noch sich in pseudomysteriöses Theoriedunkel oder in die zurzeit so beliebte, semidokumentarische Kunstrecherche zu verabschieden.
Zuvorderst, ehe sich inhaltliche Fragen stellen, besticht Schinwalds Arbeit durch ihre ästhetische Qualität und das durchgängig in allen Gattungen, die sie in den Pavillon einflicht: Architektur, Malerei, Skulptur, Installation und Film. Schinwald entwirft in all diesen unterschiedlichen Medien Bilder, die ganz direkt, ohne Umschweife, man könnte sagen einfach – funktionieren. Im allerbesten Sinne oberflächlich gelingt es ihm, die Betrachter und Betrachterinnen für seine Kunst einzunehmen und dann unter diese Oberfläche hinabzutauchen.

Schinwald hat in den 1934 von Josef Hoffmann entworfenen Pavillon eine komplexe Architektur einbauen lassen. Ein schwebendes Labyrinth aus engen Gassen, Korridoren und sich öffnenden Räumen. Zunächst fallen Wandskulpturen auf, die sich wie große Insektengliedmaßen um die Ecken schieben, filigrane Ornamente formen und den Blick lenken und gleichsam irritieren. Eigentlich sind es Readymades: historisierende Tischbeine aus Holz, die den geradlinigen Einbauten und der modernen Architektur Hoffmanns den eleganten Schwung früherer Epochen entgegensetzen. In Nischen und am Ende der Gänge tauchen dann „überarbeitete“ Ölgemälde auf. Schinwald kauft auf Auktionen und in Galerien nämlich alte Bilder, hauptsächlich Portraits, und modifiziert sie mit rätselhaften Körperanpassungen, die mal wie prämoderne Piercings wirken, dann wieder als individuelle Prothesen scheinbare Verstümmelungen zu verdecken scheinen. Schinwald spielt mit der Verschleierungs- bzw. Verbesserungstechnik der Retouche und verändert die Realität der in den Bildern dargestellten Personen, aber auch die Realität des Werks an sich. Denn die Bilder stammen zwar größtenteils aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, tragen aber zeitgenössische Titel wie „Gallagher“ oder „Nell“ sowie das Datum 2011 und verweisen so kaum noch auf ihren ursprünglichen ikonografischen Kontext.
Höhepunkt des Pavillons aber ist der Film „Orient“, der in zwei Loops in den beiden größeren Kammern läuft. Hier interagieren verschiedene Personen mit einer modernen aber gleichwohl ruinösen Architektur – unklar ob es sich um eine Kulisse oder ein reales Gebäude handelt. Sie ertanzen sich Räume, choreografieren einen Ort. Dabei bleiben sie in Nischen stecken, winden sich am Boden, richten sich die Wäsche oder fangen an zu schweben. Erzählt wird aber kein durchgängiger Plot, einzelne Episoden fungieren eher wie die Strophen in einem Gedicht. „Die Protagonisten und Protagonistinnen agieren nicht in einer zeitlichen Abfolge von Ereignissen, sondern verstehen sich als Phrasen eines emotionellen Diskurses“, so Schinwald. Sie gehen auf Tuchfühlung mit ihrer Architektur, wie die Betrachter mit der Pavillonarchitektur; sie tanzen minimal bis exaltiert, wie die Tischbeine über die Wände. Enigmatisch bis slapstickartig ergänzen sich die Szenen des Films mit den skulpturalen und malerischen Interventionen sowie den durch den Pavillon schleichenden Besuchern zu einer durch und durch gelungenen Präsentation.
Eva Schlegel, Kunstprofessorin, Kuratorin und Kommissarin des Österreichischen Pavillons, hätte man für ihre Auswahl des Künstlers und ihr Engagement ihn sein Konzept so konsequent (besonders baulich) umsetzen zu lassen, mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag belohnen sollen. Es kam anders… Markus Schinwald (geboren 1973 in Salzburg, lebt in Wien und Los Angeles) jedenfalls wird auch ohne Auszeichnung als einer der spannendsten Künstler der Biennale 2011 in Erinnerung bleiben.
Markus Schinwald, Österreichischer Pavillon, 54. Internationale Kunstausstellung – Biennale di Venezia, Giardini, Venedig, noch bis zum 27. November 2011
Text > Marcus Woeller
Fotos > Susanne Röllig