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Blüten unserer Zeit | Vanitas und Kitsch in der Alfred Ehrhardt Stiftung

Was auf der Wiese noch vor Leben strotzt, könnte kaum vergänglicher sein, sobald sie der Menschenhand unterlegen ist. Die Köpfe knicken ein, die zuvor kraftvoll in die Höhe ragenden Blüten hängen trostlos herab; ihre einstigen Farben werden langsam von einem matten Braunton überzogen – alles Leben verlässt sie und dennoch kaufen wir sie, verschenken sie an unsere Liebsten oder zollen mit ihnen den Toten die letzte Aufmerksamkeit: Blumen.

Während sie seit jeher traditionelles Bildmotiv gemalter Stillleben war, ist sie der zeitgenössischen Kunst nahezu abhanden gekommen, könnte man meinen. Dass dieser Eindruck jedoch täuscht, beweist derzeit die Ausstellung „Blumen – Zeitgenössische Fotografie“ in der Alfred Ehrhardt Stiftung, für die sich Kurator Matthias Harder auf die Suche nach den Blüten unserer Zeit gemacht hat.

Fündig ist er dabei vor allem in der Fotografie geworden, die mit einer vielseitigen inhaltlichen Auseinandersetzung, abwechslungsreicher Inszenierung und technischer Experimentierfreude an dem bedeutungsschweren Blumen-Motiv überrascht. Nach umfangreichen Ausstellungen in den Vereinigten Staaten und in Japan zeigt die Stiftung nun eine Auswahl von achtzehn Künstlern und ihren Werken, die von der Überblickspublikation „Flower Power“ begleitet wird. Darunter finden sich zahlreiche bekannte Namen, sie alle verbindet die Faszination der Bedeutungsvielfalt, die Blumen inne wohnt. In Amin El Dibs Schwarz-Weiß-Fotografien ist die Blütezeit der Schnittblumen bereits lange vorüber, schon hängen die Köpfe auf der Tischplatte. Den Sonnenblumen Wilfried Bauers ist schon so lange Zeit jegliches Leben entwichen, dass man zwei Mal hinsehen muss, bis man sie als solche erkennt.

Zeuge der Entwicklung hin zu diesem trostlosen Zustand kann der Besucher etwa bei Luzia Simons und Michael Wesely werden. Als Scan oder durch Überlagerungen lassen sich auf den Bildern erste Makel erkennen, die bereits auf das nahende Ende der Blume hinweisen. Während es hier vor allem der barocke Leitsatz der Vergänglichkeit alles Irdischen ist, zeigen Christian Rothmann und Stephan Erfurt – letztere in der sich am schnellsten wandelnden Form der Fotografie: dem Polaroid – die unbedarfte Sicht auf die Blumen: In voller Pracht strotzen sie hier vor Leben, ihre Farben leuchten in der Sonne, von Vergänglichkeit keine Spur. Vorstellungen von Schönheit bis hin zu Kitsch sind es auch, mit denen Fischli/Weiss’ leuchtende Fotografien sowie Vera Mercers Stillleben in koloriertem Schwarz-Weiß arbeiten und immer wieder unterschiedliche Zustände in nur einem Bild implizieren.

Das Arrangement durch Menschenhand spitzt sich bei Holger Niehaus noch zu: Seine Blumen beschneidet er, sodass die scheinbar wahllos gewachsene Schönheit der Natur strengen geometrischen Formen unterworfen wird. Nicht zurechtgestutzt, sondern wesentlich drastischer zerstört, werden die Vasen von Martin Klimas. Die Blumen blühen hier noch, doch die Vase zu ihren Stielen wird von einem Hochdruckschussgerät in seine Einzelteile zerlegt – Vergänglichkeit wird hier nur von einer anderen Seite angegangen.


Gruppenausstellung „Blumen  Zeitgenössische Fotografie“, 02. Juli bis 02. Oktober, Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststr. 75, 10117 Berlin.

www.alfred-ehrhardt-stiftung.de

Bilder + Text  > Teresa Köster

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