
Preview bedeutet auf der Biennale: trotzdem in der Schlange stehen; dieselben Leute sehen wie in Berlin; aber Partys in schönerem Ambiente. Alle zwei Jahre öffnet die venezianische Kunst- und Menschenausstellung schon ein paar Tage früher für all die Journalisten, Kuratoren, Künstler, Sammler, Fotografen und sonstige „Art Professionals“ ehe die älteste Biennale der Welt traditionell an einem Samstag eröffnet. Um das Schlangestehen zu vermeiden, benötigt man den Tag der Pre-Preview, (das versuche ich mir bis zum übernächsten Jahr zu merken.)

Venedig bedeutet während der Preview der Biennale: endlich einmal als das genutzt werden, als das sich die Stadt am allerbesten eignet. Nämlich als Bühne; als urbane Partylocation; als Ort, der seine eigentliche Funktion erst durch den Tumult, die Hysterie, die Exaltiertheit eines altmodischen Kulturfestivals wiedererfährt.

Das wohl mit Abstand beste Essen fuhr Guy Pieters, Galerist mit Niederlassungen in Paris und St. Paul in Frankreich sowie Knokke und Sint-Marten-Latems in Begien, in einem der wohl mit Abstand größten Gebäude, die Venedig zu bieten Hat, auf. Die Scuola Grande della Misericordia aus dem 16. Jahrhundert bietet mit einer Halle im Erdgeschoss und einem 20 mal 50 Meter großen, freitragenden Saal im Obergeschoss einen atemberaubenden Versammlungsraum, der Präsentation und Repräsentation durch schiere Größe vollzieht. Da will man natürlich kein aufgetautes Fingerfood servieren, sondern der Grandezza der Scuola und dem Pomp der ausgestellten Skulpturen von Jan Fabre gerecht werden: mit jeder Menge Foie gras, Austern im Trüffelespuma, marinierten Jakobsmuscheln und Prosecco Superiore etc…

Hugo Boss hostete den Empfang des Amerikanischen Pavillons in gleichfalls opulentem Ambiente. Der Palazzo Zen ai Frari in San Polo aus dem 15. Jahrhundert ist zum Teil heute noch bewohnt, und empfing seine Besucher mit einem romantisch verfallenden Hof, einem intimen Garten mit frühgotischem Springbrunnen, einem stets im Mittelpunkt der Party stehenden Doppelbett und im Piano Nobile mit einem Buffet, das auf Antipasti-Klassiker und Bellinis setzte…

Der Verein der Freunde der Nationalgalerie mietet sich für einen Abend in einer der wohl europaweit exklusivsten Locations ein, der Piazza San Marco. Im Café Lavena, direkt vis-à-vis vom Campanile spielte eine Band auf und die vornehmlich Berliner Biennaleschickeria unterhielt sich über Preise: solche, die man gewinnt, erzielt oder zu zahlen bereit ist…
Island, bekannt für seine trotz Finanzmisere immer bestgelaunten Partys, sprengte den Rahmen des Palazzo Zenobio. Clou des als armenisches Kolleg genutzten Gebäudes ist der für Venedig selten große Garten. Leider zieht er stets zehnmal so viele Menschen an, wie er aufnehmen kann. Und die Finanznot zeigt sich bei den isländischen Partys immer schnell daran, dass die Getränke ausgehen…

Florida und Kalifornien schlossen sich für einen Abend zusammen. Im Palazzo Contarini Dagli Scrigni nahe der Accadèmia-Brücke wurde die Ausstellung “Venice in Venice” eröffnet und nebenan das 15-jährige Jubiläum des MOCA North Miami gefeiert. Auch hier wurde getestet, wie viele Menschen eine gotische Architektur aufnehmen und aushalten kann. Courtney Love hielt es jedenfalls aus und performte live…


Die Istanbuler Rampa Gallery ehrte ihre Künstlerin Ayse Erkmen für die Ausrichtung des Türkischen Pavillons mit einem Empfang auf der „Terrazza Europa“ des Hotels Regina, dort wo sich der Canal Grande in die Lagune öffnet. Gegenüber von Santa Maria Maggiore und Pinaults Punta della Dogana feiert es sich elegant und praktisch, denn die Terrasse ist gleichzeitig Anlegesteg der leider unbezahlbaren Wassertaxis…

Ganz im Gegensatz zum Chic der meisten Empfänge präsentierte sich das Land mit dem notorisch höchsten Lebensstandard als Gastgeber eher rustikalerer Töne. Als Partylocation hatte Kanada sich ein Gymnasium mit Kreuzgang und großem Innenhof ausgesucht. Hier feierte man dann auch eher ein lässiges Fest im Stil einer Abiparty mit Getränkebons und halbschlechtem DJ als das Meet-and-Greet einer post-barocken Kunstszene. Schon deshalb: rundum gelungen…

Karla Black, die Anwärterin des Turner-Preises und Gastgeberin des Schottischen Pavillons, der sich ganz im Sinne neo-europäischen Separatismus außerhalb der nationalen Präsentation Großbritannines in den Giardini zeigt, lud zur Feier ganz rustikal in eine Bar beim Rialto-Markt. Traditionell ein Ort wo auch die Venezianer feiern…

Egal ob bodenständig oder mit Stopfleber – nach den Partys bleibt die Erkenntnis, dass schon wegen dieser unbedingten Partytauglichkeit Venedigs man die Stadt auf keinen Fall in der Lagune versinken lassen sollte.
Fotos > Courtney Love: Courtesy of A. Colonna + S. Ferrando
Alle anderen Fotos: Susanne Röllig
Text > Marcus Woeller