
Mit Kunstausstellungen ist es wie mit Menschen: Stellt man zu hohe Erwartungen an sie, kann man nur enttäuscht werden. Ebenso verhält es sich mit der Überblickssausstellung „Based in Berlin“, die sich ganz den „emerging artists“ verschrieben hat, das heißt Künstlern, die erst in den vergangenen fünf Jahren größere Erfolge zu verzeichnen hatten. In sechs Wochen Ausstellung, ergänzt um Filme, Konzerte und Performances, soll „Based in Berlin“ anhand von rund 80 ausgewählten internationalen Künstlern aus allen Bereichen aktuelle Entwicklungen aus der Berliner Kunstproduktion vorstellen. Der Druck konnte dabei kaum höher sein: Initiiert von Klaus Wowereit, hatten auch einflussreiche Kuratoren wie Hans-Ulrich Obrist, Klaus Biesenbach und Christine Macel ihre Hände im Spiel, die für die Auswahl der fünf jungen Ausstellungsmacher verantwortlich waren. Es überrascht also nicht, dass das Projekt bereits im Vorfeld durch die Medien ging.

Am 8. Juni eröffnete „Based in Berlin“ nun, zu deren Anlass die Berliner Kreativszene in Scharen zum Atelierhaus am Monbijoupark pilgerte. Das, was man schließlich zu sehen bekam, ernüchterte zunächst. Doch was hatte man eigentlich erwartet? „Based in Berlin“ sollte der hier produzierten Kunst eine angemessene Präsentationsfläche bieten, aber vor allem sollte die Ausstellung das neue Selbstverständnis der Kulturmetropole repräsentieren und behaupten. Wowereit ging sogar mehrfach soweit – trotz aller Kritik –, eine „Leistungsschau“ zu fordern. Die politischen Ansprüche haben dem Konzept und der Kunst eindeutig geschadet: Zu groß scheint der Wille gewesen zu sein, der Welt zu beweisen, wie offen Berlin für experimentelle Kunst, für Arbeiten aus allen Medien ist, dass dabei der kritische Blick bei manchen Werken in den Hintergrund getreten zu sein scheint. Woran es hier wesentlich mangelt, ist der Zusammenhalt durch ein gemeinsames Thema, das sich durch die Räume und Institutionen wie ein roter Faden ziehen würde, statt sich lediglich auf den geteilten Produktionsort zu berufen.

Doch obwohl die Auswahl in ihrer Gesamtheit nicht kohärent scheint, können einzelne Arbeiten bei „Based in Berlin“ überzeugen und das Atelierhaus stellt dafür einen gelungenen Mittelpunkt dar. Rocco Berger zeigt so etwa ein sich immer transformierendes „Ölgemälde“, bei dem Altöl ungleichmäßig an lose an der Wand angebrachten Plastikfolien herunter fließt. Die Apparatur, von Berger selbst zum Künstler erklärt, erzeugt mit Unterstützung eines Ventilators flüchtige Formen, die wie Zeichnungen erscheinen. Was er dabei jedoch nicht bedachte: Das Werk kann sich in seiner neuen Position auch von seinem eigenen Erfinder emanzipieren – und das hat es getan. So zieht es das „Ölgemälde“ vor, eine raumbestimmende Installation zu werden, denn das Öl setzt seinen Fluss bis auf den Betonboden fort und breitet sich langsam, aber beharrlich auf der Bodenfläche aus, statt, wie ursprünglich geplant, in einer unteren Rinne aufgefangen zu werden.

Mariechen Danz wiederum empfindet den Körper und seine Organe plastisch nach, deren Modelle sich lediglich durch eines von ihren Vorbildern unterscheiden: die Materialwahl. Sie bestehen nun aus gepresstem Heu, Glassplittern, Beton oder kleinen Steinen und beweisen so, dass auch in anatomischen Modellen große ästhetische Qualitäten schlummern können. Ein anderer Ausstellungsraum beherbergt diverse kleinteilige Arbeiten: Einer Kopie von Duchamps berühmten „Fahrrad-Rad“ werden buchstäblich Hörner aufgesetzt; Marienmotive auf einem Teppich entfremdet; ein verdrahteter Geier hat sich auf einem Stein im Raum niedergelassen. In einem nahe gelegenen Keller kann man unter anderem Zeuge von über 40 türkischen Hochzeitszeremonien in der Videoarbeit „Wedding“ werden. Auf diesem Wege beschäftigt sich Köken Ergun mit einem Thema, das in Berlin immer aktuell zu sein scheint: Er fragt nach kultureller Identität, ihrer Aufrechterhaltung durch Rituale, ihrem zeitlichen Wandel, hier ebenso wie in der Türkei.

Mit Ideenreichtum, kunsthistorischen Bezügen, zum Teil mit humorvollen Neuinterpretationen, zum Teil mit Bezugnahmen auf Alltag, Erinnerung und Wissenschaft leisten diese Entdeckungen unter den Nachwuchskünstlern spannende Arbeit, die irritiert, erheitert, sinnlich erfahren wird oder neue Sicht- und Umgangsweisen vermittelt. Wer nun neugierig geworden ist: Noch bis zum 24. Juli besteht die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von der Ausstellung zu machen.

Atelierhaus im Monbijoupark: „Based in Berlin“, 8. Juni – 24. Juli 2011, täglich 12 – 24 Uhr.
Weitere Ausstellungsorte: KW Institute for Contemporary Art, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Neuer Berliner Kunstverein n.b.k., Berlinische Galerie.

Bilder + Text > Teresa Köster